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Wie viel darf’s denn sein?

Wie viel darf’s denn sein?

„Invest in Creativity - Investors Lab“ ist unser Programm, das 2017 ins Leben gerufen wurde. Das Ziel: Kreativunternehmen mit Investoren zusammenbringen und Investoren gegenüber kreativwirtschaftlichen Geschäftsmodellen zu sensibilisieren. Kann das gelingen? Wenn ja, wie? Und wer investiert zu welchem Preis? Dazu hat uns Jens Thomas von Creative City Berlin interviewt. 

 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Melanie und Mareike, ihr habt vor zwei Jahren „Invest in Creativity - Investors Lab“ ins Leben gerufen, ein neues und bislang einzigartiges Pilotprojekt in Berlin, das Kreativschaffende mit Investoren zusammenbringt. Kreativschaffende und hohe Investitionen, passt das überhaupt zusammen? 

Melanie Seifart: Das ist in der Tat ein kompliziertes Unterfangen, weil viele Kreativschaffende nicht sonderlich profitorientiert sind. Viele verfolgen zum Beispiel gemeinwohlorientierte Zwecke mit ihrer Unternehmung. Darum sind sie für viele Investoren nicht interessant. In der Regel geht es in anderen Trainingsprogrammen bislang um die Frage, wie sich Kreativunternehmen gegenüber Investoren öffnen können, wie sie sich also bestmöglich skalieren. Uns geht es aber darum zu fragen: Wie können wir beide Seiten zusammenführen? Wie können wir Investoren gegenüber Kreativschaffenden sensibilisieren, sodass sie auch in diese investieren? 

CCB Magazin:Und? Wie lautet eure Antwort? 

Mareike Lemme: Unsere Erfahrung zeigt, dass es zunächst mal ein Investoreninteresse in Berlin gibt. Aber es gibt keine Plattform, die vermittelt, und es gibt auch keine speziell auf die Teilsektoren der Kultur- und Kreativwirtschaft ausgerichteten Programme, die gezielt auf das Akquirieren von Privat- und Beteiligungskapital vorbereiten – ganz im Gegensatz zum digitalen Tech-Startup-Bereich. Hier hat sich in den letzten Jahren ein breites Ökosystem mit Inkubations- und Akzelerationsprogrammen entwickelt. Wir haben uns gefragt: Wieso ist das so? Sind die Geschäftsmodelle der Kreativwirtschaft für Investoren nicht interessant? Oder ist es eher so, dass die Investoren keinen Zugang zu kreativwirtschaftlichen Modellen haben? Haben sie kein Erfahrungswissen mit dieser Art von Investition?   

 Wir wollen Investoren und Kreativunternehmen zusammenbringen. Denn es geht darum: Wie können wir Investoren gegenüber Kreativschaffenden sensibilisieren, sodass sie auch in diese investieren? Das ist bislang nämlich ein Problem. Genau hier setzt unser Programm an

CCB Magazin:Und? Haben Investoren kein Erfahrungswissen mit dieser Art von Investition?  

Melanie Seifart: Sie haben wenig bis gar keine Erfahrung. Und das liegt daran, dass sie die Kreativwirtschaft und ihre Strukturen nicht sonderlich gut kennen. Den Investoren ist es, grob gesagt, erst einmal egal, ob sie in ein Unternehmen investieren, das in den Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft fällt oder nicht. Es geht ihnen darum, dass sie die Geschäftsidee und das Team dahinter überzeugend finden und glauben, dass die Idee international wettbewerbsfähig ist und sich auch skalieren lässt. Insgesamt, das ist ein Ergebnis unserer Arbeit der letzten zwei Jahre, sind kreativwirtschaftliche Unternehmungen oft nicht im Fokus beziehungsweise  sichtbar genug für Investoren. Genau hier setzen wir mit unserem Programm an. 

Fotos © Alexander Rentsch

CCB Magazin:Eine Studie von ENTER EUROPE zeigte, dass vor allem kleinteilig strukturierte Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft mit solidem Wachstum für VCs nicht interessant sind. Genau diese Kleinteiligkeit zeichnet aber die Kultur- und Kreativwirtschaft aus. Investoren interessieren sich wenn für technologiegetriebene Unternehmen mit hohen Wachstumspotenzialen. Wie gelingt es, die Gegenseite, also Investoren, für kleinteilige Geschäftsmodelle zu sensibilisieren? 

Melanie Seifart:: Das ist nicht ganz einfach. Man muss überhaupt erst einmal Investoren finden, die in Frage kommen. Wir haben uns darum über unseren Partner Media Deals auf die Suche begeben. Media Deals ist, neben Creative Europe Desk Berlin-Brandenburg, ein Kooperationspartner, der von Beginn an dabei war. Es ist ein paneuropäisches Netzwerk mit dem Ziel, den Austausch zwischen Investoren und der Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern. Media Deals wurde 2008 gegründet und verfügt heute über ein fulminantes Netzwerk an Investoren, über eine einzigartige Expertise und langjährige Erfahrung darin, die Investitionsbereitschaft gegenüber Kultur- und Kreativwirtschaftsunternehmen zu entwickeln sowie Finanziers und Investoren an Investitionsoptionen in diesem Sektor heranzuführen. Mit den Investoren führten wir Gespräche und sie sind nun Teil unseres Programms. 

Den Investoren ist es erst einmal egal, ob sie in ein Unternehmen investieren, das in den Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft fällt oder nicht. Es geht ihnen darum, dass sie das Team dahinter überzeugend finden und glauben, dass die Geschäftsidee international wettbewerbsfähig ist

CCB Magazin:Schildert doch mal bitte den Prozess: Wie findet ihr die Kreativunternehmen und Investoren für „Invest in Creativity – Investors Lab Berlin“?

Mareike Lemme: Zunächst können sich die Unternehmen bei uns bewerben. Aktuell läuft die Bewerbungsphase für das diesjährige Invest in Creativity – Investors Lab Berlin noch bis zum 15. Oktober! Dann wählen wir acht bis zehn Unternehmen unter den Bewerber*innen aus und laden sie zu unserem zweimonatigen Programm ein, bestehend aus drei Workshoptagen, einem Pitch-Event und einem Briefing für die Workshops. Während des Trainingsprogramms geben wir den Unternehmen Instrumente mit an die Hand, die sie dazu befähigen, die Einzigartigkeit ihrer Vorhaben zu überprüfen und deren Marktvalidität unter Beweis zu stellen. Wir unterstützten sie auch bei Klärung wichtiger Fragen, zum Beispiel welche Arten von Finanziers für sie überhaupt in Frage kommen, wie Investoren denken, was Investoren von Kultur- und Kreativschaffenden erwarten und wie man sie von Beteiligungen überzeugen kann.  

CCB Magazin:Ist dieser Prozess schwierig? Ihr wolltet ja nicht irgendwelche Unternehmen finden, sondern welche, die auch für Investoren interessant sein können. Und es geht ja auch nicht um irgendwelche Investoren, sondern um die, die sich für kreativwirtschaftliche Belange interessieren. 

Melanie Seifart:Ja, das war und ist nicht einfach, zumindest was die Investorensuche betrifft, selbst nach zwei Jahren und zwei Durchgängen nicht. Es ist ja nicht so, dass die Investoren Webseiten haben mit dem zentralen Aufruf, bitte sprecht uns an, wir wollen in euch investieren. Genau darum haben wir ja die Workshops initiiert, um die Akteure überhaupt erst einmal zusammenzuführen. Die Kreativunternehmen mit Finanzierungsbedarf zu finden ist dagegen nicht schwer. Wichtig ist uns bei der Auswahl eine entwickelte kreativwirtschaftliche Geschäftsidee und dass die Unternehmen eine interessante Geschichte haben. 

CCB Magazin:Könnt ihr Beispiele bringen? 

Mareike Lemme: Greta & Starks zum Beispiel. Das ist ein Kreativunternehmen aus Berlin, die zwei kostenfreie Apps für barrierefreies Kino entwickelt haben – eine App für Blinde, eine für Gehörlose. Greta & Starks war Teil des Projekts und ist eine absolute Erfolgsgeschichte. Das Unternehmen wächst seit Jahren – und steht für sozialverantwortliche Innovation. Letztlich ist diese Kombination auch für Investoren interessant, weil sich Investoren mit einer solchen Unternehmensgeschichte identifizieren können. Ein anderes Beispiel ist coGalleries, die ebenfalls Teilnehmer des ersten Durchgangs waren. coGalleries vermittelt zwischen Künstlern, Kunstinteressierten und Galerien und regt durch den persönlichen Kontakt sogar zum Kauf von Kunst an. Insgesamt geht es uns bei der Auswahl um die Bandbreite an Unternehmensformen und Ideen, die das gesamte Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft abbilden. 

CCB Magazin:Wie viele Unternehmen und Investoren konntet ihr schlussendlich zusammenführen in den letzten zwei Jahren? 

Melanie Seifart: Es haben insgesamt 17 Unternehmen an unserem Programm teilgenommen, zum Schluss sind 15 in die engere Auswahl gekommen und haben gepitcht – Childish, Greta & Starks, Berlin Producers Media, Flickering Bytes, Tomatenklang, Movies Design, coGalleries, Arekapak, Digidiced, Fassoo, Groovecat, JAMBL, Mutees, ON AND OFFER and Yooneeque  – alles sehr interessante Unternehmen mit individueller Geschichte. Zudem konnten wir für die erste Ausgabe vier Investoren finden, zwei Privatpersonen und zwei von öffentlichen Förderinstitutionen, letzteres waren Ina Göring vom Medienboard Berlin-Brandenburg und die IBB BET. Im zweiten Jahrgang waren bereits fünf Investoren vor Ort sowie zum zweiten Mal die IBB BET als öffentliche Förderinstitution und Ina Göring, die im zweiten Jahr als Vertreterin von game, dem Verband der deutschen Gamesbranche mit dabei war. 

Wir sind nicht „Die Höhle der Löwen“! Eigentlich geht die Arbeit nach dem Programm für die Unternehmen erst richtig los: Man muss mit den Investoren des Labs in Kontakt bleiben. Man muss weitere Investoren akquirieren und sich fragen, wie man eigentlich mit einem konkreten Investitionsangebot umgeht

CCB Magazin:Gab es etwas, das euch im Prozess besonders überrascht hat? 

Melanie Seifart:Bemerkenswert war vor allem der offene Austausch untereinander, damit haben wir nicht gerechnet. So hatten die Unternehmen zum Beispiel kein Problem damit, ihr ganzes Geschäftsmodell gegenüber den anderen Teilnehmerinnen offenzulegen und sich auch kritisch zu hinterfragen, ob das, was sie machen, auch wirklich wettbewerbsfähig ist: Wer sollte in mich investieren und warum? So einen offenen Austausch kannten wir bislang von keinem Panel oder Workshop für Kreativunternehmen. Gleichzeitig sind auch die Investoren den Labteilnehmern mit großer konstruktiver Offenheit begegnet, haben ihre jeweilige Expertise zur Verfügung gestellt, weiterführende Ideen und Tipps gegeben ebenso wie ihre verzweigten Netzwerkkontakte angeboten.

CCB Magazin:Was passiert im Anschluss? Investieren die Investoren auch in die Kreativunternehmen? Und wenn ja, in welcher Höhe? 

Melanie Seifart: Bislang haben fünf Unternehmen Folgegespräche mit Investoren aus dem Lab geführt. Ein Berliner Investor gab zudem an, mit allen beteiligten Firmen im Gespräch zu sein. Das ist eine wirklich gute Quote. Zudem hat ein teilnehmendes Unternehmen des ersten Jahrgangs relativ zeitnah im Anschluss an unser Trainingsprogramm ein Angebot für eine Investition erhalten, allerdings im Rahmen eines anderen Pitch-Events. Wir sind nicht „Die Höhle der Löwen“! Eigentlich geht die Arbeit nach dem Programm für die Unternehmen erst richtig los: Man muss mit den Investoren des Labs in Kontakt bleiben. Man muss weitere Investoren akquirieren und sich fragen, wie man eigentlich mit einem konkreten Investitionsangebot umgeht. 

CCB Magazin:Melanie und Mareike, „Invest in Creativity - Investors Lab“ geht jetzt in die dritte Runde. Was erhofft ihr euch? 

Mareike Lemme: Ich erhoffe mir, dass uns bis zur Bewerbungsdeadline am 15. Oktober um 23 Uhr jede Menge interessante, kreativwirtschaftliche Ideen und Bewerbungen erreichen!

Melanie Seifart:Ich erhoffe mir für das Programm mehr Sichtbarkeit in der Stadt durch ein breiter angelegtes Unterstützer- und Partnernetzwerk in diesem Jahr. Denn nur so kann das Investors Lab das Potenzial entfalten, was es hat. Und ich wünsche mir langfristig, dass wir durch unsere Arbeit eine Brücke schlagen können zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft und privaten Finanziers. Ziel ist es, eine zusätzliche Finanzierungsmöglichkeit für Kreativschaffende in der Stadt zu erschließen. Denn dass das wichtig ist, davon sind wir fest überzeugt.

 

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