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Be'kech to the Future

Be'kech to the Future
Foto: © Jens Thomas

Wir waren wieder on Tour und haben einen unserer Sprechtage in der Stadt abgehalten. Diesmal verschlug es uns ins Café be’kech im good-old Wedding – ein ganz besonderer Ort, den man kennen sollte. Wie immer haben wir spannende Menschen mit tollen Ideen und Unternehmenskonzepten für die Zukunft beraten – ein Nachbericht in eigener Sache. 

 

Von Lotte Krüger

 

Wenn man um kurz vor 9 Uhr am be’kech in der Exerzierstraße 14 ankommt, sind die Türen des Co-Working Spaces noch verschlossen. Draußen wartet aber schon eine kleine Ansammlung von Menschen: Auf Stühlen, Bänken und im Strandkorb sitzen sie vor dem be’kech und unterhalten sich, man scheint sich hier zu kennen. Nicht unweit vom Bahnhof Gesundbrunnen im Wedding geht es abseits des Hauptstadt-Trubels recht ruhig und entspannt zu. Das be’kech mit seinen bunten Girlanden und bemalten Tafeln an der Hausfassade ist eine Augenweide mit dem Architekturbüro und dem Friseurladen Baba Cut gleich nebenan. Und es ist nicht irgendein Ort: Es ist Berlins erstes „Anti-Cafè“, so die Selbstbetitelung – ein Coworking-Space fernab vom Kommerz (darum „anti“), eine Community, ein kultureller Ort, ein Epizentrum für alle kulturellen, sozialen und entrepreneurialen Dinge dieser Stadt. 

Das be’kech im Wedding ist nicht irgendein Ort: Es ist Berlins erstes ‚Anti-Cafè' - und wir beraten mittendrin

Wir sind an diesem Tag im be’kech, um unseren externen Sprechtag abzuhalten. Wir, das sind Melanie Seifart, Mareike Lemme und ich von der Kreativwirtschaftsberatung Berlin. Seit 2016 touren wir durch die Berliner Bezirke und bieten Beratungsgespräche vor Ort an. Unser Angebot richtet sich an Selbstständige und freischaffende Kreative. Wir beraten zu Gründungsvorhaben oder bereits bestehende Unternehmen. Erste unternehmerische Ideen werden in den Beratungen besprochen, Detailfragen werden geklärt. Melanie und Mareike sortieren, geben Feedback, informieren über passende Unterstützungsangebote, Netzwerke, Anlaufstellen und konkrete Förderangebote in der Stadt. Ziel ist es, erste und nächste Schritte zu definieren. 

Das Café be’kech von innen. Foto:  be’kech

Es ist 9 Uhr, von drinnen kommt einem warme Luft entgegen, eine Kaffeemaschine rattert im Hintergrund, im Raum ertönt leise rhythmische Latinomusik. Es ist sehr hell hier, bunt, freundlich. Überall stehen Blumen und Pflanzen, die Wände sind geschmückt mit farbenfroher Kunst. Alles wirkt wie eine Mischung aus Berlin und Marrakech, und plötzlich ergibt der Name be’kech auch wirklich Sinn. Wir gehen durch den Raum, vorbei an einem schwarzen Klavier in einer Ecke, vorbei an einer Backsteinwand und einem zusammengewürfelten Retro-Wohnzimmer-Mobiliar. An den Tischen werden erste Laptops aufgeklappt. Aus Omas Blümchen-Geschirr wird nebenher Kaffee und marokkanischer Minztee getrunken. Wer frühstücken will, kann das tun – für 3 Euro die Stunde. 

Ich habe so viele Ideen im Kopf – wie finde ich heraus, was die nächsten Schritte sind?

Bevor es richtig losgeht, braucht Melanie erstmal einen Kaffee – die Beratungen sind völlig ausgebucht, Schlag auf Schlag werden heute sieben Leute in den Sprechstunden erwartet. Der erste Gast ist pünktlich: Annemarie Schumacher aus den Niederlanden kommt zur Tür rein, braunes offenes Haar, ein Lächeln auf den Lippen. Sie arbeitet als selbstständige Illustratorin, hätte aber gerne mehr Aufträge und möchte zusätzlich gerne Workshops anbieten. Man muss wissen, dass in Deutschland rund 3.000 Illustratoren arbeiten, die meisten sind  Selbstständige. Die Verdienste halten sich in Grenzen: Laut einer Umfrage des Berufsverbands „Illustratoren Organisation“ (IO) muss die Hälfte der befragten Illustratoren mit weniger als 1.500 Euro netto im Monat auskommen. Annemarie beginnt ihr Problem zu skizzieren: Wie schaffe ich es, im Dschungel meiner Ideen und vorhandenen Optionen mich zu ordnen? Welcher ist der beste Weg? Melanie empfiehlt Annemarie im ersten Schritt zunächst ein Coaching, das dabei helfen könne, sich zu sortieren und effizienter zu planen. Um ihre Reichweite zu vergrößern, müsse sie aber ihre Zielgruppe durch das richtige Marketing klar definieren und erreichen. Selbstmarketing, das ist zunächst gar nicht das, was Kreativschaffende gerne machen, spiegelt aber ein Problem Vieler wider: Auf der einen Seite steht die Passion und die Leidenschaft, auf der anderen die Strategie und das Kalkül – wie bringt man das in Einklang? Melanie stellt klar, dass das eben auch zum Selbstunternehmertum dazugehöre und wichtig sei – aber man müsse es nicht alleine schaffen, denn es gibt viele Hilfsangebote speziell dafür in der Stadt. Das Coaching und die Workshops der Programme WerkSchau und ArtWERT vom Creative Service Center Pankow gehören genauso dazu wie die Creative-Support-Seminare von coopolis in Neukölln. Diese richten sich speziell an Berliner Kultur- und Kreativschaffende und bieten meist kostenfreie Unterstützung und Weiterbildung an, von der Steuererklärung bis zur Kundenakquise oder Selbstvermarktung. Auch das Programm der Volkshochschule ist kostengünstig, vielfältig und bietet speziell auf kreative Selbstständige zugeschnittene Kurse an. Zumindest in diesem Bereich bietet Berlin einiges.

Beratungen vor Ort von Mareike Lemme (l) und Melanie Seifart (r): Wer eine Idee hat, kann hier anfangen. Wer schon mittendrin ist, bekommt Tipps. Foto: Jens Thomas 
 

Die Sonne wandert über die Exerzierstraße und scheint durch das große Fenster. Essensgeruch macht sich breit, es ist Mittagszeit. Jetzt kommt Mareike ins be’kech, die zweite Beraterin der Kreativwirtschaftsberatung. Lächelnd und mit viel Energie steht sie im Raum, sie freut sich auf die kommenden Beratungen, wie sie sagt. Ihr erster Gast: Flora Lingenauber. Gemeinsam mit 8 anderen Mitgliedern hat Flora 2018 neben ihrem Studium in Hamburg den gemeinnützigen Verein taswira connects cultures e.V. mit dem Ziel ins Leben gerufen, afrikanische und diasporische Künstler*innen, Kulturschaffende und Organisationen mit Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor zu vernetzen. taswira bedeutet auf Kiswahili Vision und steht für die Vision, künstlerisches Schaffen mit Afrikabezug weltweit sichtbar und zugänglich zu machen. "Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, ein modernes Afrikabild für eine nachhaltige globale Entwicklung zu stärken", so bringt Flora ihre Vision auf den Punkt. Das Studium hat sie inzwischen abgeschlossen und möchte nun in Berlin ihr Herzensprojekt weiter vorantreiben. „Ich habe heute generelle Fragen zur Finanzierung, aber auch zum Netzwerkaufbau und der Gewinnung von Vereinsmitgliedern“, sagt sie. In Deutschland gibt es rund 600.000 Vereine – während ihre Anzahl in den Städten wächst, schwinden sie in den ländlichen Regionen. Fast jeder zweite Mensch in Deutschland ist heute sogar Mitglied in einem Verein. In Berlin werden fast täglich zwei neue Vereine eingetragen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Einen Verein aber langfristig am Laufen zu halten, das ist nicht unkompliziert. So betont Mareike, dass sich Flora bewusst werden solle, dass es auch für nicht-profitorientierte Vereine wie taswira wichtig sei, sich ein von der Projektförderung unabhängiges finanzielles Standbein aufzubauen, worüber das Tagesgeschäft des Vereins dann gesichert sei. Gemeinnützige Vereine hätten zwar viele Vorteile, so zahlen sie beispielsweise erst bei Einnahmen ab 35.000 Euro im wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb Körperschafts- und Gewerbesteuer, bei Zweckbetrieben entfällt diese ganz, und nur sieben Prozent Umsatzsteuer müssen berappt werden bei Überschreitung der Freigrenze von 17.500 Euro. Um einen Verein nachhaltig aufzubauen, benötigt es verschiedene Einnahme- und Finanzierungsquellen, fährt Mareike fort und führt ein ganzes Bündel an Optionen an, wie man sich als gemeinnütziger Verein aufstellen kann: über Mitgliedsbeiträge, finanzielle Partnerschaften oder über einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb, zum Beispiel über Einnahmen durch Veranstaltungen. Mit Flora bespricht sie, wie sie potenzielle neue Mitglieder erreichen und an ihren Verein binden kann. Mareike vermittelt dazu Kontakte zu möglichen Ansprechpartnern und Netzwerken in Berlin.

Um einen Verein finanziell nachhaltig aufzubauen, braucht es verschiedene Einnahme- und Finanzierungsquellen

Die Stunde ist fast rum und der nächste Beratungsgast, Kundai aus Simbabwe, klopft an die Tür des Beratungsraums. Er hat eine Online-Galerie mit afrikanischen Künstlern in Berlin ins Leben gerufen. „Ein neues Vereinsmitglied, Flora!“ ruft Mareike im Halbscherz. Jetzt kommt Stimmung auf. Gemeinsam hören wir uns Kundais Idee an. „Ich will mit Mavara afrikanischen Künstlern eine Plattform bieten, um Kunstwerke digital auszustellen und damit einen grenzübergreifenden Zugang zu afrikanischer Kunst zu schaffen“. Ziel sei es auch, die durch die Kolonialisierung der afrikanischen Staaten verloren gegangene Geschichte neu zu beleben und zu wahren. Das Netz macht es möglich. Da Kundai noch ganz am Anfang mit seinem Vorhaben steht, rät Mareike ihm erst einmal seine Idee mit Hilfe eines Businessplans zu schärfen, das heißt die Geschäftsidee herauszuarbeiten, Partner und Zielgruppen zu definieren und Meilensteine festzustecken. Am Ende der Stunde geht Kundai mit konkreten Aufgaben,  die seine nächsten Schritte bestimmen, aus der Beratung. 

Es ist bereits Abend, als die letzte Sprechstunde endet. Im be’kech sitzen immer noch Menschen und arbeiten konzentriert. In der Ecke mit dem schwarzen Klavier sieht man Flora und Kundai sich angeregt, aber leise unterhalten. Wir freuen uns über einen erfolgreichen Tag gefüllt mit interessanten Beratungen und beschließen vor dem Gehen einstimmig: Wir kommen wieder! 

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