Vernetzung, Digitalisierung, Corona Zurück

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Foto: Clubcommision

Den einen hängt es schon zum Hals raus, die anderen sind froh, dass sie so immerhin noch am Kulturleben teilhaben können: Mit dem Streamen von Kulturinhalten wird versucht aus der Not eine Tugend zu machen. Wir haben uns drei Berliner Streaming-Plattformen mal genauer angeschaut und Bilanz gezogen: Wer nutzt die Angebote? Springt dabei auch etwas für die Künstler raus?
 

Text Boris Messing  

 

Seit einem Jahr sind die Schotten dicht und das halbe Kulturleben hat sich im Eiltempo ins Internet verlagert. Konzerte, Performances, DJ-Sets, Vernissagen – alles spielt sich immer noch größtenteils im Digitalen ab. Ein Datum, wann sich das ändern wird und alles wieder zurück zur Normalität kehrt, gibt es nicht. So bleibt auch weiterhin nur die Möglichkeit des Streamens: stream stream stream, whenever I want you, all I have to do is stream stream stream – das wussten schon die Everly Brothers, die großen Propheten der 1950er. Wir haben einen Blick geworfen auf die Berliner Streaming-Landschaft und wollen euch hier drei vorstellen, die bisher ganz gut damit gefahren sind:  
 

TV Noir

Wir haben versucht, aus der Notsituation das Beste zu machen: Gleichzeitig mit der Einführung eines neuen, pandemiefähigen Formats haben wir unser Mitgliedschaftsmodell gestartet, bei dem uns Liebhaber unserer Arbeit monatlich unterstützen. So explizit für die zu arbeiten, die diese Arbeit am meisten schätzen, ist ein neues und ein sehr schönes Gefühl

Das Team um TV Noir, hier in Schwarz und Weiß. Foto: André Carré

Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet TV Noir seine exklusiven Konzertreihen, bei denen meistens deutsche Singer-Songwriter im Zentrum stehen. Die kunstvoll gemachten Schwarzweiß-Aufnahmen der Konzerte waren auch schon vor der Pandemie über YouTube und andere Kanäle einem breiteren Publikum zugänglich. Der Mix aus Talkshow und Live-Performance zog und zieht seinen besonderen Reiz aber selbstverständlich aus der Tatsache, dass es immer auch ein Live-Publikum gab – das macht am Ende die stimmungsvolle Atmosphäre aus, die jedem Konzert innewohnt. 

Mit der Charity-Livestream-Reihe  "Aus meinem Wohnzimmer" wurden dann von März bis Mai 2020 mehr als 20 Konzerte über die TV Noir-Kanäle und die Facebook- und Instagram-Kanäle der Musiker ausgestrahlt, die live aus ihren Wohnzimmern performten. So kamen mehr als 50.000 Euro zusammen, die an insgesamt 25 Musiker flossen. Dadurch inspiriert entstand schließlich die Idee zu TV Noir + - dabei wurden von August 2020 bis zum Februar dieses Jahres 10 weitere Shows gestreamt, die im Hauptquartier von TV Noir in Kreuzberg hochwertig produziert wurden. Für das Jahr 2021 sind mindestens 16 weitere Shows geplant. Zugänglich sind sie über ein spezielles Membership-Modell. Und auch nach der Pandemie soll TV Noir + als eigenständiges Format fortlaufen. So können neben den Live-Performances zusätzliche Konzerte realisiert werden.

TV Noir hat mittlerweile tausend Mitglieder, die Spenden der Nutzer gehen allerdings größtenteils für die aufwändigen Aufnahmeproduktionen der Konzerte drauf. Mit einer größeren Anzahl an Bezahl-Abos wird sich das vermutlich sehr bald ändern. Fest steht in jedem Fall: durch das Hybridmodell – Live-Konzerte und Live-Streamings – werden auch nach der Pandemie mehr Musikerinnen und Musiker die Chance haben, bei TV Noir zu spielen.
 

Berlin (a)live

Mit Berlin (a)live wollen wir auch weiterhin einen wichtigen Beitrag zur notwendigen Digitalisierung des Kulturbetriebs leisten. Wir möchten Theatern, Opern und Museen genauso wie Einzelkünstler*innen neue Wege aufzeigen, ihre Live-Events digital zu präsentieren – Berlin (a)live als digitale Bühne für alle, die Lust auf Experimente haben

Das Team von Berlin (a)live und on line. Foto: 3pc

Die Idee zu Berlin (a)live war am Küchentisch entstanden und wurde in nur fünf Tagen in die Tat umgesetzt. Über die Plattform können sich seit März 2020 Künstler aller Sparten mit ihrem Publikum vernetzen, Berlin (a)live versteht sich dabei als eine Art digitaler Kulturkalender. Ob Konzert, Theater, Oper oder Kunstausstellung – Akteure können ihre Kulturevents auf Berlin (a)live anlegen und mit ihrem Facebook-, YouTube- oder anderen Kanälen verbinden, wo die Livestreams dann stattfinden. Bisherige Bilanz: 50.000 Nutzer aus 126 Ländern und weit über 200.000 Seitenaufrufe. Der überwiegende Teil des Publikums kam aus Deutschland, aber viele auch aus den USA, Großbritannien, der Schweiz und Österreich. Damit wirkt die Plattform über Berlin hinaus und möchte dieses Konzept auch noch nach der Pandemie weiterverfolgen.

Da Berlin (a)live nur eine Vermittlerrolle einnimmt, lässt sich nicht konkret ermitteln, wieviel Geld die Künstler darüber generieren konnten, bei mehreren tausend Events ist aber davon auszugehen, dass etwas dabei heraussprang. Und Geld ist auch nicht alles, es geht auch um die Reichweite: neben dem Erhalt der Kunst- und Kulturszene will die Plattform auch künftig bereitstehen, Theatern, Opern, Museen und Solokünstlern Wege aufzuzeigen, ihre Live-Events digital zu präsentieren und dadurch ein neues Publikum zu gewinnen. Neu ist auch eine Kooperation mit ALEX Berlin (Berlin (a)live @Night), wo Künstlern regelmäßig eine Bühne für ein internationales digitales Publikum geboten wird.


United We Stream

Zuerst die gute Nachricht: keiner der ca. 280 Berliner Clubs muss bisher wegen der Pandemie dicht machen. Aber fast alle Clubs sind hart auf Kante und brauchen den letzten Rest an Ersparnissen, Krediten und Soforthilfen auf. Glaubt man einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA-Umfrage) Ende 2020, dann stehen sage und schreibe 94 Prozent der Clubs und Diskotheken in Deutschland vor der Pleite. Und selbst wenn die Clubs in den nächsten Monaten wieder öffnen dürfen, ist nicht davon auszugehen, dass sie sofort wieder auf Normalbetrieb schalten, es wird spekuliert, dass es bis Ende 2022 dauern könnte, bis die Clubs wieder ihr volles Programm auffahren können. Das hängt im Wesentlichen mit der Vorausschaubarkeit der Ereignisse und der dadurch garantierten Planungssicherheit zusammen. Interessant wird auch zu sehen sein, welche Konsequenzen das Berghain-Urteil vom Juli 2020 auf die Berliner Clubszene haben könnte. Das Berghain hat vor Gericht erstritten, dass Clubnächte steuerlich zu behandeln sind wie Konzerte. Das bedeutet, dass Eintrittserlöse für Techno- und House-Konzerte steuerermäßigt sind. Auf dieses Urteil könnten sich auch andere Berliner Clubs berufen, um damit einen kleinen, aber nicht unwesentlichen Finanzvorteil zu haben.

Insgesamt gehört die Clubkultur zusammen mit der Gastronomie und dem Tourismus zu denjenigen Bereichen, die es am härtesten getroffen hat. Dank des Kurzarbeitergeldes konnten immerhin die ca. 9000 festen Mitarbeiter der Berliner Clubszene gehalten werden. Und dann ist da natürlich noch United We Stream, die seit Beginn der Pandemie fast täglich DJ-Sets auf ihrer Plattform livestreamte, immer aus einem anderen Club. Die Streams gab es eine Weile sogar auf der Arte-Mediathek zu sehen. Durch Spendenaufrufe von United We Stream kamen so 550.000 Euro zusammen, die an 66 Clubs ausgeschüttet wurden. Bei einem geschätzten Gesamtumsatz der Berliner Clubszene von 170 Millionen Euro (Stand: 2017) ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber: United We Stream hat die Sichtbarkeit der Berliner Clubszene enorm gesteigert. Die Plattform wurde im März 2020 ins Leben gerufen und hat seitdem weltweit über 40 Millionen Views generiert. Sie zeigt einmal mehr: die Berliner Clubszene ist weltweit einmalig und ein kulturell zu schützendes Gut. Derzeit strahlt United We Stream nur noch zu speziellen Ereignissen DJ-Sets aus, wie jetzt gerade zum internationalen Frauentag oder beispielsweise vor wenigen Monaten im Naturkundemuseum in Berlin. Die Clubcommission Berlin rechnet damit, dass es auch nach der Pandemie digitale Clubräume geben könnte, mindestens als Hybridmodell. So können mehr Menschen an Clubnächten teilhaben, wenn sie nicht vor Ort sein können. United We Stream, das scheint festzustehen, wird es in jedem Fall auch noch nach Corona geben.


Neben den Berliner Streaming-Plattformen können Künstlerinnen, Musiker und Performer aller Couleur auch andere Plattformen nutzen, um ihre Kunst und Kultur einem Publikum zu präsentieren. Ein grober Überblick findet sich hier bei uns.

Rubrik: Specials

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