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Alexandra Manske: „Kreative sind die Kinder aus den Aufsteigermilieus der 1960er Jahre“

Alexandra Manske: „Kreative sind die Kinder aus den Aufsteigermilieus der 1960er Jahre“
Photo: © Alexandra Manske

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein expandierendes Feld. Trotzdem sind die Beschäftigungsverhältnisse prekär. Die Soziologin Alexandra Manske erforscht die Kultur- und Kreativwirtschaft seit Jahren. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen: „Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft“. Wir sprachen mit ihr über Kreative zwischen künstlerischem Drang und wirtschaftlichem Zwang, über freie Entfaltung versus soziale Absicherung und die Zukunft der Kreativwirtschaft.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Alexandra, du forschst über die Kultur- und Kreativwirtschaft. Was ist eigentlich kreativ daran, über Kreativschaffende zu forschen?

Alexandra Manske: Uff, Sozialforschung ist zunächst mal strengen Regularien und Formalien unterworfen, das ist dann wenig kreativ. Aber das Schreiben an sich gehört zu den vier kanonischen Disziplinen der Kunst, das ist dann schon sehr künstlerisch kreativ. Und Forschung ist auch kreativ. Man muss kreativ sein, um gewisse Dinge herauszufinden.

CCB Magazin: Der Untertitel deines neuen Buches lautet: „Kreative zwischen wirtschaftlichem Zwang und künstlerischem Drang“. Wie wirkt sich dieser Spagat auf die Arbeit von Kreativen aus?

Alexandra Manske:Künstler und Kreativschaffende verkörpern heute das moderne Arbeitssubjekt. Sie bewegen sich zwischen künstlerischem Sein und neuem Unternehmertum. Und künstlerisch-kreative Arbeit zeichnet sich heute, aber auch schon früher, durch einen hohen Bildungsgrad, Flexibilität, hohe Arbeitsmotivation und finanzielle Einschränkungen zugunsten einer intrinsischen Motivation aus. Allerdings sind Kreativschaffende zunehmend wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt, weil sie sich und ihre Arbeit immer mehr selbst vermarkten müssen. Mir ging es in meiner Arbeit um die Praxis hinter dem Diskurs. Denn gegenwärtig werden in der Wissenschaft drei Szenarien skizziert: Die eine Seite geht davon aus, dass Künstler und Kreative Opfer der heutigen Prekarisierungsgesellschaft sind, weil sie in unsicheren Arbeitsverhältnissen leben und schlecht verdienen. Die andere Seite argumentiert, Künstler und Kreative seien Komplizen im flexiblen Kapitalismus, weil sie Kreativität und Künstlerdasein als Freiheit erleben, diese Freiheit aber mit einer Zunahme von Eigenverantwortung und sozialen Risiken einhergeht. Die dritte Perspektive ist die, dass Kreative in erster Linie noch immer Künstler sind. Ich frage in meiner Untersuchung: Wie sieht die Realität hinter dem Diskurs aus?

CCB Magazin: Und, wie sieht die Realität hinter dem Diskurs aus?

Alexandra Manske:Die Frage ist doch, denken die Kreativschaffenden denn wirklich alle noch: „Boa, wir sind die Avantgardisten, weil wir immer noch so unkonventionell arbeiten“ und merken folglich gar nicht, vor welchen kapitalistischen Karren sie sich da spannen lassen? Oder ist es doch ganz anders, dass viele Kreative heute einfach ihren Job machen wollen, um auch Geld damit zu verdienen? Denn, wie ist es sonst zu erklären, dass heutzutage immer mehr Menschen in der Kreativbranche arbeiten, obwohl die Bedingungen so prekär sind? Jedes Jahr werden im Kreativsektor bundesweit 130 Milliarden Euro erwirtschaftet, das ergibt eine Bruttowertschöpfung von über 60 Milliarden, das ist mehr als in der Chemiebranche. Kein Erwerbsfeld ist seit den 1970ern so stark expandiert. Rund 1,6 Millionen Menschen verdienen heute ihr Geld im Kreativsektor, deutlich mehr als in der Autobranche. Zugleich verdienen die Mitglieder der Künstlersozialkasse im Schnitt nur 15.000 Euro brutto im Jahr. Die Frage ist doch: Warum macht man so etwas mit?

CCB Magazin: Warum macht man so etwas mit?

Alexandra Manske:Meine These lautet: Die Kreativen sind überwiegend Kinder aus den Aufsteigermilieus der 1960er- und 1970er Jahre. Es existiert heute ein Gefühl von sozialer Absicherung, das gewissermaßen ein historisches Überbleibsel ist und das sich auf die kulturelle Umstellung und wirtschaftliche Besserstellung ab Mitte/Ende der 1960er Jahre und auch auf das wohlfahrtsstaatliche Engagement, nämlich auf die Einführung der Künstlersozialkasse Anfang der 1980er Jahre, zurückführen lässt. Eine solche Art der Absicherung hatte es vorher nie gegeben. Und jetzt sind es plötzlich die Kreativschaffenden, die besonders hart von Prekarisierung betroffen sind. Mit anderen Worten: In einer anderen Form reproduzieren sich traditionelle Muster von sozialer Ungleichheit, die bereits 150 Jahre alt sind. Diese Muster von sozialer Ungleichheit werden heute durch die Attraktivität der wirtschaftlichen Ausdehnung der Kultur- und Kreativwirtschaft begünstigt.  

Viele Kreativschaffende denken, dass es schon irgendwie gut gehen wird

CCB Magazin: Inwiefern?

Alexandra Manske:Kreative wissen zwar um ihre soziale Lage, zugleich existiert bei vielen aber so etwas wie ein industriegesellschaftlicher Habitus von sozialem Aufstieg und sozialer Sicherheit, also der Glaube daran, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Und dieser Glaube existiert gerade vor dem Hintergrund einer Generation mit der Erfahrung des sozialen Aufstiegs, der mental bis heute nachwirkt. Es braucht eben auch eine Weile, bis sich Mentalitäten ändern.

CCB Magazin: Werden sich diese Mentalitäten künftig ändern?

Alexandra Manske:Das bleibt abzuwarten. Zum einen entsteht ja jetzt schon ein neues Bewusstsein, Initiativen und Netzwerke wie Haben und Brauchen oder die Koalition der freien Szene in Berlin setzen deutliche Signale und nehmen auch die Politik in die Pflicht. Sie machen sich für den Erhalt von Räumen für Kreative und gesetzliche Mindesthonorare stark. Auf der anderen Seite existiert aber noch immer eine große Scheu davor, sich zum Beispiel gewerkschaftlich zu organisieren. Die Kreativwirtschaft ist bis heute ein gewerkschaftsfreier Raum.

CCB Magazin: Du beschreibst in deinem Buch auch Berlin als Standort für Kreative. Welche Rolle spielt Berlin für deine Beobachtung, dass bis heute ein „industriegesellschaftlicher Habitus von sozialem Aufstieg“ vorherrscht?

Alexandra Manske:Man kann das heutige Berlin nur verstehen, wenn man in die 1970er zurückgeht, weil sich in dieser Zeit das herauskristallisiert hat, was Klaus Wowereit vor ein paar Jahren „arm aber sexy“ nannte. Es gab zwar auch schon 1913 das Nightlife, aber der Wahnsinn der Nationalsozialisten setzte dieser schillernden Vergangenheit ein jähes Ende. Historisch ist Berlin eine traditionelle Arbeiterstadt, auch mit einer ausgeprägten (sub)kulturellen Kulturvergangenheit und einer bürgerlichen Salonkultur. In den 1970ern hat sich dann das Künstlerische und Kreative in Berlin formiert. In dieser Zeit wurden Räume erobert, Strukturen geschaffen. Und man hat sich damals in einem ökonomischen Schonraum niedergelassen, der viel Platz bot und die Wurzel und Grundlagen für das gelegt hat, was ich in meinem Buch „Beschleunigungsfeiern nach `89“ nenne: Charakteristisch für das Berlin der 1990er wurde der sogenannte „Nachtunternehmer“. Dieser „Nachtunternehmer“ hat sich aus den subkulturellen und soziokulturellen Nischen der Clubs und Bars wie dem „Cookies“ oder „Trash“ entwickelt. Berlin war plötzlich nicht mehr nur Spielwiese für ökonomisch desinteressierte Künstler. Berlin war auch interessant für ökonomisch denkende Kreative. 

Man kann das heutige Berlin nur verstehen, wenn man in die 1970er Jahre zurückgeht

CCB Magazin: Ist das gut oder schlecht?

Alexandra Manske:Sowohl als auch. Die Kreativwirtschaft ist heute für die urbane Ökonomie insgesamt sehr wichtig. Das gilt auch für Berlin. Je mehr Kultur eine Stadt hat, desto attraktiver wird sie im globalen Standortwettbewerb. In Berlin arbeiten inzwischen 200.000 Menschen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Jeder zehnte Erwerbstätige ist heute im Kreativ- oder Kultursektor beschäftigt. Zum Vergleich: In Hamburg sind das acht Prozent, aber im bundesdeutschen Durchschnitt „nur“ gut drei Prozent – und auch das ist mehr als in der Versicherungsbranche. Zugleich kann jeder zweite Kreative und Kulturarbeiter heute von seiner eigentlichen Tätigkeit nicht leben. Man ist zusätzlich auf Brotjobs angewiesen, gerade in Berlin.

CCB Magazin: Du sprichst in deinem Buch von der „Reaktualisierung der sozialen Frage“ seit den 1980er Jahren.

Alexandra Manske:Ja, im Kontext der allgemeinen Flexibilisierung von Arbeit entfaltet sich künstlerisch-kreative Arbeit seit den 1980er Jahren zunehmend im Rahmen eines Bedingungsgefüges, das sich durch eine steigende ökonomische und sozialpolitische Ungewissheit auszeichnet. Es dominieren heute in der Konsequenz befristete Arbeitsverträge, Teilzeitbeschäftigungen und freiberufliche Arbeitsverhältnisse, die nur gering bis gar nicht reguliert sind. Es handelt sich also um einen Prekarisierungsprozess von künstlerisch-kreativer Arbeit.

CCB Magazin: Inwiefern?

Alexandra Manske:Künstlerisch-kreative Arbeit wird den Anforderungen des Marktes zusehends unterworfen, zudem zeichnet sich der künstlerisch-kreative Arbeitsmarkt heute vor allem durch eine Expansion privatwirtschaftlich organisierter Kreativarbeitsmärkte aus. Auch haben sich durch künstlerisch-kreative Arbeit die prekären Beschäftigungszonen ausdifferenziert: Freiberuflich zu sein ist kein fester Erwerbsstatus mehr wie in den 1970/80er Jahren. Vielmehr sind wechselnde Arbeitsverhältnisse und Erwerbsformen Normalität. Wechselnde Erwerbsformen sind aber in den Statuen der Künstlersozialkasse nicht vorgesehen und führen zu erheblichen Absicherungsproblemen. Insgesamt, auch global betrachtet, hat sich in künstlerisch-kreativen Erwerbsfeldern eine neue Zone ungeschützter und instabiler Beschäftigungen etabliert. 

Die zunehmende Altersarmut wird für Kreativschaffende zu einem Problem. Vermutlich wird kein Weg an einer Bürgerversicherung vorbeiführen

CCB Magazin: Wie löst man dieses Problem? 

Alexandra Manske:Die Regularien der Künstlersozialkasse müssen unbedingt an die neuen Herausforderungen in der Gesellschaft angepasst werden. Auch wird es künftig unter Selbständigen Mindesthonorare geben müssen. Zusätzlich begrüße ich auch die Konstruktion einer City Tax wie etwa in Berlin, durch die das eingenommene Geld wenigstens zum Teil in die Kultur fließt. Insgesamt wird es auch darum gehen müssen, dass sich Kreativschaffende organisieren: Es fehlen einfach einheitliche kollektive Akteure. Die unterschiedlichen Verbände haben unterschiedliche Zielgruppen, die haben oft auch wenig Geld, die einen vertreten Selbstständige, die anderen alle möglichen Berufsverbände. Hier müsste man mal an einen Tisch kommen. Und es wird sich ein neues Bewusstsein entwickeln müssen. Schon jetzt ist erkennbar, dass es so etwas wie subjektive soziale Erschöpfung unter Kreativschaffenden gibt, weil viele einfach nicht mehr können. Langfristig wird auch die zunehmende Altersarmut für Kreativschaffende ein Problem werden. Es wird vermutlich kein Weg an einer Bürgerversicherung vorbeiführen.
 


Alexandra Manske: Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Kreative zwischen wirtschaftlichem Zwang und künstlerischem Drang, transcript verlag 2016 

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