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Schön beraten in Schöneberg

Schön beraten in Schöneberg
Foto: @ Philip Nürnberger / Bearbeitung @ Kulturwirtschaftsberatung

Neuer Nachbericht von unseren Sprechtagen: Diesmal aus dem Tuesday Coworking Space in Schöneberg! 

„For You vor Ort (3)"

Schöneberg ist schöpferisch. Und etwas aus dem Fokus, wenn es um die Berliner Kreativszene geht. Ein Grund mehr, einmal dort einen ihrer Sprechtage für die Kreativwirtschaftsberatung abzuhalten, befanden Melanie Seifart und Peter Kessel. Im Tuesday Coworking, um genau zu sein. In Teil drei unserer Reihe "Unterwegs mit Melanie und Peter" haben wir beide wieder begleitet und berichten vor Ort.
 

TEXT:   Boris Messing

 

Der Tuesday Coworking Space liegt in einer ruhigen Seitenstraße in Schöneberg nicht weit von der Julius-Leber-Brücke entfernt. Die Sonne glänzt fröhlich auf den Pflastersteinen, vor dem Eingang der weißgetünchten Hausfassade lädt eine Holzbank zum Ausruhen ein. Von außen wirkt das Tuesday Coworking unscheinbar, ja fast schon schüchtern im Vergleich zu jenen mondänen Coworking Spaces, die ausdesignt und hochgeschossen an zentralen Plätzen und Straßen wie dem Hackeschen Markt oder der Friedrichstraße liegen. Das Tuesday Coworking ist ein Zwerglein unter Riesen. Bescheiden. Zierlich. Einladend. 

Im Parterre gelegen betritt man es direkt vom Gehweg und ist gleich mittendrin. Vom ersten Raum, der mit Tischen und Stühlen für die Coworker ausgestattet ist, zieht sich ein Korridor nach hinten, an dessen rechter Seite ein weiteres Arbeitszimmer und das Bad abgehen. Am Ende des Korridors liegt die Küche. Stuck ziert die Decken, die Räume sind in helles Licht getaucht. Im ganzen Coworking Space verteilt hängen Bilder von ausgewählten Künstlern, die im monatlichen Turnus wechseln. In einer Ecke des Eingangsraums stapeln sich Bücher von Joy Fielding und Charlotte Link, die allen zur Verfügung stehen, die etwas Ablenkung brauchen. Ansonsten herrscht hier konzentrierte Stimmung. Die jungen Leute sitzen in den Räumen verteilt an ihren Tischen über ihre Computer gebeugt und arbeiten. Viele sind heute nicht hier, vielleicht liegt es am Sonnenschein. Über 100 Coworking Spaces sind in den letzten Jahren in Berlin aus dem Boden gesprossen. Nach London ist Berlin damit die Nummer zwei in Europa mit den meisten Spaces und belegt Platz drei weltweit. Die meisten verteilen sich auf die In-Viertel Kreuzberg, Neukölln, Mitte und Friedrichshain.  Auch wenn Schöneberg heute von außen nicht mehr als kreatives Zentrum der Stadt wahrgenommen wird, so wissen Altberliner doch um die innovative Kraft dieses Stadtteils. So wurde 1968 in Schöneberg beispielsweise das IDZ gegründet und auch eine lebendige Jazz-Szene hat sich hier etablieren können. 

Schöneberg hat wenig Coworking Spaces, aber die Lage ist sehr gut, hier herrscht ein großes Potential, das man noch ausschöpfen kann - Melanie Seifart 

Melanie Seifart betritt den Raum. Gerader Rücken, braunes Haar, ein Lächeln auf den Lippen. Peter Kessel folgt ihr. Dreißig-Tage-Bart, Kappe auf, träumerischer Blick, Tom Selleck, bloß in jung. Zusammen sind beide die Kreativwirtschaftsberatung Berlin, heute beraten sie drei Coworker in Sachen Kreativwirtschaft: eine Programmiererin, einen Storyteller und einen Übersetzer. Diese mobilen Sprechtage unternehmen sie alle paar Monate, um am Puls der Kreativszene zu bleiben. „Schöneberg hat vergleichsweise wenig Coworking Spaces, aber die Lage ist sehr gut, hier herrscht ein großes Potential, das man noch ausschöpfen kann“ – sagt Melanie. Der Reporter darf leider nicht bei der Beratung dabei sein – Datenschutz - und macht sich derweil am Kaffee gütlich. Drei Stunden (und zwei Liter) später wirken die Coworker zufrieden mit der Beratung. Der Storyteller verabschiedet sich gleich, die anderen beiden sind noch für ein Gespräch zu haben. Giuseppe Ilisco, ein 33jähriger aus Philadelphia stammender Übersetzer arbeitet als IT-Angestellter und Kundenbetreuer für eine amerikanische Firma, möchte aber zukünftig nur von seiner Übersetzertätigkeit leben, die er gerade noch als Nebenjob betreibt. Dafür braucht er Ratschläge: Wie verläuft der Weg zum Freelancer? Wie soll man sich versichern? Wie sieht es mit der Steuer aus? Die Beratung hat ihm sehr geholfen, sagt er. Melanie und Peter seien sehr versiert gewesen und hätten ihm empfohlen, sich einmal mit der Broschüre „Alles, nur kein Unternehmer?“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zu befassen.  Auf die Frage, weshalb er sich ausgerechnet das Tuesday Coworking als Arbeitsplatz ausgesucht hätte, antwortet er, dass es im Gegensatz zu den großen mehr Intimität verspräche. „Hier ist man außerdem nicht so sehr abgelenkt wie zu Hause. Da ist es oft wie im Gefängnis, die Decke fällt einem auf den Kopf! Hier sitzt man auch mal in der Küche und quatscht“. Ilisco, hohe Wangenknochen, feine Gesichtszüge, übersetzt Untertitel für Arte-Dokus. In Zukunft will er sein Repertoire auch auf das Übersetzen von Verträgen und offiziellen Dokumenten ausweiten. Dafür wird er sicher nochmal Melanie Seifarts Beratungsangebot in Anspruch nehmen. 

Genau wie Isabelle Lamers, eine junge Backend-Programmiererin, die an einer Webanwendung für Sportkletterer arbeitet, einer Art Google Maps für Outdoor-Sportkletterer, die auf der Suche nach guten Kletterspots sind. Die App soll am Ende Klettermöglichkeiten auf der ganzen Welt anzeigen. „Und wenn das gut läuft, dann kann man so eine App auch für andere Sportarten machen“ - sagt sie. Ein Designer aus Mexiko hilft ihr bei der ästhetischen Ausarbeitung. Die Beratung hat sie gebraucht, weil sie wissen wollte, wie sie sich ein Netzwerk in Berlin schaffen und eventuell auch die Tourismusbranche mit ins Boot holen könne. Ob es zum Beispiel auch Netzwerke nur für Frauen  gäbe und was für Fördermöglichkeiten für Gründerinnen  infrage kämen. Auch sie hat das Tuesday Coworking gewählt, weil es nicht so anonym ist und außerdem in der Nähe ihres Wohnorts liegt. 

John Neilan posierend vor seinem Tuesday Coworking Space. Foto: @ John Neilan

Ich habe jahrelang nur Bedienungsanleitungen übersetzt. Mein Tiefpunkt war die Übersetzung eines Schraubenkatalogs - John Neilan

Dass Melanie Seifart und Peter Kessel das Tuesday Coworking für ihre Beratungen ausgesucht haben, kommt nicht von ungefähr: Der Coworking Space liegt nicht nur mitten in Schöneberg, es wurde dieses Jahr auch mit dem „2018 Coworker Members‘ Choice Award“ ausgezeichnet. John Neilan, Gründer von Tuesday Coworking, war vor einem Jahr selbst in der Kreativwirtschaftsberatung. So kam auch der Kontakt zustande. John Neilan, ein junger, sanftmütig wirkender Ire mit rotblondem Haar, hat den Space 2016 ins Leben gerufen. Die Räumlichkeiten übernahm er vom Roten Kreuz, nachdem sie über ein Jahr lang leer gestanden waren. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Coworkern. Dass sie sich hier wohl fühlen, ist ihm wichtig. Er ist so etwas wie die gute Fee im Haus: putzt, kauft ein, räumt auf, füllt den Kaffee nach und sorgt für frische Handtücher im Bad. Snacks und Smoothis von Sirplus, einem nahe gelegenen Startup, das sich dem Retten von Lebensmitteln verschrieben hat, veredeln das Gefühl des Geborgenseins. Aus Geldmangel sind die Möbel und Nutzgegenstände von überall zusammengeklaubt: den Küchentisch hat er von Ebay Kleinanzeigen, den Kühlschrank ebenso, die Mikrowelle von der Straße aufgelesen und das Geschirr und die leicht abgewetzte rote Couch von sonst woher. Es wirkt sympathisch. Und Melanie und Peter loben diesen Ort. Neilan, der studierter Übersetzer ist, hat selbst Jahre lang in großen Coworking Spaces gearbeitet, aber all die ‘Weworks‘ und ‘Mindspaces‘ waren ihm am Ende viel zu anonym. Sein Space sollte darum das Verbindliche betonen. Ein Kinoabend einmal im Monat und eine „Happy Hour“ jeden Freitag, bei der die Coworker zusammensitzen und ein paar Bier genießen, sind zentrale Elemente seiner Idee einer inspirierenden Arbeitsgemeinschaft. Die im Übrigen sehr bunt ausfällt: Übersetzer, Designer, Linguisten, Kuratoren, Mitarbeiter einer NGO und viele mehr arbeiten hier zusammen. Jeder für sich, und doch gemeinsam. Eine kleine Community eben. Den Beruf des Übersetzers will Neilan bald an den Nagel hängen. „Ich habe jahrelang nur Bedienungsanleitungen übersetzt. Mein Tiefpunkt war die Übersetzung eines Schraubenkatalogs“. Keiner könne heute mehr von Literaturübersetzungen alleine leben. 2017 war er dann in der Kreativwirtschaftsberatung bei Melanie Seifart: „Ich wollte wissen, wie ich expandieren kann“, sagt er. Melanie gab ihm einen Überblick über mögliche Finanzierungswege und hat ihm Namen und Emails von Leuten aus der Coworking-Szene vermittelt zur besseren Vernetzung und zum Erfahrungsaustausch. Durch die Beratung von ihr hat er jetzt einen guten Überblick über mögliche Finanzierungswege und weiß, was möglich ist. Bald wird er seinen zweiten Space eröffnen, ebenfalls in Schöneberg. Das Tuesday Coworking gehört definitiv zu den kleineren seiner Art und ist durch sein improvisiertes, schlichtes Interieur der Hippie unter den Krawattenträgern. Eine Mischung aus Büro, WG und Galerie. Im Schnitt sind die deutschen Coworking Spaces rund 580 Quadratmeter groß und beherbergen über 60 Coworker.  Im Tuesday geht es da etwas familiärer zu. 

Die Gespräche sind vorbei, die Tassen sind geleert, Aufbruchsstimmung! Wird auch an der Zeit, denkt sich der Reporter. Die Sonne steht im Zenit, das Koffein lässt bereits die Glieder tanzen. 

Alle Termine der Kreativwirtschaftsberatung Berlin findet hier: www.creative-city-berlin.de

Ein Interview mit John Neilan findet ihr hier: [Nachgefragt bei John Neilan]

Alle Coworking Spaces aus Berlin findet ihr auf Creative City Berlin: www.creative-city-berlin.de

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