"Nachgefragt" bei AIS³: "Es gab Rückschläge, aber dann haben wir es geschafft"

"Nachgefragt" bei AIS³: "Es gab Rückschläge, aber dann haben wir es geschafft"
Foto: imachination

Stell dir vor: Du stehst in einen großen Raum und in der Mitte hängen in sechs Metern Höhe 37 Stränge mit jeweils 12 kugelförmigen, leuchtenden Lautsprechern, die Töne von sich geben. Hinzu kommen noch die Signale von Lichtsensoren, die bis zu 2.500 Meter tief im antarktischen Eis eingefroren sind und in den Raum übertragen werden. Klingt verrückt, kann man sich aktuell aber in der St. Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte anhören und anschauen. Die beiden, die das Projekt realisieren, sind Dr. Miriam Seidler und Dr. Tim Otto Roth vom Projekt AIS³. Beide waren vor zwei Jahren beim Kulturförderpunkt in der Beratung. Im Teil 3 unserer Reihe „Nachgefragt“ wollen wir von ihnen wissen: Welche Wege sind sie nach der Beratung gegangen? Wie finanzieren sie ihr aktuelles Projekt und was gibt es alles in der St. Elisabeth-Kirche zu sehen? 

 

VON CAROLIN MACKERT


Schon am Eingang in der St. Elisabeth-Kirche wird klar: Das, was hier passiert, passiert nicht alle Tage. Bunte Lichtkugeln erhellen den sonst stockfinsteren Raum, mal rauscht oder summt es, mal kommen schräge Pieptöne, die zu einer Einheit verschmelzen, dann herrscht wieder kurze Stille. Ein Mädchen hat den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen weit aufgerissen. Sie steht in der Mitte des Raumes und dreht sich immer wieder nach den Lichtern und Klängen um, die aus verschiedensten Richtungen auf ihre Sinne einwirken. Wir sind verabredet mit den Kuratoren und Organisatoren, mit Dr. Miriam Seidler und Dr. Tim Otto Roth. Sie warten draußen. Von den Eindrücken noch ganz benommen schlendern wir in ein naheliegendes Café. Langsam holt uns das grelle Sonnenlicht zurück in die Gegenwart. Das Tonband liegt bereit, es kann losgehen. 
 


 

Kulturförderpunkt Berlin: Hallo Miriam und Tim, bevor wir in die Tiefe gehen, stellt euch doch bitte mal kurz vor. 

Miriam: Ich bin Miriam Seidler, promovierte Literaturwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Studios von Tim Otto Roth. Bevor ich diese Aufgabe übernommen habe, war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Düsseldorf. Dort bin ich auch das erste Mal mit dem Thema Antragsstellung in Berührung gekommen.

Tim: Ich bin Tim Otto, komme aus dem Schwarzwald und bin häufig in Berlin. Ich habe an der Kunsthochschule in Kassel studiert und später meinen Doktor in Kunst- und Wissenschaftsgeschichte an der Kunsthochschule für Medien in Köln gemacht. Neben der Konzeptkunst nimmt in meiner Arbeit die Komposition zunehmend breiten Raum ein. Bereits im dritten Semester meines Studiums habe ich mein erstes großes Projekt realisiert. Schon da wurde mir bewusst, dass es eine besondere Herausforderung ist, dafür das nötige Geld aufzutreiben.

Kulturförderpunkt Berlin:Tim, du kombinierst mit deiner Installation AIS³ die Bereiche Physik und Kunst. Wie kann ich mir das vorstellen? Was gibt es zu sehen und zu hören? 

Tim: Stell dir folgende Situation vor: Du gehst in einen großen Raum und in der Mitte hängen in sechs Metern Höhe 37 Stränge mit jeweils 12 kugelförmigen, leuchtenden Lautsprechern, die Töne von sich geben. Ich bespiele diesen Klangraum mit Daten aus dem IceCube-Observatorium, das aus Lichtsensoren besteht, die bis zu 2.500 Meter tief im antarktischen Eis eingefroren sind. Dort unten messen Detektoren Lichtblitze und Lichtbewegungen, obwohl es in der Tiefe für unser menschliches Auge stockdunkel ist. Diese für uns nicht wahrnehmbaren Lichtbewegungen werden akustisch und visuell über die Lautsprecher für den Besucher der Ausstellung erfahrbar gemacht. 

Es geht uns darum, Natur physisch erlebbar zu machen, die sonst nicht sichtbar und erfahrbar ist

Kulturförderpunkt Berlin:Was ist denn das Ziel? Worum geht es dir bei diesem Projekt? 

Tim: Es geht mir darum, Natur physisch erlebbar zu machen, die an sich nicht sichtbar und auch sonst nicht erfahrbar ist. Die Messungen der Astrophysiker am Südpol führen uns sehr eindrücklich vor Augen, dass wir der Natur ausgesetzt sind und sie nicht beeinflussen können. So strömen jede Sekunde rund 70 Milliarden Neutrinos alleine durch einen einzigen Fingernagel. Die Neutrinos wechselwirken kaum mit anderen Elementarteilchen, weshalb sie nur sehr schwer zu messen sind. Die Physiker sprechen daher auch gerne von Geisterteilchen. Die Daten, die versuchen dieser geisterhaften Naturerscheinung auf die Spur zu kommen, bearbeite ich musikalisch. Die Faszination, die für mich von diesem Naturerlebnis ausgeht, versuche ich in meinem Klangraum zu präsentieren. 

 

Foto: Jens Thomas 


Kulturförderpunkt Berlin:Ihr habt euch im April 2016 vom Kulturförderpunkt beraten lassen, als das Projekt erst mal nur eine Idee war. Warum seid ihr zur Beratung gekommen? Was hattet ihr für Fragen? 

Miriam: AIS³ ist ein Projekt in einer Dimension, die nicht mit einem einzigen Förderer realisierbar ist. Wir mussten also gezielt Anträge bei unterschiedlichen potentiellen Geldgebern stellen. Wir fragten uns: Wie spricht man das Berliner Publikum und Stiftungen in Berlin an? Wie geht man vor, damit so ein Antrag erfolgreich ist? Hinzu kommt, dass wir mit AIS³ kein klassisches Kunstprojekt umsetzen, sondern eine einzigartige, leuchtende Klanginstallation mit aktueller Grundlagenforschung der Astroteilchenphysik verbinden. Die zwei unterschiedlichen Disziplinen haben jeweils eigene Antragssprachen. Bei potentiellen Förderern durfte nicht der Eindruck entstehen, wir machen reine Wissenschaftskommunikation oder verfremden die Daten in der künstlerischen Umsetzung so sehr, dass der Bezug zum Forschungsprojekt nicht mehr herstellbar ist. Für die Antragsstellung ist also ein Sprachspiel notwendig, das unterschiedliche Register ziehen kann, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Hier war es uns wichtig Feedback von Experten zu bekommen: Funktioniert unser Sprachspiel zwischen Kunst und Wissenschaft auch für kulturelle Stiftungen?  

Zum Kulturförderpunkt sind wir gekommen, um uns Tipps von Experten einzuholen: Wie spricht man das Berliner Publikum und Stiftungen in Berlin an? Wie geht man vor, damit ein Antrag auch erfolgreich ist? 

Kulturförderpunkt Berlin:Wie schwer war es für euch, im Anschluss Fördergelder zu bekommen und Partner zu finden?

Tim: Mit den Förderanträgen war es nicht immer einfach. Den Durchbruch für unser Projekt brachte eine Zusage für eine Teilfinanzierung der Schering Stiftung. Dennoch gab es auch Rückschläge, wie die Ablehnung durch die Kulturstiftung des Bundes. Eigentlich verwunderlich, denn wir dachten, dass das Projekt mit seiner interdisziplinären und internationalen Ausrichtung gut zur Stiftung passt. Die Antragstellung ist eine oft unterschätzte Arbeit, die sich für uns aber gelohnt hat – letztlich wurden wir gefördert. Die Hälfte unseres Budgets haben wir vom Hauptstadtkulturfonds erhalten. Speziell der Hauptstadtkulturfonds stellt Bundesgelder für Projekte in Berlin bereit, die für die Stadt bedeutsam sind, aber auch nationale und internationale Ausstrahlungskraft haben und innovativ sind. Da passt unser Projekt sehr gut rein.

Miriam: Aber auch unsere Arbeit an sich ist eine Herausforderung. Unsere Lautsprecher sind absolute Neuentwicklungen, die gibt es nicht einfach so von der Stange. Das Design und die Technik der Lautsprecher sind in unserem Studio entstanden. Ein tolles Team von Physikstudenten von der RWTH Aachen hat uns bei der Montage unterstützt. Da unser Studio nicht in Berlin ist, waren aber auch für die Pressearbeit und die Werbung die Kontakte unserer Kooperationspartner vom Kultur Büro Elisabeth und vom Desy in Zeuthen wichtig.
 

Foto: Jens Thomas 


Kulturförderpunkt Berlin:Nun ist es endlich soweit: Vom 29. August bis zum 16. September können sich Interessent*innen „Klanglaboratorium“ AIS³ in der Berliner St. Elisabeth Kirche kostenfrei ansehen. Was wird den Besuchern geboten? Und wen wollt ihr erreichen? 

Miriam: Wir wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen: Physikinteressierte und Musiker, aber auch interessierte Schüler und Studierende und die, die sagen, „oh, Physik, davon habe ich keine Ahnung“. Es ist ja auch für jeden etwas dabei: Der immersive Klangraum wird ergänzt durch eine von DESY Zeuthen kuratierte Ausstellung zum Forschungsprojekt IceCube, durch wissenschaftliche Vorträge, Schülerführungen und ein Symposium „Physik und (Arte)fakt“ am 14. und 15. September.  

Tim: Einen Aspekt, den wir bislang nicht angesprochen haben, ist die Komposition. Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft verdichtet sich in der Frage, wie eine Sphärenmusik im 21. Jahrhundert unter den Vorzeichen einer Physik klingen kann. Das Ergebnis ist nicht mehr das, was wir konventionell als harmonisch verstehen, sondern es ergeben sich neue mikrotonale Tonrelationen.   

Uns geht es sowohl um Physikinteressierte als auch um Musiker, genauso aber um den interessierten Schüler, um Studierende und um die, die sagen, „oh, Physik, davon habe ich keine Ahnung“.

Kulturförderpunkt Berlin:Gibt es in Berlin vergleichbare Projekte oder Ausstellungen, die Kunst und Wissenschaft in dieser Form zusammenbringen? 

Tim: Es gibt ein paar Projekte in diesem Bereich. Zum Beispiel das State Festival, eine großartige Initiative, die Christian Rauch ins Leben gerufen hat. Aber so einen Klangraum wie unseren, in dem der Besucher nicht von außen beschallt, sondern von Klang umgeben ist, kenne ich bislang noch nicht. Die Größe der Umsetzung ist einzigartig, und damit auch die Form, in der eine neuartige Verräumlichung von Klang über die physische Platzierung der Klangquelle im Raum selbst realisiert wird.

Kulturförderpunkt Berlin:Was empfiehlt ihr Künstler*innen und Kreativschaffenden, die noch in der Ideenphase für ein vergleichbares Projekt stecken? 

Miriam: Zuallererst braucht man einen langen Atem! Wir haben über fünf Jahre immer wieder neue Anläufe gestartet. Man darf einfach nicht unterschätzen, dass neben der aufwändigen Antragstellung auch die Projektverwaltung – also Abrechnungen und Kommunikation – sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Die meisten Stiftungen haben noch immer Museen mit einer guten administrativen Ausstattung im Blick und richten sich nicht an Studios, wie das unsrige, in denen diese Infrastruktur nicht von vornherein existiert. 

Kulturförderpunkt Berlin:Wie geht es mit euch und eurem Tonlabor weiter? Sind weitere Ausstellungen geplant?

Miriam: Wenn wir in Berlin wieder abbauen, geht es für uns weiter. Die nächste Station ist im Frühjahr in München, ab dem 5. September 2019 wird AIS³ im Ludwig Forum in Aachen zu sehen sein. Wir sind auch in Gesprächen mit IceCube-Forschergruppen in Amsterdam und Marseille.   

Tim: AIS³ ist nicht das einzige Projekt, an dem wir aktuell arbeiten. Schon jetzt bereiten wir uns für kommendes Jahr auf eine neue große Einzelausstellung „Logische Phantasien“ für die Kunsthalle Aschaffenburg vor. Ende September eröffnet eine von mir kuratierte Ausstellung zu Barockgrafik im Wallraf-Richartz-Museum in Köln. AIS³ ist mein drittes großes Soundprojekt. Und Berlin ist genau der richtige Ort, um den Stein ins Wasser zu schmeißen, damit wir in Zukunft noch mehr Wellen mit dieser Art der Klangkunst schlagen können. 

 

 

 

 


Hier gibt es noch mehr Infos zum Projekt AIS³.

Außerdem findest du hier alle Infos zum Hauptstadtkulturfonds und zu Förderungen für Musik und andere Sparten.

Stichworte: Nachgefragt
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