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Stoff mit Pump

Stoff mit Pump
Foto: © Ruby Limes

Rund 8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Diabetes. Über 70.000 davon tragen eine Insulinpumpe - was meist weder praktikabel ist noch gut aussieht. Frida Lüth, gelernte Journalistin, will das ändern: Sie hat Ruby Limes gegründet und entwickelt Unterwäsche für Insulinpumpenträger - modisch, funktional, unauffällig. Wie funktioniert das ganze?
 

INTERVIEW   Jens Thomas 

 

CCB Magazin: Frida, du hast Ruby Limes gegründet. Erzähl uns: Was ist Ruby Limes? 

Frida Lüth:Wir stellen Unterwäsche mit versteckter Tasche für Insulinpumpenträger*innen her. Ganz einfach und ganz schick. Die Pumpe wird in einer von außen nicht sichtbaren Tasche verstaut. Der Tascheneinlass am Bund bietet die Möglichkeit, die Insulinpumpe unauffällig herauszunehmen. Für die zusätzliche Belastung beim häufigen Rein- und Rausschieben der Pumpe ist der Einlass mit einem weichen Gummizug sowie einer besonders festen Naht verstärkt. So lösen wir ein medizinisches Problem modisch.

CCB Magazin:Wie kamst du auf die Idee?

Frida Lüth:Ich bin Quereinsteigerin und komme aus dem Journalismus. Seit ich 18 bin, nähe ich meine Wäsche selber. Mit Ende Zwanzig hatte ich eine Schreibkrise – da hab‘ ich das Nähen wieder aufgenommen. Plötzlich gab es eine Nachfrage nach meinen Sachen. Und eine Bekannte, die Insulinpumpenträgerin ist, kam zu mir und fragte mich, ob ich nicht mal eine Tasche für ihre Pumpe nähen könnte, die sich in die Unterwäsche integrieren lässt. So fing alles an.

Hatte eine Idee: Frida Lüth. Sie stellt Unterwäsche für Insulinpumpenträger*innen her. Foto: Ruby Limes
 

CCB Magazin:Und das Produkt funktioniert wie?

Frida Lüth:Die Insulinpumpe ist ungefähr so groß ist wie ein IPod oder eine Zigarettenschachtel, in etwa fünf mal neun cm groß. Die Pumpe muss jederzeit zugänglich und 24 Stunden am Tag mit einem Schlauch und einem Katheter mit dem Körper verbunden sein. Der Katheter sitzt in der Regel in der Bauchregion. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Gürtelclips oder Bauchgurte zu tragen. Männer stecken das Gerät auch oft in die Hosentasche. Manche Insulinpumpenträger basteln sich zudem eigene Halterungsmöglichkeiten. Unser Ansatz ist, dass wir ein Produkt erschaffen, das nicht nach einem Medizinprodukt aussieht, aber medizinisch funktioniert. Von außen ist die Pumpe nicht sichtbar. Sie sitzt in einer versteckten Tasche.

Eine Bekannte, die Insulinpumpenträgerin ist, kam zu mir und fragte mich, ob ich eine Tasche für ihre Pumpe nähen könnte, die sich in die Unterwäsche integrieren lässt. So kam die Idee von Ruby Limes auf

CCB Magazin:In Deutschland gibt es aktuell  rund 8 Millionen Menschen mit Diabetes. 340.000 Menschen sind in Deutschland von Diabetes Typ 1 betroffen, über 70.000 davon tragen eine Insulinpumpe. Nicht jeder möchte sein Gesundheitsproblem ästhetisieren. Gab es Leute, die sich gestört fühlten oder beschwert haben?

Frida Lüth:Nein, eigentlich nicht. Insbesondere Frauen fühlen sich durch die Pumpe aber häufig in ihrer Kleiderwahl eingeschränkt. Auch haben wir von Männern auf Messen und Veranstaltungen die Rückfrage bekommen, was denn mit ihnen sei, wieso es keine Boxershorts gebe. Wir dachten, Männer sind da pragmatischer als die Frauen. Da haben wir uns wohl getäuscht. Das Schöne ist ja: Unser Produkt ist flexibel einsetzbar. Es gibt Kunden, die unsere Wäsche jeden Tag und an sämtlichen Kleidungsstücken tragen. Andere sagen, ach, das ist eine super Option zum Schlafen, so habe ich keinen Kabelsalat. Wiederum andere - auch Nicht-Diabetiker - stecken den Schlüssel beim Joggen oder ihr Geld beim Tanzen in die Tasche. Wir bieten lediglich eine Option an, wie man die Insulinpumpe tragen kann - modisch, funktional, unauffällig.

CCB Magazin:Für was steht der Name Ruby Limes?

Frida Lüth:Der Name beruht auf unseren Unternehmensfarben: Ruby steht für rubinrot und Limes für limettengrün. Wir wollten etwas, das nicht nach Diabetes und Krankheit klingt, sondern nach Spaß und Freude.

Pumpt: Die Unterwäsche für Insulinpumpenträger*innen von Ruby Limes. Foto: Ruby Limes
 

CCB Magazin:Das Projekt verlangt eine große Expertise, sowohl gesundheitlich als auch modisch-ästhetisch. Wie findet das alles in einem Projekt zusammen? Und wie viele arbeiten an Ruby Limes mit?

Frida Lüth:Ich arbeite alleine, ziehe aber die Expertisen anderer heran. So arbeite ich beispielsweise eng mit Insulinpumpenträger*innen sowie mit Ärzt*innen und Diabetesberater*innen zusammen. Über das Berliner Startup-Stipendium, über das ich gefördert wurde und das über die Hochschulen FU, TU und die Charité läuft, standen mir innerhalb des ersten Jahres viele Diabetologen und Ärzte zur Seite. So konnte ich wichtige Fragen klären, welche Stoffe ich nehmen kann, welche technischen Aspekte es braucht etc. Am Ende haben wir 60 Stoffe getestet, bis wir einen gefunden haben, der gepasst hat. Denn der Stoff muss Halt bieten. Er darf auch nicht zu dick sein. Die Spitzen müssen das Gewicht der Pumpe halten können und dennoch weich bleiben, sodass sie nicht in die Haut schneiden. Dazu haben mir viele Testpersonen zur Seite gestanden, die alle in ganz unterschiedlichen Berufen arbeiten. Ich habe einfach eine wahnsinnig dankbare Zielgruppe, die froh ist, dass jemand mal etwas für sie tut. Die Designs mache ich wiederum selbst, so wie die Produktentwicklung. Letztes Jahr habe ich zusätzlich auch mit einer PR-Agentur zusammengearbeitet. Fest angestellt bin aber nur ich. 

Bei Ruby Limes fließen die verschiedensten Expertisen zusammen: Die von Diabetologen, Ärzten sowie modische Aspekte. Die Produkte werden auch von Nicht-Diabetikern getragen. Man kann den Schlüssel auch einfach nur beim Joggen in die Tasche stecken. Ruby Limes ist flexibel einsetzbar

CCB Magazin:Ist Ruby Limes dein einziges Produkt?

Frida Lüth:Bislang ja. Es gibt aber verschiedene Ausführungen. Angefangen habe ich mit zwei Panty Styles für Frauen. Irgendwann kamen kurze Tops dazu, später lange Tops und Männer-Boxershorts. Wir haben auch noch Sensorcover entwickelt, falls man möchte, dass sie mal nicht sichtbar sind. Ich reagiere immer auf die Anfragen der Kunden, die mit Anregungen und Wünschen auf mich zukommen. Und ich mache Umfragen, um zu entscheiden, welches Produkt als nächstes angegangen wird. 

CCB Magazin:Rund 60 Prozent aller Kreativunternehmen scheitern innerhalb der ersten fünf Jahre. 78,4 Prozent der Startups in Deutschland finanzieren sich teilweise aus eigenen Ersparnissen. Hinzu kommen staatliche Fördermittel, geliehenes Geld von Freunden, der Familie sowie Business Angel Capital. Wie hast du das Projekt finanziert? Und darf ich fragen, ob du davon leben kannst? 

Frida Lüth:Ich bin ich auf einem guten Weg, um davon leben zu können. Ein Unternehmen wie Ruby Limes eigenfinanziert aufzuziehen, das ist wahnsinnig aufwändig, und die entscheidende Frage ist, wie es nach der ersten Zeit weitergeht. Ich hatte Glück; ich habe ein Stipendium für ein Jahr erhalten. Für die Zeit nach der Gründung gibt es leider wenig Unterstützung. Business Angels oder ähnliches ist eher für größere mittelständische Unternehmen gedacht. Ich frage mich tatsächlich, weshalb es keine Förderung für die ersten Jahre gibt. Bis jetzt hat sich die Anfrage jedes Jahr verdoppelt. Zunächst habe ich nur online verkauft. Im zweiten Jahr ging es los mit Handelspartnern, zwei große und zwei kleine in Deutschland. Ich wachse - langsam aber gesund.

CCB Magazin:Du sprichst von Handelspartnern. Welche sind das?

Frida Lüth:Firmen, die meine Produkte in ihren Shops verkaufen. Mittlerweile gibt es auch Diabetes-Bedarfshandel und Fachgeschäfte, die meine Produkte in Deutschland und Dänemark vertreiben. Hinzu kommen Arztpraxen und Diabetesberater, die mich unterstützen. Ziel ist es, auch im Ausland vermehrt mit Partnern zusammenarbeiten.

CCB Magazin:Inwiefern spielt auch der Nachhaltigkeitsgedanke eine Rolle?  

Frida Lüth:Bei uns kommt alles aus Europa. Jeder einzelne Zulieferer ist bewusst ausgewählt. Ich achte zudem auf hohe Qualität und faire Produktion. Genauso schaue ich, dass die Sachen zertifiziert sind und besuche die Produktionsstätten, mit denen ich zusammenarbeite. Derzeit habe ich zwei kleine in Berlin, wovon eine eine integrierte Nähwerkstatt ist und einen Familienbetrieb im Ausland.

CCB Magazin:Abschließende Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass das Produkt von anderen kopiert wird und es dein Label nicht mehr braucht?

Frida Lüth:Diese Gefahr besteht immer. Und es gibt sicherlich Marken, die ähnliches anbieten. Mein Produkt unterscheidet sich von anderen aber klar durch den modischen Aspekt. Mein Ansatz ist, dass sich keines der Produkte von außen von Wäsche herkömmlicher Hersteller unterscheidet. Im Grunde ist der beste Schutz vor Kopie, eine gute eigene starke Marke zu sein, und dazu gehört auch eine starke Kundenbindung. Wenn jemand aber die Idee unbedingt kopieren will, macht er das. Momentan fühle ich mich noch relativ sicher. Die Nische ist zu speziell, als dass es die große Industrie interessiert. Kleinere Firmen müssen diesen langen Weg der Entwicklung und Qualitätssicherung erstmal nachmachen. Zudem habe ich treue und tolle Kunden. Eine kleine Community, die mir offen begegnet ist. Dadurch macht die Arbeit umso mehr Spaß.

Rubrik: Innovation & Vision

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