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Ella Einhell: "Ein Weiderind ist immer blau"

Ella Einhell: "Ein Weiderind ist immer blau"
Foto: © William Veder

Ella Einhell macht aus Knochen Glas und greift dabei auf eine alte Tradition zurück. Für ihre Glasprodukte nutzt sie Abfälle aus der Fleischindustrie, um ihnen einen neuen Wert zu geben. Was das mit Kreislaufwirtschaft zu tun hat und wie sie überhaupt auf die Idee kam, mit Knochenresten zu arbeiten - darüber haben wir mit ihr gesprochen.
 

INTERVIEW  Boris Messing    

 

CCB Magazin: Hallo Ella. Du stellst Glas aus Knochen her. Wie kamst du darauf?  

Ella Einhell: Ich habe schon als Kind angefangen, Dinge zu zweckentfremden. Beispielsweise aus Kaffeebeuteln Teelichthalter oder aus Perlen Alarmanlagen zu machen. Als ich nach dem Abitur nach Berlin ging, um an der Kunsthochschule Weißensee Produktdesign zu studieren, habe ich angefangen mit recyceltem Plastik zu experimentieren. Irgendwann habe ich mich dann gefragt, inwieweit man auch biologische Stoffe recyceln kann und bin so auf die Nahrungsmittelindustrie bzw. Knochenabfälle aus Schlachtereien gestoßen.

CCB Magazin:Das musst du mal genauer erklären. Wie kamst du ausgerechnet auf Knochen?

Ella Einhell:Die Fleischindustrie ist eine der größten Industrien im Lebensmittelbereich, bei der die meisten Abfälle anfallen. Je nach Tier machen Schlachtabfälle 35 bis 48 Prozent aus. Darunter fallen Augen, Blut, Organe, Haare oder eben Knochen. Aus Knochen wird beispielsweise auch Kleber oder Gelatine gemacht. Das machen aber nur die großen Produzenten wie Tönnies, für die sich der Aufwand der Verwertung der fleischlosen Bestandteile eines Tieres finanziell lohnt. Für kleinere Schlachtereien lohnt sich das nicht. Mir ging es darum, die Bio-Bauern gegen die Massentierhaltung zu unterstützen und ein kreislauffähiges Produkt zu kreieren. Da Kosmetik und Nahrungsmittelindustrie strengen Regularien unterliegen, wollte ich die Knochen kleiner Bio-Schlachtereien nutzen, um sie für die Glas- und Porzellanproduktion wiederzuverwerten.

CCB Magazin:Wie funktioniert das genau? Wie wird aus Knochen Glas?

Ella Einhell:Die Opalglas-Produktion aus Knochenasche ist ein altes Kunsthandwerk. Ich mische die Asche mit Glasschleifschlamm, also Glasresten von abgeschliffenen Fenstern. Dabei geht an Qualität nichts verloren. Die Knochenasche macht das Glas überdies stabiler und gibt ihm einen milchigen Touch. Auch das Knochenporzellan, über das ich geforscht und dessen Produktion ich zusätzlich zum Knochenglas aufnehmen will, ist unter dem Namen Bone China seit Jahrhunderten bekannt. Porzellan besteht grob aus Kaolin, Feldspat und Quarz. Bei Knochenporzellan sind aber fünfzig Prozent Knochenasche dabei. Das heißt fünfzig Prozent der genannten Ressourcen könnte man durch Knochenasche ersetzen. Momentan herrscht keine Knappheit an diesen Ressourcen, aber in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren könnte das der Fall sein.



Oben und unten: Behälter aus Knochenglas, beispielsweise für Wasser oder Chips. Mitte: Samples aus Knochenglas. Fotos: Ella Einhell

CCB Magazin:Das heißt, der Vorteil deines Herstellungsverfahrens liegt hauptsächlich in der Ressourceneinsparung?

Ella Einhell:Genau. Meine Knochenglasprodukte ersetzen lediglich neu produziertes Glas. Das heißt, ich spare Ressourcen ein, aber auch Energie, weil weniger Hitze aufgebracht werden muss, um Glas zu recyceln als neu herzustellen.

CCB Magazin:Dein Konzept setzt an der Kreislauffähigkeit von Produkten an. Ein Aspekt, der in Bezug auf die Nachhaltigkeit eine Rolle spielt, ist der größtmögliche Verzicht auf Fleisch - die Produktion von Fleisch gilt sogar als einer der Hauptemittenten von CO2. Nutzt dein Vorhaben nicht das, was man im Grunde ablehnen müsste?

Ella Einhell:Absolut! Und genau diese Debatte ist ein wichtiger Bestandteil meines Projekts. Einerseits möchte ich mit meinen Objekten, die je nach Tierart und Haltungsweise ganz unterschiedlich aussehen, auf das Thema aufmerksam machen. Es ist so, dass immer noch wahnsinnig viel Fleisch in Deutschland und auf der ganzen Welt gegessen wird. Und solange das so ist, gibt es eben auch Schlachtabfälle - bis zu 800.000 Tonnen jährlich allein in Deutschland. Fast die Hälfte eines Tieres wird unnötig verschwendet statt genutzt zu werden. Ich habe mich entschieden, diese Reste zu nutzen und den als ekelhaft angesehenen Überresten einen Wert zu geben. Ich arbeite ausschließlich mit Bio-Kleinbauern, um diese im Kampf gegen die industrielle Massentierhaltung zu unterstützen.

Bis zu 800.000 Tonnen Schlachtabfälle gibt es jährlich allein in Deutschland. Fast die Hälfte eines Tieres wird unnötig verschwendet statt genutzt zu werden. Ich habe mich entschieden, diese Reste zu nutzen und den als ekelhaft angesehenen Überresten einen Wert zu geben. Dabei arbeite ich ausschließlich mit Bio-Kleinbauern, um diese im Kampf gegen die industrielle Massentierhaltung zu unterstützen

CCB Magazin:Was machst du mit deinem Knochenglas? Wofür findet es Anwendung?

Ella Einhell:Man kann es vielfältig anwenden. Zum einen verkaufe ich Glasobjekte wie Gläser oder Vasen über meinen Onlinehandel, wir kreieren aber auch Kunstobjekte und Samples aus Glas für Ausstellungen, um unsere Produkte zu präsentieren. Ein großer Fokus liegt auf dem Fassadenbau. Wir arbeiten da mit einer Fassaden-Firma aus Sachsen-Anhalt zusammen, die sich schon auf Fassaden aus Recyclingglas spezialisiert hat und uns bei der Entwicklung unterstützt. Nebenher kümmere ich mich auch um die ganzen Regularien, die erfüllt sein müssen, um Glasfassaden kommerziell anbieten zu können.

CCB Magazin:Wo kriegst du deine Knochen her? Macht die Art der Knochen einen Unterschied bei der Glasherstellung?

Ella Einhell:Momentan arbeite ich ausschließlich mit der Fleischmanufaktur Gut Kerkow in der Uckermark zusammen. Grund dafür ist, dass die Farbe des Knochenglases extrem variiert je nach Tierhaltung, Nahrung oder Tierart. Das Glas kann je nach Knochenart einen eher bläulichen, grünlichen oder rosa angehauchten Stich bekommen. Es ist also wichtig für ein Produkt die gleiche Art von Knochen zu verwenden, um ein verlässliches Resultat zu bekommen. Happy beef, also ein Weiderind, ist beispielsweise immer blau. Ein Reh ist immer braun. Neben Gut Kerkow werde ich gelegentlich auch von Krematorien beliefert, das sind meistens Tiere, die von Autos umgefahren wurden. Man kann im Grunde jede Art von Knochen verarbeiten.



Knochenglas-Objekte und Glasbrennung. Fotos: Ella Einhell

CCB Magazin:Du selbst entwickelst nur das Design der Glasobjekte, lässt sie aber von anderen produzieren. Wie läuft das genau ab?

Ella Einhell:Das funktioniert wie ein Staffellauf. Die Produktion durchläuft eine Kette von Produzenten. Als Beispiel: Zuerst bekomme ich Knochen von Gut Kerkow, die im Krematorium zu Knochenasche verarbeitet werden; anschließend wird die Asche dann zu einem Produzenten geschickt, der daraus Glasgranulat macht; parallel kommt dort der Glasschleifschlamm von den Fensterbetrieben an, mit denen ich zusammenarbeite; und daraus macht der Glasmacher am Ende das gewünschte Glasobjekt nach meinem Design. Ich koordiniere den ganzen Prozess. Wenn ich es ausreizen würde, könnte ich 200.000 Tonnen Knochen jährlich bekommen. Und wir haben knapp 40.000 Tonnen Glasschleifschlamm. Ich hätte also genug, um ihm großen Stil zu produzieren.

CCB Magazin:Dein Projekt existiert bereits seit 2020. Wie hast du dich bisher finanziert?

Ella Einhell:Nach dem Studium habe ich mit Hilfe eines Stipendiums der DesignFarmBerlin meine Forschung über Knochenglas betreiben können und bis Ende dieses Jahres steht mir auch noch ein Elsa-Neumann-Stipendium zu Verfügung. Wir verdienen aber auch Geld durch Ausstellungen und den Onlineverkauf. Ich plane auch zu promovieren, um meine Materialforschung mit Knochen weiter betreiben zu können. Da gibt es noch viel herauszufinden.

CCB Magazin:Ella, zum Schluss: Was willst du noch erreichen?

Ella Einhell:Am Anfang habe ich noch alles alleine gemacht, mittlerweile wachsen wir zu drei, vier Mitarbeiterinnen an. Ziel unserer Forschung mit Knochen ist die Marktreife unserer Produkte. Wir wollen noch mehr Kollaborationen eingehen. Meine Knochenglasobjekte werden schon jetzt in verschiedenen Läden verkauft, beispielsweise in Paris. Und ich hoffe, dass die Zusammenarbeit mit der Fassaden-Firma bald Früchte tragen wird.

Rubrik: Innovation & Vision

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