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Hannes Bajohr: "Wir haben es mit einer ständigen Amnesie zu tun"

Hannes Bajohr: "Wir haben es mit einer ständigen Amnesie zu tun"
Foto: © privat

Das Wort Künstliche Intelligenz versetzt viele kreative Köpfe in Angst und Schrecken. Der Berliner Autor und promovierte Philosoph Hannes Bajohr experimentiert bewusst mit KI und hat damit seinen neuen Roman verfasst. Was kann eine KI, was ein Mensch nicht schafft? Ein Gespräch über ein Leben in und mit der Technik, die das literarische Werk erfasst.

 

INTERVIEW Anna Raab

 

CCB Magazin:Herr Bajohr, Sie sind Literat und experimentieren mit KI-Programmen. Hat die KI letztlich bessere Ideen als Sie selbst?

Hannes Bajohr:Nein, die KI macht zunächst ja nur, was ich ihr in Auftrag gebe. Sie ersetzt mich also nicht als Autor, sondern fungiert als Tool, und dabei kann sie durchaus gute Ideen generieren. Sie bleibt letztlich aber ein Werkzeug, das nur Rohtext produzieren kann – den ich als Autor dann verarbeite oder weiterschreibe.

CCB Magazin:Das heißt, sie kann nichts, was ein Autor nicht kann?

Hannes Bajohr: Das kommt darauf an, was Sie damit anstellen wollen. ChatGPT zum Beispiel, woran die meisten Leute denken werden, wenn wir von KI sprechen, ist literarisch ein recht uninteressantes Instrument. Es nutzt eine bloße Durchschnittssprache, die keinen besonderen Stil hat. Interessanter sind eigens trainierte Modelle. Damit arbeite ich – das heißt, ich suche mir aus, was für mich von Relevanz ist und nehme die entsprechenden Texte als Trainingsdatensatz, dessen Output ich im Anschluss bearbeite. Dadurch wird die KI flexibler, sie bleibt letztlich aber ein Instrument.

Ich hatte neben GPT-J für meinen neuen Roman GPT-NeoX genutzt. Hier hatte ich das Gefühl, dass sich vier Welten zu einer vereinen und noch weitergesponnen werden. Das fand ich faszinierend

CCB Magazin:Sie sind ein namhafter Autor und haben 14 Bücher geschrieben. Für Ihren im Herbst erscheinenden Roman „Berlin, Miami“ haben Sie die KI GPT-J einen ganzen Roman schreiben lassen – und sie zuvor mit vier deutschen Gegenwartsromanen trainiert. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Und warum haben Sie sich für diese KI entschieden?

Hannes Bajohr:Neben GPT-J habe ich auch GPT-NeoX genutzt. Beide sind offene Sprachmodelle, die sich für Autor*innen besonders gut eignen, weil sie sich auf eigenen Text trainieren lassen. Anders als bei ChatGPT sage ich hier nicht: „Schreibe einen Roman“, sondern ich setze auf das Prinzip der „next word prediction“. Das heißt, ich gebe einen Buchstaben ein und das System generiert daraus einen ganzen Satz, den ich dann behalte oder verwerfe. Aus den Gegenwartsromanen lernt es auch einige Marotten und bestimmte Sprachmuster, die immer wiederkehren; zudem tauchen existierende Figuren auf. Hier hatte ich das Gefühl, dass sich vier verschiedene Welten zu einer vereinen und noch weitergesponnen werden, das fand ich faszinierend. Insgesamt lässt sich mittels GPT-J besonders gut experimentieren, oft weiß man auch gar nicht, was am Ende dabei herauskommt. Darum sind die freien Modelle auch brauchbarerer als die kommerziell verfügbaren wie ChatGPT, Bard oder Claude, die sich vor allem für Zusammenfassungen oder generische Texte eignen, in ihren Ergebnissen aber erwartbar bleiben.

CCB Magazin:Merkt man den Ergebnissen denn nicht an, mit welchen Romanen Sie das Programm trainiert haben?

Hannes Bajohr:Das merkt man dem Text durchaus an, das ist ja auch mein Ziel. Einer der vier, mit denen ich die KI trainiert habe, Juan Guses Miami Punk, sticht dabei besonders heraus. Das liegt daran, dass er mit seinen über 600 Seiten der längste ist.

CCB Magazin:Und Sie haben keine Angst davor, dass man Sie als Autor irgendwann nicht mehr ernst nimmt, wenn Sie sich derart von einer KI leiten lassen?

Hannes Bajohr:Nein, ich habe immer schon experimentelle Literatur verfasst, und auch das hier ist ein Experiment. Es wäre ja auch falsch zu sagen, „die KI“ habe den Roman geschrieben – sie macht Vorschläge, die ich annehme: Satz für Satz, Absatz für Absatz. Ich kommuniziere so gesehen mit einer Maschine und die Maschine mit mir, ich behalte dabei aber die Autorschaft. Dieser Prozess ist unglaublich spannend. Man sollte den Roman darum auch mehr als ein Versuchsobjekt sehen und dementsprechend lesen.

CCB Magazin:Sie sind 1984 in Berlin-Friedrichshain geboren und in Bonn aufgewachsen. Sie haben Philosophie, Germanistik und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität studiert und mit einer Arbeit über die Philosophie Hannah Arendts abgeschlossen. Promoviert haben Sie auch noch. Gerade Hannah Arendt hat die Technologisierung und Bürokratisierung als Eingriff in das menschliche Handeln empfunden. Sie greifen bewusst mittels Technik ein. Haben Sie die jeweiligen Autor*innen der verwendeten Romane denn um Erlaubnis gefragt?

Hannes Bajohr:Zwei der vier Autoren kenne ich ganz gut, denen hatte ich von meiner Idee erzählt. Die anderen habe ich nicht gefragt. Im Moment ist das ja alles noch rechtlich erlaubt, denn es gibt noch keine klaren Regelungen zu dieser Art von Verarbeitung. Was verboten wäre, wäre eine bloße Kopie der Texte. Mein Experiment ist aber weder eine Kopie noch ein Plagiat, es ist eine statistische Neugenerierung oder Pastiche – und damit kann das Recht bisher noch nicht umgehen. Juristische Regelungen hierzu werden sicher bald von der EU beschlossen.

CCB Magazin:Wie wird der Einsatz von KI das Berufsfeld von Autor*innen verändern?

Hannes Bajohr:Die KI wird Aspekte der redaktionellen Arbeit ersetzen können – und damit wird sie ökonomisch relevant. Einen literarischen Autor oder eine Autorin ersetzen wird sie nicht. Denn bisher hat kein KI-Programm ohne menschlichen Co-Autor einen qualitativ hochwertigen Roman schreiben können. Das wird meiner Meinung auch so bleiben. Und einen Bestseller- oder „Qualitäts“roman, wie er beispielsweise bei Suhrkamp erscheinen würde, wird eine KI erst einmal nicht hinbekommen.

CCB Magazin:„QualiFiction“ ist aber das erste KI-generierte Programm für Belletristik und könnte in Zukunft zumindest die Arbeit von Literaturagenturen übernehmen. Es kann Manuskripte auf ihre Eignung prüfen und, wenn man es richtig trainiert, auch Groschenromane schreiben. Sind sie sich sicher, dass Sie ihre Aussage in ein paar Jahren nicht korrigieren müssen?

Hannes Bajohr:Das denke ich nicht, denn um logische, aber auch emotionale Fehler zu erkennen, braucht es immer noch den Menschen. Mit der KI kann man künftig vielleicht deutlich schneller Groschenromane schreiben. Man muss das Ganze aber realistisch sehen: Keiner will eine Art von Gleichförmigkeit, darum wird es auch in Zukunft sowohl den Autor/die Autorin als auch den Literaturagenten/die Literaturagentin geben. Was passieren wird: Die Faszination gegenüber KI wird abebben. Diese Programme sind im Moment noch etwas ganz Neues, Faszinierendes, bisweilen auch Angsteinflößendes. Das gilt im Übrigen für alle technischen Innovationen, bei der Durchsetzung von Google oder auch Rechtschreibprüfprogrammen war das nicht anders. Mittlerweile diskutiert niemand mehr darüber.

Die KI wird Aspekte der redaktionellen Arbeit ersetzen können – und damit wird sie ökonomisch relevant. Einen literarischen Autor oder eine Autorin ersetzen wird sie nicht

© Yvonne Tenschert

CCB Magazin:Aber im Bereich Literatur stellt sich doch die Frage, ob solche Programme auch Emotion erzeugen können. Können sie das?

Hannes Bajohr:Ich weiß nicht, ob Sie schon mal ausprobiert haben, mit ChatGPT „Kunst“ zu schaffen? Versuchen Sie sich mal an Lyrik. Das Programm kann zwar prinzipiell Gedichte produzieren. Sie sind aber banal, und es gibt kaum andere Möglichkeiten als den Paarreim. Außerdem hat das Programm einen unglaublichen Hang zum Kitsch und zur Melodramatik. Es ist nichts anderes als eine glorifizierte Textvervollständigung, da ist kein Raum für Intellekt oder gar für emotionale Tiefe. Ich würde daher sagen: Ein KI-gemachter Roman kann durchaus berühren – aber eben nur, wenn ein menschlicher Co-Autor die Maschine richtig bedient.

CCB Magazin:Und, ist Ihnen das bei Ihrem Romanexperiment gelungen?

Hannes Bajohr:Die Ergebnisse sind total absurd und komisch. Aber das war auch mein Ziel: zu beweisen, dass eine KI an sich nicht erzählen kann. Denn Erzählungen beruhen immer auf dem Ursache-Wirkung-Prinzip – und genau daran scheitert die KI. Als statistische Maschine kann sie nicht nach dem Prinzip „wenn…, dann…“, also in Kausalitäten denken, sondern geht immer davon aus, dass zwei Dinge gleichzeitig passieren, sie denkt also in Korrelationen: „dann…, dann…, dann…“ – das ist aber noch keine Erzählung. Außerdem vergisst die KI Sachen, verwechselt Figuren, bringt Zeitebenen durcheinander. Man hat es hier mit einer ständigen Amnesie zu tun, mit einer vergesslichen und kaputten Maschine, die Absurditäten erzeugt. Ich persönlich finde das Ergebnis sehr unterhaltsam, aber es liest sich weniger wie ein Roman, mehr wie ein sehr surrealistischer Text. Und man darf nicht vergessen, dass ich immer wieder eingegriffen habe, wenn es mir zu bunt wurde.

CCB Magazin:Eine KI lebt nicht, sie hat keine Vergangenheit. Autofiktionale Texte sind gerade ziemlich im Trend, der Nobelpreis ging letztes Jahr an Annie Ernaux. Denken Sie, eine KI wäre auch dazu fähig oder könnte Autofiktion vielleicht sogar die eine ernsthafte Konkurrenz bleiben?

Hannes Bajohr:Das ist in der Tat eine sehr interessante Frage, vor allem literaturtheoretisch gesehen. In erster Linie muss man sich fragen, in welchem Verhältnis das persönlich Erlebte zu dem finalen Textergebnis steht. Ist ein Text denn nichts mehr wert, sobald sich herausstellt, dass das Erzählte erfunden ist? Liegt die Aufgabe der Literatur in der Expression von Erlebtem? Genau diese Fragen machen den eigentlichen Wert der Debatte aus. Ich habe schon von mehreren Seiten gehört, dass diese Technologisierung von Literatur, die wir gerade erleben, zu einer „Rehumanisierung“ von Literatur führt. Autofiktion, Memoiren, allgemein ein Abheben auf Identität – es kann schon sein, dass das jetzt immer wichtiger wird. Aber, wie gesagt, ich glaube nicht daran, dass sich Literatur vollständig automatisieren lassen wird. Der Witz ist ja, dass wir uns auch bei autofiktionalen Texten nicht sicher sein können, ob da eine KI im Spiel war oder nicht – wir müssen uns einfach auf das Gegenteil verlassen.

Die KI bleibt eine Symbolmaschine, die von der realen Welt nichts weiß

CCB Magazin:Das heißt also, dass wir nicht mehr unterscheiden können, was KI-erzeugt ist und was nicht? Gleichzeitig behaupten Sie, dass eine KI keine hochwertige Literatur schreiben kann, auch in Zukunft nicht. Wenn wir beim Beispiel Autofiktion bleiben: Könnte man das Programm dann nicht einfach mit persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen füttern und es daraus eine Autobiographie schreiben lassen, ein ganzes Leben quasi?

Hannes Bajohr:Diese Maschinen können gut mit Formen umgehen, mit Text als reinem Aufeinanderfolgen von Zeichen. Sie könnten also durchaus Notizen eingeben, die das Programm dann in eine andere Form bringt, in ein neues Gefäß. Aber tagebuchartig abstrakte Erlebnisse und Gefühle einzugeben – daraus würde kein im traditionellen Sinn literarischer Text entstehen. Die KI bleibt eine Symbolmaschine, die von der realen Welt, von Leben und Leiden, nichts weiß; was nicht heißt, dass sie nicht dennoch auch unterhaltsamen oder eben experimentellen Text produzieren kann.

CCB Magazin:Wie wird sich diese Realität durch KI künftig verändern? Könnte es dazu kommen, dass der Autor/die Autorin in Zukunft sogar eine Aufwertung erfährt, weil sie weiterhin für das Menschengemachte stehen, das durch die Zunahme von KI auf dem Prüfstand steht?

Hannes Bajohr: Subjektivität wird immer wichtiger. Gerade im journalistischen Bereich sehen wir zunehmend, dass die Leute sehen wollen: hier steht ein Mensch dahinter. Auch deswegen werden Videoformate, Podcasts und Ähnliches immer beliebter. Gleichwohl müssen wir akzeptieren: Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass ein geschriebener Text immer von einem Menschen stammt. Das ist neu – die letzten 2000 Jahre konnten wir das, jetzt nicht mehr. Was tatsächlich problematisch werden könnte, sind die möglichen ökonomischen Umbrüche, die daraus resultieren. Denn wenn eine KI plötzlich serielle Texte schreiben kann, verdrängt sie Arbeitsplätze und Berufsfelder. Immer weniger Autor*innen können dann immer mehr Text schreiben. Darum ist es auch so wichtig, für seine Rechte als Autor*in einzustehen. Der Writer’s Guild of America, der sich derzeit für die Rechte von Drehbuchautor*innen einsetzt, ist dafür ein gutes Beispiel. Aber auch das zeigt: Es sind keine Maschinen, die hier handeln, es sind immer Menschen, die Maschinen einsetzen. Und eine Gesellschaft täte gut daran, das nicht zu vergessen.

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