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Nicola Bünsch: „In der Breite muss sich mehr tun“

Nicola Bünsch: „In der Breite muss sich mehr tun“
Foto: © David Außerhofer/Stiftung Innovation in der Hochschullehre

Wie und wodurch verändern sich Berufsbilder in der Kultur- und Kreativwirtschaft? Zeichnet sich ein Wandel ab? Diesen und anderen Fragen widmet sich Mitte März eine Fachkonferenz des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Nicola Bünsch von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) ist eine der Teilnehmenden, die zum Thema sprechen wird. Wir haben ihr vorab ein paar Fragen dazu gestellt. 

 

INTERVIEW  Boris Messing    

 

CCB Magazin: Hallo Frau Bünsch, Sie arbeiten für die 2020 ins Leben gerufene Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Zuerst einmal, was hat es mit dieser Stiftung auf sich?   

Nicola Bünsch: Wir wollen mit der Stiftung die Erneuerungsfähigkeit der Hochschullehre stärken. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel schon den Qualitätspakt Lehre, in dem Hochschulen Fördergelder für innovative Projekte beantragen konnten.  Dieser war jedoch nicht auf Dauer angelegt. Bund und Länder wollten mit der StIL eine Organisation einrichten, die Innovationen in Studium und Lehre systematischer, vernetzter und langfristiger fördert. So ist dann die Stiftung ins Leben gerufen worden, die sich in Trägerschaft der gemeinnützigen Toepfer Stiftung gGmbH befindet. Dabei war von vornherein klar, dass es nicht nur um Fördergelder für innovative Lehr-Projekte gehen sollte, sondern auch um Wissenstransfer und Netzwerk-Bildung.

CCB Magazin:Sie sind eine der Expertinnen, die am 19. März auf der Fachkonferenz des Kompetenzzentrums zum Wandel der Berufsbilder sprechen wird. Im Fokus steht der Veränderungsbedarf des Hochschul- und Weiterbildungssystems, um sich der wandelnden Berufswelt der Kultur- und Kreativschaffenden anzupassen. Worin besteht dieser Wandel im Wesentlichen?

Nicola Bünsch:In der Stiftung sind wir uns einig, dass es einen Wandel an den Hochschulen geben muss, um sich schneller und besser auf neue gesellschaftliche Herausforderungen und Bedarfe einzustellen. Das Thema Nachhaltigkeit bzw. die sozial-ökologische Transformation spielt dabei eine zentrale Rolle, und natürlich Künstliche Intelligenz. Solche gesellschaftlichen Entwicklungen müssen sich in der Hochschullehre widerspiegeln, damit Absolvent*innen gut auf das spätere Berufsleben vorbereitet sind. Inzwischen kommen zum Beispiel in den von uns geförderten Projekten immer mehr KI-Themen aufs Tableau. Da passiert gerade sehr viel an den Hochschulen.

Lehrinnovation kann mitunter Verwaltungsinnovation bedeuten. Wir müssen Lehrentwicklung daher auch als Organisationsentwicklung denken. Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut. Wir müssen daher genau schauen, wo Gestaltungsspielräume für Lehrentwicklung liegen

CCB Magazin:Welche Innovationen gibt es denn an den Hochschulen im Bereich von Nachhaltigkeit und KI? Können Sie mal ein paar Beispiele geben?

Nicola Bünsch:Das, was in diesem Kontext als Innovation gilt, ist natürlich sehr stark abhängig vom jeweiligen Studienfach und der Art der Hochschule. Ich greife mal ein paar Beispiele aus den kunst- und kulturbezogenen Fächern heraus: An der Hochschule für Fernsehen und Film München wird ein Tool für die digitale Verwaltung von Filmproduktionsprozessen entwickelt. An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle werden analoge und digitale künstlerische Methoden verknüpft, 3D-Druck und VR-Brillen sind dort im Einsatz. Und an der Hochschule für Künste Bremen werden virtuelle Konzertsäle und dazu passende Konzertformate entwickelt. Zu all diesen Projekten sind auf unserem YouTube-Kanal Videos zu finden. Zum Thema Nachhaltigkeit haben wir ein interdisziplinäres Multiplikator*innenprogramm aufgelegt, das „Jahresprogramm Hochschullehre im Kontext von Nachhaltigkeit“. Dort vernetzen wir Hochschulangehörige verschiedener Statusgruppen sowie Studierende, die sich dafür einsetzen, dass Nachhaltigkeitsfragen Eingang in die Hochschullehre finden – und zwar unabhängig vom Fach.

CCB Magazin:Wo liegen derzeit noch die größten Baustellen in Sachen Innovation in der Lehre?

Nicola Bünsch:Insgesamt muss sich in der Breite noch mehr tun. Die Frage lautet, wie kriege ich mehr Flexibilität ins System? Wie kriege ich strukturell Experimentierräume geschaffen? Und wie können wir, wie können Hochschulleitungen Anreize für Lehrende setzen, solche Experimentierräume auch zu nutzen? Lehrinnovation kann mitunter Verwaltungsinnovation bedeuten. Wir müssen Lehrentwicklung daher auch als Organisationsentwicklung denken. Die Wissenschaftsfreiheit ist zu Recht ein extrem hohes Gut. Wir müssen daher genau schauen, wo – über individuelles Engagement hinaus – Gestaltungsspielräume für Lehrentwicklung liegen. Dafür braucht es wiederum eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrenden, Hochschulverwaltung und unterstützenden Stellen wie der Hochschuldidaktik. Das sind für komplexe Institutionen, wie Hochschulen es sind, wirklich große Baustellen. Wir als Stiftung sehen eine große Ideenvielfalt an den Hochschulen und versuchen, für deren Umsetzung gute Rahmenbedingungen zu schaffen, soweit wir das mit unseren Mitteln können.

CCB Magazin:Wie viele Projekte fördert die Stiftung pro Jahr? Von welchen Summen sprechen wir hier?

Nicola Bünsch:Wir haben bereits etwa 560 Projekte in der Förderung. Von Bund und Ländern bekommen wir gemeinsam 150 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung gestellt. Das Geld geht überwiegend direkt an die geförderten Projekte, fließt aber auch in Netzwerke, in den Aufbau von Infrastruktur für den Wissenstransfer sowie verschiedene Veranstaltungsformate und Tagungskonzepte. Mit Partnern entwickeln wir auch Weiterbildungen für Projektgeförderte, damit sich das Erprobte und Erlernte auch verstetigen kann.

CCB Magazin:Wer kann sich alles für eine Projektförderung bewerben?

Nicola Bünsch:Bewerbungen können teilweise über die Hochschulleitungen und teilweise über einzelne Lehrende erfolgen. Uns war von vornherein sehr wichtig, offen für alle Hochschultypen und Fachbereiche zu sein, auch Kunst- und Musikhochschulen sind bei uns mitgedacht, ebenso private Hochschulen, sofern sie gemeinnützig sind.

Es ist klar, dass die Hochschulen sich angesichts der sich rasant verändernden Berufswelt und den damit einhergehenden neuen Anforderungen permanent verändern müssen. Das heißt, dass man die Studierenden dazu befähigen muss, Gelerntes immer wieder zu hinterfragen oder zu transferieren, generell gesprochen flexibel und kreativ zu sein

CCB Magazin:Welche Rolle spielen KI-Systeme wie ChatGPT oder Midjourney im heutigen Universitätskontext? 

Nicola Bünsch:Man sieht, dass wissenschaftliche Prozesse davon massiv betroffen sind. Prüfungsformate ändern sich, Forschungsprozesse ändern sich, wissenschaftliches Schreiben ändert sich. Durch die Nutzung von ChatGPT stellen sich auch ganz basale Fragen, unter anderem was künftig eigentlich als Studien- oder Prüfungsleistung zählt. Überdies wird in der Forschung KI schon häufig eingesetzt. Wir haben beispielsweise ein Projekt an der Uni Freiburg, bei dem Linguist*innen mit Hilfe von KI versuchen, Handschriften und Texte zu analysieren. Rein methodisch eröffnen sich da ganz neue Möglichkeiten.

CCB Magazin:Es wird von vielen Seiten prophezeit, dass KI-Systeme unsere gesamte Berufswelt disruptiv verändern werden. Kann sich in diesem Kontext ein Hochschul- oder Weiterbildungssystem überhaupt schnell genug wandeln, um auf die sich ständig verändernden Bedarfe zu reagieren?

Nicola Bünsch:Es ist klar, dass die Hochschulen sich angesichts der sich rasant verändernden Berufswelt und den damit einhergehenden neuen Anforderungen permanent verändern müssen. Lehre bereitet Wege für die Zukunft. Das heißt, dass man die Studierenden dazu befähigen muss, Gelerntes immer wieder zu hinterfragen oder zu transferieren, generell gesprochen flexibel und kreativ zu sein. Dazu kommt: Das Lernen wird individueller und hört auch nach der Hochschule nicht auf.

CCB Magazin:Was sind die wichtigsten Kompetenzen, die heute Berufseinsteiger*innen in der Kultur- und Kreativwirtschaft brauchen, um Erfolg zu haben?

Nicola Bünsch:Das können sicherlich Branchenvertreter*innen besser beantworten als ich. Was ein Hochschulstudium den Berufseinsteiger*innen mitgeben kann und was sie sicherlich brauchen, sind Transfer- und Metakompetenzen. Man muss im Studium lernen, Dinge abstrakt zu verstehen und das Verstandene auf neue Kontexte anzuwenden. Man braucht Flexibilität und Resilienz im Umgang mit Wandel und Unsicherheiten. Es braucht aber auch soziale Kompetenzen und die Fähigkeit zur Kollaboration. Ein Studium dient nicht allein der Berufstauglichkeit, sondern auch der Persönlichkeitsbildung, der Schulung des Denkens, der Befähigung zur Mitgestaltung der Welt. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich diese Metakompetenzen auszahlen, um in sich wandelnden Berufsfeldern erfolgreich zu sein.

Rubrik: Wissen & Analyse

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