Digitalisierung, Nachhaltigkeit Zurück

Gib Stoff

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Foto: © Europäischer Kulturpreis

Die Modewelt verursacht jährlich Umweltschäden in Milliardenhöhe. Hannah Kromminga, Gründerin der App GIFTD und des Modelabels SILFIR, will ein Zeichen setzen: Über ihre App können gebrauchte Kleidungsstücke verschenkt werden. Die Kollektion ist zu 100 Prozent biologisch oder mechanisch recycelbar. Wie funktioniert das Konzept?
 

INTERVIEW   Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hannah, du bist Expertin für textile Kreislaufwirtschaft. Du hast die App GIFTD entwickelt und das nachhaltige Modelabel SILFIR gegründet. Ihr nennt die SILFIR-Kollektion „sustainable fashion – The Soft Workwear Uniform“. Auf den ersten Blick ist sie vor allem eines: weiß. Was ist das Besondere daran?

Hannah Kromminga: Die Kollektion ist ein schlichter, nachhaltiger Unisex-Zweiteiler, der für alle Körperformen und jede Tätigkeit geeignet ist. SILFIR steht für innovative Unisex-Kollektionen, die auf einem Circularity-Konzept beruhen, das heißt auf transparenten Material- und Wertschöpfungsprozessen. Es geht uns aber nicht nur um die Kleidung, sondern auch um den Lebenszyklus der Kleidungsstücke.

CCB Magazin:SILFIR basiert auf dem Konzept der Kreislaufwirtschaft. Wo liegt das Problem?

Hannah Kromminga:Das Problem ist, dass in Deutschland jedes Jahr 230 Millionen fabrikneue Kleider geschreddert, verfrachtet oder verbrannt werden. Laut Greenpeace wird jedes fünfte Kleidungsstück so gut wie nie getragen. Die weltweite Textilproduktion hat sich zwischen 2014 und 2020 in etwa verdoppelt – 2020 wurden rund 200 Milliarden Kleidungsstücke weltweit hergestellt. Zudem verursacht die Textil- und Lederindustrie nach Angabe der Energieagentur IEA einen jährlichen CO2-Ausstoß von rund 89 Millionen Tonnen. Es ist klar, dass wir so nicht weitermachen können. Darum recyceln wir alle unsere Stoffe und bieten zusätzlich einen umfassenden Reparatur- und Recyclingservice an. Der Wasser-, CO2- und Abfallverbrauch wird zudem für jedes Kleidungsstück signifikant reduziert. Über ein von uns entwickeltes Rücknahmesystem ermöglichen wir jedem Kunden, den Anzug zurückzusenden oder über die App GIFTD an Freunde, Familie und Nachbarn zu verschenken.

In Deutschland werden jedes Jahr 230 Millionen fabrikneue Kleider geschreddert, verfrachtet oder verbrannt. Jedes fünfte Kleidungsstück wird so gut wie nie getragen. Hier brauchen wir neue Lösungen

CCB Magazin:In eure Kollektion ist zusätzlich ein ID-Chip integriert, der über alle an der Produktion Beteiligten, Herstellungsverfahren und -prozesse informiert, wenn man mit dem Handy über das Etikett fährt. Was hat es damit auf sich?

Hannah Kromminga:Wir wollen Transparenz schaffen! Vorläufermodell unseres ID-Chips ist die Kollektion der Modedesignerin Ina Budde. Wir waren mit SILFIR sozusagen der erste Berliner Prototyp. Der ID-Chip ist eine Art Circularity-ID, das heißt, er ist in jedes Kleidungsstück integriert und ermöglicht Kunden per QR-Code-Scan oder URL, der Herstellungsgeschichte online bis ins Detail nachzugehen: Wer war alles an der Produktion beteiligt? Wo kommen die Stoffe her? Wurden sie fair gehandelt und wurden die Arbeiter fair bezahlt? Denn wir reden hier über kein nationales Problem, sondern über eines von internationaler Tragweite: Vom Verkauf eines T-Shirts, das hierzulande 29 Euro kostet, bleiben zum Schluss 18 Cent für die Näherinnen in Bangladesch übrig. Außerdem hilft die Circularity-ID den Recyclern, die Kleidungsstücke zu identifizieren und die genaue Zusammensetzung zu erkennen. Letzteres ist wiederum ausschlaggebend für eine sinnvolle Wiederverwertung.

CCB Magazin:Wie stellt man so eine Kollektion her? Nach welchen Kriterien sucht ihr die Materialien aus? Wo und wie wird produziert? Werden eure Mitarbeiter auch fair bezahlt? Und an welchen Stellen sagt ihr auch mal: Nein, das machen wir nicht.

Hannah Kromminga:Die Mitarbeiter unserer Produktionspartner werden alle fair bezahlt, und die Materialien suchen wir nach der Naturverträglichkeit aus. Uns treibt der Zero-Waste-Gedanke an, das heißt: Jedes Kleidungsstück ist so konzipiert, dass es wieder zu hundert Prozent biologisch oder mechanisch recycelt werden kann. Alles ist aus den innovativsten und nachhaltigsten Bestandteilen zusammengesetzt. Die Schnitte werden von unserer Designerin Anja Krause hier in Berlin konzipiert und mit Materialien aus der Circular-Fashion’s-Datenbank realisiert. Produziert wird nach Fair-Wear-Foundation-Standards in Nordportugal. Ein No-Go für uns ist, Nachhaltigkeitsstandards für das Design über Bord zu werfen. Die Nachhaltigkeit steht immer an erster Stelle. Das ist natürlich eine Gratwanderung, denn zu hundert Prozent nachhaltig kann man gar nicht sein.



Oben: Lenny Kravitz jung? Nein, ein uns unbekannter Mann im weißen SILFIR-Anzug. Foto © Studio CNP. Unten: die App GIFTD, über die alte Klamotten neu in Umlauf kommen. Foto © Karolina Leckowskaya.
 

CCB Magazin:Ihr setzt am Konzept der Kreislaufwirtschaft an. Dem wird oft entgegengehalten, dass es nicht vom Überkonsum abrückt. Die Studie „Fashion at the crossroads“ von Greenpeace kritisiert, die Modebranche unterliege dem Irrglaube, dass man immer so weitermachen könne, wenn sich nur alles wieder in Kreisläufe zurückführen lasse.

Hannah Kromminga:Dem würde ich nicht widersprechen. Beides muss aber kein Widerspruch sein. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft setzt ja an der zentralen Prämisse an, Abfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Alleine in Deutschland fallen pro Jahr über eine Millionen Tonnen Kleidungsmüll an. Das können wir nicht mehr ignorieren. Und natürlich geht das nur durch ein Abrücken vom Überkonsum. Darum muss Kleidung auch lange haltbar sein, und man muss sie zum Schluss zurückgeben können – entweder wird das Produkt biologisch in die Kreisläufe zurückgeführt, indem es kompostierbar wird, oder es lässt sich technisch in seine Einzelteile zerlegen und recyceln. Ein Problem der Modeproduktion ist zum Beispiel, dass Reißverschlüsse oder Knöpfe nicht einfach kompostierbar sind. Darum ist die technische Recycelbarkeit so wichtig, und auch hier setzt unsere App GIFTD an: Wir schaffen eine neue Ressourcenallokation, wodurch die Weiterverwendung bis zum kompletten Verschleiß garantiert wird. Der Moment des Recyclings lässt sich so maximal hinauszögern.

CCB Magazin:Aber wie verdienen Modelabels damit Geld? Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele kleine Modelabels von ihrer Arbeit kaum leben können. Und die großen Ketten setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit, sprich: Sie machen den kleinen Labels Konkurrenz. Wie schafft man es, sich als nachhaltiges Modelabel auf dem Markt gegen andere und vor allem gegenüber der Großindustrie zu behaupten?

Hannah Kromminga:Dazu braucht es Investitionen, um möglichst schnell auf eine konkurrenzfähige Auflage zu kommen. Das gelingt den allermeisten Labels aber nicht. Was die kleinen Labels schaffen: Sie üben Innovationsdruck aus. Sie sind die Impulsgeber und stoßen Themen an – und sie profitieren davon, dass sie von Anfang an dabei sind und von vornherein Herstellung und Vertriebs- sowie Wachstumsstrategie nachhaltig gestalten. In diesem Punkt haben sie sogar einen Vorteil gegenüber den Großunternehmen, was im Übrigen auch der Pulse Report 2019 der Boston Consulting Group belegt: Gerade die großen Labels und Ketten werden Jahre bis Jahrzehnte am Markt brauchen, um sich an den Nachhaltigkeitstrend anpassen zu können – die Umstellung ist aufwändig und kostet Geld. Die allermeisten kleinen Labels werden nicht zu großen konkurrenzfähigen Marken aufsteigen. Trotzdem nehmen sie durch ihre Innovationen in der Materialentwicklung, im Herstellungsprozess sowie beim Vertriebsmodell eine wichtige Vorreiterrolle für die gesamte Branche ein.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft setzt an der zentralen Prämisse an, Abfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Alleine in Deutschland fallen pro Jahr über eine Million Tonnen Kleidungsmüll an. Das können wir nicht mehr ignorieren

CCB Magazin:Zum Schluss noch einen Tipp bitte: Wie baut man ein nachhaltiges Modelabel nach Kreislaufwirtschaftskriterien auf? Und wie kann man, ohne Nachhaltigkeitsstandards zu verletzen, davon leben?

Hannah Kromminga:Ein nachhaltiges Modelabel baut man genauso auf wie jedes andere Business. Man muss sich ein klares Konzept überlegen und gerade am Anfang viele Anpassungen vornehmen, um das Produkt auf dem Markt platzieren zu können. Das ist nicht einfach. Viele Labelbetreiber*innen haben darum weitere Projekte, weil es sonst finanziell nicht reicht. Auch mein Hauptprojekt ist GIFTD, die App. Und ich rate allen: Seid nicht so verliebt in eure Ideen! Schaut, dass sie funktionieren. Eure Mission muss sinnvoll sein, für euch, aber auch für andere. Ich würde jedem Gründer eines Modelabels empfehlen, erst einmal die Standard-Software-Startup-Bücher etwa von Eric Ries zu lesen. Daraus wird man schlau.


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Rubrik: Innovation & Vision

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