Alexander Sängerlaub: "Das, was wir machen, ist nicht marktkonform“

Alexander Sängerlaub: "Das, was wir machen, ist nicht marktkonform“

Funden, funden, funden, und noch mal funden. Crowdfunding, Crowdfunding und immer wieder Crowdfunding. Macht das Sinn? Kommt man so zum Ziel, wenn man ein Crowdfunding nach dem anderen macht? Alexander Sängerlaub von Kater Demos, einem Polit-Magazin mit Lust und Leidenschaft, finanziert seine Kater-Demos-Ausgaben jedes Mal wieder aufs Neue über Crowdfunding – immer wieder zum gleichen Produkt, immer wieder über Startnext. Aktuell läuft die vierte Kampagne. Was sind Vor- und Nachteile? Und geht das ewig gut?  
 

INTERVIEW Jens Thomas 
 


Crowdfunding Berlin: Hallo Alexander, ihr habt gerade eure vierte Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Ein Crowdfunding nach dem anderen, ist das auf Dauer nicht anstrengend?

Alexander:Das ist auf jeden Fall ein aufwendiger Prozess. Das Gute ist, man fängt nicht jedes Mal wieder von vorne an. Und da man genau weiß, was einen erwartet, kann man auch gut planen. So gewinnt man an Routine und lernt sowohl aus Erfolgen als auch aus Fehlern. 

Wir sind ein monothematisches, utopisches Politikmagazin. Unsere Hefte sind durchweg interdisziplinär und multiperspektivisch. Wir nennen das constructive journalism

Crowdfunding Berlin:Eine Crowdfunding-Kampagne lebt von Aktionismus und Überzeugungskraft. Schwindet das nicht bei zunehmender Routine?

Alexander:Nein, man bleibt vielmehr am Ball, denn man will ja, dass zum Schluss, wie in unserem Falle, das Magazin gedruckt wird. Außerdem sind die Themen des Magazins immer wieder neue. Unsere Unterstützer sind darum, bis auf die Kernleserschaft, immer wieder andere. 

Crowdfunding Berlin:Kleiner Abgleich für unsere Leser: Was ist Kater Demos eigentlich? 

Alexander:Kater Demos ist ein monothematisches, utopisches Politikmagazin. Das unterscheidet uns auch von anderen. Unser Ansatz ist der zu überlegen, wie sich gesellschaftliche Probleme in Zukunft beantworten lassen. 


Das Kater-Demos-Team bei der Arbeit. Foto: Kater Demos 


Crowdfunding Berlin:Ich würde behaupten, dass das gefühlt jedes zweite Magazin über sich sagt. Was ist das Besondere an Kater Demos? 

Alexander:Wir machen völlig anderen Journalismus. Wir gehen über das bloße Berichten hinaus und liefern neben der Beschreibung von Wirklichkeit auch Lösungsansätze mit. Und wir gehen das ganze monothematisch an, so sind unsere Hefte durchweg interdisziplinär und multiperspektivisch. Dazu wählen wir ein Schwerpunktthema, in der zweiten Ausgabe war das zum Beispiel ‚Arbeit‘. Hier fragen wir, wie sich Arbeit und die Arbeitswelt durch Digitalisierung oder Robotisierung verändern, wie fragen aber auch, was das politisch bedeutet: Was bedeutet das für den Sozialstaat, wenn uns die Arbeit ausgeht? Brauchen wir zum Beispiel ein Grundkommen, oder reicht es, wenn alle ihre Arbeitszeit nur reduzieren? Und was bedeutet das auch für mich selbst? Wir nennen das constructive journalism. Das bedeutet, dass im Kern visionäre politische Konzepte von morgen im Vordergrund stehen.

Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Das, was wir machen, ist auch nicht marktkonform gedacht. Wir sind Idealisten. Wir hätten das Magazin auch mit Werbung vollbuttern können, das wollten wir nicht

Crowdfunding Berlin:In eurer vierten Kampagne geht es um „Das Fremde – Was uns trennt und was uns eint“. Ihr finanziert die Ausgabe wieder über Crowdfunding. Was könnt ihr darüber alles finanzieren? 

Alexander:Wir können darüber immer die Produktion der jeweiligen Ausgaben bezahlen. Beim ersten Crowdfunding 2015 haben wir rund 10.000 Euro eingenommen, beim zweiten war es etwas weniger, rund 5.000 Euro, beim dritten kamen wir sogar auf 11.000 Euro. Über die Fundingsummen können wir Druck- und Vertriebskosten decken, ein wenig ist auch noch für Marketingmaßnahmen da, sodass man zum Beispiel ein paar Sticker herstellen lassen kann.

Crowdfunding Berlin:Das heißt, für euch bleibt nichts? Ihr arbeitet permanent umsonst? 

Alexander:Ja, wir arbeiten alle ehrenamtlich. Das, was wir machen, ist auch nicht unbedingt marktkonform gedacht. Wir sind Idealisten. Wir hätten das Magazin auch mit Werbung vollbuttern können, das wollten wir aber nicht, weil wir als Redaktion unabhängig bleiben wollen. Das Magazin ist daher komplett werbefrei, wo gibt es das heute noch?

Crowdfunding Berlin:Du sprichst von Ehrenamt. Ehrenamt steht für bürgerschaftliches Engagement oder eine Art der Freiwilligentätigkeit, die anderen hilft. Ist das, was ihr tut, dann nicht einfach gesellschaftliches Engagement anstelle von ‚Arbeit‘ im Sinne von Erwerbsarbeit? Und ist es nicht euer Ziel, irgendwann einmal von Kater Demos leben zu können? 

Alexander:Komisch, dass man beim Wort „Arbeit“ immer zuerst an „Erwerbsarbeit“ denkt. Das ist auch ein Mythos, mit dem wir in unserer zweiten Ausgabe aufräumen. Es gibt nämlich total viele sinnvolle Arbeiten, die alle „ehrenamtlich“ sind: Gartenarbeit, Heimarbeit, Beziehungsarbeit und vieles mehr. Aber klar, davon zu leben, wäre schön, aber dann hätten wir ein anderes Magazin machen müssen: Voll mit Anzeigen – und das wollen wir nicht. Aber wir stellen uns natürlich immer wieder die Frage: Ist das die beste Möglichkeit, dass wir immer wieder crowdfunden? Gibt es nicht auch andere Wege? 

Crowdfunding Berlin:Und? Gibt es andere Wege? 

Alexander:Bisher sind wir zu dem Schluss gekommen: nein. Crowdfunding ist zumindest für den jetzigen Zeitpunkt die beste Möglichkeit, das Magazin direkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Es ist wie eine Art Vorbestellung zur nächsten Ausgabe. Wir leben in Zeiten, in denen die Printmärkte im Niedergang begriffen sind. Mit Ausnahme von den großen Verlagen gibt es kaum noch erfolgreiche Finanzierungsstrategien im Bereich Print. Zumal der Print-Anzeigenmarkt mit den Auflagen gleichzeitig zusammengebrochen ist – die Werbeströme fließen seit Jahren zunehmend ins Digitale ab. Genau darum ist Crowdfunding auch so spannend. Und für uns ist es der beste Weg: Wir erreichen darüber unsere Community, und würden wir die Ausgaben gewinnbringend am Kiosk verkaufen wollen, bräuchten wir ganz andere Margen. 

Crowdfunding ist für den jetzigen Zeitpunkt für uns die beste Möglichkeit, das Magazin direkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Es ist wie eine Art Vorbestellung zur nächsten Ausgabe

Crowdfunding Berlin:Wir hatten gerade Katrin Rönicke vom Podacst-Label hauseins im Magazin, die einen ihrer Podcasts, „die Wochendämmerung“, über ein sogenanntes Crowdfunding-Abo über die Plattform steady anbietet. Sie nimmt darüber über 3.000 monatlich ein. Warum macht ihr das nicht? 

Alexander:Wir haben tatsächlich darüber nachgedacht. Der Grund, warum wir bislang kein Crowdfunding-Abo anbieten, ist der, dass wir zu unregelmäßige Erscheinungsintervalle haben. Der Podcast von Katrin Rönicke kommt einmal die Woche. Man gibt also monatlich einen Betrag, bekommt aber auch wöchentlich etwas zurück, den Podcast als Produkt. Bei einem Printmagazin wie unserem, das maximal zwei Mal im Jahr erscheint, wäre das schwierig zu vermitteln, warum man nun monatlich einen Beitrag dafür zahlen soll. Zudem: Das mit dem Crowdfunding-Abo klappt ja nicht bei jedem. Das Crowdfunding-Abo funktioniert im Grunde nur bei denen, die bereits etabliert sind. Es handelt sich hier auch eigentlich um gar kein Crowdfunding, es ist ein Abo. Im Falle des Podcasts ist es ein Online-Abo. Man könnte es eigentlich sogar über seine eigene Webseite selbst anbieten. Die Crowdfunding-Plattform nutzt man dann als Dienstleister, sie übernimmt das ganze Handling, das man sonst selber zu erledigen hätte. Wir bieten im Übrigen auch ein klassisches Print-Abo an. Und parallel dazu haben wir noch andere Vertriebsmodelle, wie z.B. Events. Crowdfunding ist bei uns nicht der einzige Finanzierungsweg.  Projekt scheitert und den Kredit nicht zurückzahlen kann. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. 

Crowdfunding Berlin:Alexander, unsere Veranstaltung am 26.3. lautet „Crowdfunding und Langfristigkeit“. Es geht um Wege, wie man Crowdfunding lang- oder längerfristig verstetigen kann. Welche Wege sind deiner Meinung nach sinnvoll? Und welche Wege muss man gehen, um von seiner Arbeit irgendwann auch einmal leben zu können? 

Alexander:Ich kann hier nur für den Journalismus sprechen. Und hier wird es schwer sein, über Crowdfunding seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn man sich die letzten dreißig Jahre mal anguckt, welche Print-Magazine es aus dem Indie-Markt auf den Massenmarkt geschafft haben, die nicht von den großen Verlagen angeboten wurden, kann man die an einer Hand abzählen. Im Übrigen, wenn man recherchiert, sammeln auch die wenigsten Projekte über das Crowdfunding-Abo viel Geld ein, um so überhaupt Stellen finanzieren zu können Erfolgreiche Crowdfunding-Abo-Projekte müssen die Reichweite in der Regel bereits mitbringen, wie Krautreporter oder Übermedien, dann kann man sicherlich auch davon auch leben. An unserem Magazin arbeiten 60 Menschen, ich habe noch kein Crowdfunding-Abo im Journalismus gesehen, das genug Geld zusammenbringt, um so vielen Leuten ein Einkommen zu ermöglichen. 

Im Bereich Journalismus wird es schwer sein, irgendwann einmal über Crowdfunding seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und an unserem Magazin arbeiten 60 Menschen. Ich habe noch kein Crowdfunding-Abo im Journalismus gesehen, das genug Geld zusammenbringt, um so vielen Leuten ein Einkommen zu ermöglichen

Crowdfunding Berlin:Aber wäre das nicht ein Ziel? Arbeit sollte doch bezahlt werden.

Alexander:Klar, aber wenn sich Menschen ehrenamtlich engagieren, dann sage ich doch nicht „Hört sofort auf und lasst euch dafür bezahlen!“. Nicht alle Projekte sind in der Logik des Marktes umsetzbar – es braucht auch viele Ehrenamtliche, die unsere Gesellschaft tragen. Aber ja, von irgendwas muss man leben. 

Crowdfunding Berlin:Zum Schluss: Ist Crowdfunding dann eher eine Art Marktest, um herauszufinden, ob das, was man möchte, auch gewollt oder gebraucht wird oder um einen ersten Prototypen, in eurem Falle Ausgaben, zu finanzieren? 

Alexander:So in etwa. Crowdfunding ist ein guter Check, ob das eigene Produkt funktioniert und ob es irgendwen da draußen interessiert, was man sich ausgedacht hat. Gespür für eine gut gemachte Kampagne braucht man natürlich auch.

Crowdfunding Berlin:Alexander, wie viele Ausgaben wollt ihr noch über Crowdfunding machen und wo steht ihr euch mit eurem Heft in ein paar Jahren? 

Alexander:Nach der #05, die wir jetzt noch bis Ende der Woche crowdfunden, werden wir uns verstärkt um unser Zuhause im Digitalen kümmern. Print ist wunderschön, aber nicht mehr das Medium der Zeit, um die Menschen zu erreichen. Heute startet zudem unsere erste eigene Radiosendung bei BLN.FM. Wir werden das Angebot von Kater Demos demnach digitalisieren und weiter diversifizieren. Ich könnte mir unsere Art des Journalismus auch hervorragend als Videopodcast vorstellen – das wäre dann vielleicht auch das richtige Format für ein Crowdfunding-Abo. 


Am 26. März ist Alexander Sängerlaub Podiumsgast auf der Veranstaltung "Crowdfunding langfristig gedacht" im Podewil in der Kulturprojekte Berlin GmbH vor. Hier gibt es [alle Infos]

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