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"Urheberrecht und Grundeinkommen müssen zusammengeführt werden"

Sagt der Journalist Markus Heidmeier. Markus Heidmeier, Jahrgang 1971, ist einer der drei Köpfe der Kooperative Berlin – Labor, Werkstatt und Netzwerk für die digitale Kulturproduktion. Die Kooperative produziert unter anderem den täglichen NETZ.REPORTER für DRadio Wissen oder das Debattenportal Diskurs@Deutschlandfunk – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Das Netzwerk begreift sich als Medienlabor und Ideenmanufaktur an der Schnittstelle klassischer und digitaler Medien. Der studierte Philosoph ist in Dortmund aufgewachsen und lebt seit 1993 in Berlin. Im Interview mit LABKULTUR.tv spricht der Experte für digitale Kulturformen über Bildungsvermittlung, Urheberrecht und die Umwälzungen in der Medienlandschaft im digitalen Zeitalter.




Herr Heidmeier, Sie waren im Juni 2012 Podiumsteilnehmer bei der Stiftung Mercator zum Thema „Analog im Digital – Zerstören Computer die Allgemeinbildung?“ Ist das nicht zu naiv gefragt?

Das ist bewusst so formuliert, aber nicht naiv gemeint. Auf dem Podium thematisierte ich mit dem Journalisten, Buchautor und Verleger Wolfram Weimer und der Wissenschaftlerin, Dozentin und Bloggerin Mandy Rohs keine alten, überkommenen Gegensätze zwischen analog und digital. Computer zerstören die Allgemeinbildung nicht, aber wir waren uns einig, dass der Computer in der Bildungsvermittlung nur ein Instrument unter vielen sein kann. Die Technik allein hilft uns nicht aus der Bildungsmisere.

Sie haben 2011 das Projekt werkstatt.bpb.de - Digitale Bildung in der Praxis ins Leben gerufen. Was zeichnet das Projekt aus?

Werkstatt.bpb.de ist eine Online-Plattform, die wir, die Kooperative Berlin, in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung ins Leben gerufen haben. Wir beleuchten zwei der größten Herausforderungen im Bildungsalltag, nämlich Migration und Digitalisierung. Wir stellen uns vor diesem Hintergrund die Frage, wie Zeitgeschichte und Politik im Alltag deutscher Schulen zeitgemäß vermittelt werden können. Die Zielgruppe der Plattform sind Lehrende, die sich auf der Plattform nicht nur Material herunterladen können, sondern auch gefordert werden sollen. Denn wir wollen wissen: Was sind eure Themen?

Wie stellt sich Lernen im digitalen Zeitalter dar?

Das sind genau die Fragen, denen wir uns bei werkstatt.bpb.de stellen. Wir empfehlen dringend, neue und andere Strategien zu entwickeln, wie Wissen im digitalen Zeitalter vermittelt werden kann. In unserem Netzwerk regen wir zum Beispiel Diskurse zu Open Educational Resources (OER) und die Transparenz in Bildungsprozessen an. Dabei werden Bildungsressourcen wie Lehr- und Lernunterlagen frei und offen lizenziert im Internet verfügbar gemacht. Dazu brauchen wir dann keine Schulbuchverlage mehr. Die Auflagen von Schulbüchern amortisieren sich ja auch schon nach wenigen Jahren. Stattdessen sollten die Kultusministerien etwa Wiki-Quellen zur Verfügung stellen – zur Erstellung von Mashups und anderen Formen der Teilhabe. Dazu müssen offene Lizenzen verteilt werden. Für die OER müssen sich Lehrer natürlich auch selbst engagieren. Wir brauchen basiskreative Lehrer.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Urheberrechtsdebatte und den Aufruf „Wir sind die Autoren“?

Das Problem ist groß. Die Musik- und Filmproduzenten haben Angst, dass sie nicht mehr von ihren Einnahmen leben können. Dieses Problem tragen wir schon seit 15 Jahren mit uns rum. Aber auch der Verfolgungsdruck hat nichts an dieser Situation geändert. In dem Aufruf der Urheber, wird Downloaden von Filmen, Musik oder Texten als Diebstahl bezeichnet. Es kann aber nicht sein, dass jemand, der sein YouTube-Video mit der Musik von Michael Jackson unterlegt, dafür bestraft wird. Dieses Prozedere ist Ausdruck der Hilflosigkeit – und der Krise.

Welche Lösungsmodelle können Sie sich vorstellen?

Es geht jetzt um kluge Modelle. Wir müssen mit Innovationen rüberkommen. Eine Reform des Urheberrechts ist nötig, da ist der Druck groß. Man hat zu lange untätig zugesehen, wie Apple allen den Markt geklaut hat. Das Micropayment, die Zahlung eines Kleinbetrags für ‚Paid Content’, also etwa für Musikstücke oder Zeitungsartikel, muss einer eleganten Version zugeführt werden. Aber in Wahrheit reicht es nicht, über Reformen nachzudenken. Ich schlage vor: Das Urheberrecht und die Forderung nach einem Grundeinkommen muss zusammen geführt werden. Ich meine damit keine Kulturflatrate, sondern ein Grundeinkommen, ein Grundbetrag von Geld, über das alle Produzenten bedient werden – neben Musikern zum Beispiel natürlich auch der Wikipedia-Autor oder der Blogger.  

Wie wird sich das Zeitungssterben in der Medienlandschaft auswirken?

Die starke Veränderung in der Zeitungslandschaft ist offensichtlich. New Orleans zum Beispiel wird im Herbst 2012 die größte US-amerikanische Stadt ohne eigene Print-Ausgabe einer Tageszeitung sein. Dafür rücken die Online-Versionen der Zeitungen nach. In den USA kämpfen die klassischen Zeitungsverlage schon länger mit größeren Problemen als in Deutschland. Das Mediennutzungsverhalten der Leser ist in den USA noch weiter fortgeschritten. Aber dieser Trend ist auch in Deutschland zu beobachten. Wir beziehen immer mehr Informationen aus anderen Quellen. Diese Praxis wird sich weiter durchsetzen. Die Zeitungslandschaft wird sich dramatisch verändern.
Das Problem ist, dass keine Werbeerlöse mehr generiert werden, bei gleichzeitig immer mehr Akteuren, die von ihnen profitieren wollen.

Es ist Zeit, sich der Frage zu stellen, inwieweit man gerade jetzt starke Medien braucht. In Deutschland haben wir etwa leider keine elaborierte Blogkultur. Brauchen wir auch deshalb gerade jetzt die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten? Oder ist Journalismus auf Dauer auch privat realisierbar? Auf jeden Fall braucht eine gut funktionierende Demokratie starke Medien. Das duale System sollte aufrechterhalten werden.

Welche positiven und negativen Aspekte gewinnen Sie der allgemeinen Digitalisierung unseres Lebens ab?

Das Internet hat natürlich enormes positives Potential – von der Demokratisierung und Teilhabe über Zugang zu Wissen bis hin zu Kollaborationen. Wir überwinden die Zeit in unglaublicher Geschwindigkeit. Das Thema Überwachung, Werbung, Kinderpornografie – dieser ganze Müll, das ist natürlich das Negative.
Ich selbst nutze alle populären Plattformen, doch 95 Prozent meiner Einträge sind jobbezogen. So würde ich niemals Fotos meiner Familie auf Facebook veröffentlichen. Die Menschen gehen in sozialen Netzwerken viel zu freizügig mit ihrem Leben um. Datenhygiene ist empfehlenswert. Kurzum: Das Netz ist das, was wir draus machen.

Dieses Interview ist eine Zweitveröffentlichung in Kooperation mit unserem Content-Partner labkultur.tv.

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Kategorie: News

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