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Lichtblick Lichtenberg

Lichtblick Lichtenberg
Photo: © Ann-Kathrin Liedtke

Kanalreinigung, Schrottplatz, Zukunftsort: Mitten in Berlin-Lichtenberg will Kerstin Godschalk ein Atelierhaus als Kunstzentrum etablieren. Kann das funktionieren? Wir haben die Kulturmanagerin bei ihrer Arbeit begleitet.

 

von Ann-Kathrin liedtke

 

In den dunklen Gängen der alten Margarinefabrik schallen die Schritte einer jungen Frau, verlieren sich in einem kafkaesken Labyrinth aus Türen und Fluren. Langsam drückt sie ihre Schulter gegen eine Tür aus schwerem Metall und betritt einen neuen Raum. Kaltes Licht von Neonröhren und der süßliche Geruch von Wein schlagen der Dunkelheit entgegen. In der Mitte des weißen Raumes: Attilio Tono und seine Kunstwerke.

Im Atelierhaus Kunstfabrik HB55 in der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg organisiert Kerstin Godschalk die kommende Ausstellung. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Eröffnung, mit Attilio Tono bespricht sie die letzten Einzelheiten. Der italienische Künstler ist einer von mittlerweile 220 Künstlern, die in dem Lichtenberger Kunstzentrum ein Atelier gemietet haben. Als die Kulturmanagerin vor zwei Jahren hier anfing, standen noch viele der Räume leer. Heute ist die HB55 komplett ausgebucht. Godschalk kennt alle Künstler und Künstlerinnen, die hier arbeiten, persönlich. Sie wollte von Anfang an Kontakt herstellen, die Gesichter hinter den Mietverträgen kennenlernen. „Ich habe an jede Tür geklopft“, erinnert sie sich. „Ich wollte ja wissen, mit wem ich arbeite.“ So sei sie auch auf Tono aufmerksam geworden, für den sie die aktuelle Ausstellung kuratiert. Wenn Godschalk heute durch die Flure der 7.000 m² großen ehemaligen Margarinefabrik läuft, wird sie von allen mit Vornamen gegrüßt. Sie ist die Frau, die das Atelierhaus zusammenhält.

Von der Margarine- zur Kunstfabrik

Seit der Gebäudekomplex mit den charakteristischen senfgelben Backsteinen im Jahr 2007 von einem französischen und einem amerikanischen Investor aufgekauft wurde, wurde die ehemalige Fabrik nach und nach restauriert. Teile wurden an Kreative und Kunstschaffende vermietet, andere an andere Gewerbetreibende wie einen Sackgroßhandel und einen Spielpalast. Als Kerstin Godschalk selbst eine Wohnung in der Gegend sucht, kommt sie mit ihrem neuen Vermieter ins Gespräch – dem Besitzer des Gebäudekomplexes in der Herzbergstraße. Er wollte ein Atelierhaus umsetzen, sie schrieb einen Entwurf – und wurde engagiert. Seitdem arbeitet sie daran, das ehemalige Industriegebäude einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die HB55 zu einem Ort des Kunstschaffens aufzubauen.

Das Gebäude der HB55 Kunstfabrik, Foto: Ann-Kathrin Liedtke.

Um das zu erreichen, entwickelte die 28-Jährige ein neues Konzept. In einem zentralen Ausstellungsraum können Künstler und Künstlerinnen der HB55 ausstellen. Sie werden von Godschalk selbst ausgewählt oder können sich bei ihr dafür bewerben. Die Kulturmanagerin bietet ihnen in der Umsetzung ihre kuratorische Unterstützung an. Die Kunstwerke, die hier präsentiert werden, werden zudem speziell hierfür angefertigt – ein Aspekt, der die Kunstfabrik von den meisten musealen Institutionen und Galerien unterscheidet. Godschalk will alte Sehgewohnheiten aufbrechen und den Raum mit dem Menschen interagieren lassen: „In meiner Arbeit orientiere ich mich an der Theorie des Soziologen Henri Lefebvre ‚L’espace de l’espece‘: Mit der ausgestellten Kunst soll ein Raum über und mit sozialer Interaktion entstehen.“ Wie das aussehen kann, wird in Attilio Tonos Werken deutlich. Seine raumgreifenden, abstrakten Skulpturen erfordern die Aktion der Betrachtenden. Sie müssen sie umrunden, immer wieder neue Perspektiven einnehmen, um das Werk ganz zu erfassen können – und doch kann die eine, die „richtige“ Perspektive nie gefunden werden.  

Gleichzeitig müssen die Betrachtenden der Ausstellung nicht nur sehen und sich bewegen: Die Kunst fordert auch ihren Geruchssinn. Tono arbeitet mit Wachs, Gips und Wein. Den italienischen Künstler faszinieren natürliche Materialien. Sie lassen sich nur zu einem gewissen Grad beeinflussen, ergeben immer wieder neue Farbnuancen und Muster oder bilden Risse. „Es ist immer derselbe Wein, immer derselbe Gips“, erzählt Tono. „Und doch sieht es jedes Mal anders aus.“ Teile seiner Figuren taucht er in Rotwein. Der weiße Gips saugt sich mit der Flüssigkeit voll, sie bahnt sich ihren Weg in die Skulptur. Es entsteht ein Farbverlauf von Dunkellila bis Hellbraun. Fruchtfliegen umschwirren die Skulptur, sie beginnt zu faulen. Der Schimmel sei nach einem Jahr wieder weg, bemerkt Godschalk beschwichtigend. Dann könne man sich die Skulpturen auch in die Wohnung stellen.

9)	LEBENSMITTELpunktKUNST, Ausstellungsansicht, von links: Attilio Tono, Gabriele Stuckemeier, Satoshi Fujiwara, Andreas Kramer, Foto Jörn Rädisch

LEBENSMITTELpunktKUNST, von links: Attilio Tono, Gabriele Stuckemeier, Satoshi Fujiwara, Andreas Kramer, Foto: Jörn Rädisch.

Lichtenberg: neuer Ort für Kunstproduktion?

Ihr Konzept setzt die Kuratorin fernab des Zentrums der Berliner Kunstszene um. Auf dem Weg in die Herzbergstraße 55 ziehen an den Fenstern der M8 Richtung Ahrensfelde zahllose leerstehende Gebäude vorbei. Zersprungene Fensterscheiben, mit Brettern vernagelte Türen. Oberleitungen überspannen wie riesige Spinnennetze die Straßen. Lichtenberg, ein alter Arbeiterbezirk mit Industriecharme, Land der Plattenbauten und Rentner. Und der Nazis – so zumindest das Klischee. Noch immer haftet dem Bezirk dieser Ruf an. Der Weitlingkiez fällt auch 20 Jahre nach der Räumung der durch Neo-Nazis besetzen Häuser immer noch durch rechtsextremistische Vorfälle auf. Heute verdrängen steigende Mieten in den Berliner Szene-Vierteln nicht nur Familien und Studierende hierher. Auch Atelierräume werden knapp. Aus den laufenden Bedarfserhebungen des Atelierbüros geht hervor, dass sich etwa 80 Prozent der geschätzten 8.500 bis 10.000 in Berlin lebenden bildenden Künstler und Künstlerinnen Anfang 2016 ateliersuchend gemeldet haben. Für Kreative ist der Ost-Bezirk daher oft eine der letzten Möglichkeiten, einen bezahlbaren Arbeitsraum zu finden. Für viele ist das jedoch nicht der einzige Grund, in die HB55 zu ziehen.

„Man kann hier neue Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen“, erzählt Tono. Für den Italiener, der erst vor drei Jahren nach Deutschland kam, war das besonders wichtig. Über einen Freund erfuhr er von dem Ort, schaute sich die Ateliers an und wollte bleiben. Besonders gereizt habe ihn der Skulpturengarten. Hier kann er Dreck machen, laut sein, mit großen Materialien arbeiten. Der Ausstellungsraum der HB55 Kunstfabrik sei zudem eine Chance, bekannter zu werden. „Langsam will ich ankommen“, meint er und lacht zurückhaltend. „Mit 40 Jahren wird es langsam Zeit.“

Frank Arndt: „Ich brauchte den Austausch mit anderen“

In einem anderen Raum werden neun Künstler und Künstlerinnen des Atelierhauses in einer zweiten Ausstellung Bezug auf Attilo Tono nehmen. Unter ihnen ist auch Frank Arndt. Auf dem Weg zu ihm geht Godschalk durch die langen Gänge der historischen Fabrik, in der sich unzählige Türen aneinanderreihen. Hinter ihnen befinden sich die Werkstätten von Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt und unterschiedlichen Bereichen: Instrumentenbauerinnen, Modedesigner, Fotografen. Frank Arndt ist seit 2014 in der HB55. Davor hatte er ein Atelier in einer Altbaubauwohnung in Friedrichshain, dann ein Ladenlokal in Prenzlauer Berg. „Ich habe da immer alleine gearbeitet“, sagt Arndt. „Ich wollte und brauchte aber den Austausch mit anderen.“

 
Frank Arndt in seinem Atelier in der HB55 Kunstfabrik, Foto: Ann-Kathrin Liedtke.

Aber was kann das Atelierhaus außer den Vernetzungsstrukturen bieten? Einen Vorteil sieht der Künstler vor allem in der individuellen Betreuung durch Kerstin Godschalk. „Manche können sich gut verkaufen“, meint Arndt. „Aber viele Künstler eben auch nicht.“ Sie bietet neben ihrer kuratorischen Tätigkeit auch die Übernahme der Öffentlichkeitsarbeit an. Mit knapp 20 m² hat Arndt eines der kleinsten Ateliers gemietet, aber der Blick aus seinem Fenster sei unbezahlbar meint er und zeigt nach draußen: Ein unverbaubarer Blick auf den Fernsehturm, abends die Sonnenuntergänge über dem Panorama der Stadt. Der kleine Raum ist voller bunter, greller Kunstwerke. An einer Wand hängen die Arbeiten für die geplante Ausstellung. Amöben: farbige, unförmige Kreise, Marker-Zeichnungen auf Karton. Einen Nachteil in der langen Anfahrt zu seinem Arbeitsraum sieht Arndt nicht: „Was mich wirklich am meisten begeistert hat, war Lichtenberg selbst. Ich meine, wann fährt man da schon mal hin? Der industrielle Charakter, dieses Nicht-Fertige. Das ist absolut eine neue Welt. Das war wirklich das Spannendste und Schönste.“

Ich wünsche mir, dass ich den Künstlern hier dauerhaft einen Platz bieten kann

Der Industrie-Charakter der Gegend ist offensichtlich: Am einen Ende der Herzbergstraße befindet sich eine Kanalreinigung, an der anderen ein Peugeot-Autohaus, 500 Meter entfernt ist das Dong Xuan Center und direkt nebenan eine Autowerkstatt. „Unsere Nachbarn haben sich schon an uns gewöhnt“, erzählt Godschalk. „Sie bekommen dauernd ungewöhnliche Lackier-Aufträge, müssen bizarre Formen zuschneiden oder werden nach speziellem Werkzeug gefragt“. So profitieren beide Seiten von der ungewöhnlichen Nachbarschaft. Das Atelierhaus befindet sich mitten in Lichtenbergs Gewerbegebiet, das seit 2011 zu einem von vierzig Standorten zum „Entwicklungskonzept für den produktionsgeprägten Bereich“ gehört – Tätigkeiten ohne industrielle Nutzung sind damit weitestgehend ausgeschlossen. Das Gewerbegebiet soll Gewerbegebiet bleiben. Auch deswegen gibt es hier nichts von dem, was die meisten Berliner Bezirke prägt: keine Bars oder Clubs, keine Einkaufsstraßen, kaum Restaurants. Die Gefahr, dass die Mieten steigen, dass das Viertel wie beispielsweise Prenzlauer Berg gentrifiziert wird, ist dadurch gering. Das Atelierhaus: eine Grauzone. Doch nicht nur die HB55, auch die Sammlung Haubrok und andere Kreative haben sich hier angesiedelt.

LEBENSMITTELpunktKUNST, Eröffnung, Frank Arndt Studio AU, performative Installation im Rahmen der Berlin Food Art Week, 20.– 26.06.2015, Foto: Jörn Rädisch.

Mittlerweile hat Godschalk gemeinsam mit ihrem Kollegen Jörn Rädisch erreicht, dass hier im Jahr sechs Schauen und Vorstellungen der Künsterinnen und Künstler des Hauses stattfinden können. Sie will auch in Zukunft daran arbeiten, dass die HB55 Kunstfabrik als einer der Berliner Kunststandorte etabliert wird. Die Geschichte des Ortes soll dabei nicht vergessen werden: Schon der gelbe Schriftzug der HB55 verweist auf das Gebäude mit seinen senfgelben und rostroten Backsteinen. Ein kleines Badezimmer wurde nicht renoviert, sondern umfunktioniert: „Hier finden oft Videoinstallationen statt“, erzählt Godschalk. „Die anderen Ausstellungsräume haben wir geweißt und möglichst bespielbar gemacht, aber es ist schön, wenn man an solchen Stellen sieht, dass das hier nicht immer ein Ort für Kunst war.“ Die Kuratorin will mitten in Lichtenberg Künstler und Künstlerinnen vernetzen und den Ort über die Grenzen des Ost-Bezirks bekannt machen. Goldschalk will aber vor allem eins: „Ich wünsche mir, dass ich den Künstlern hier dauerhaft einen Platz bieten kann.“


Profil von Kerstin Godschalk auf Creative City Berlin

Profil der HB55 Kunstfabrik auf Creative City Berlin

Auszeichnung Berlin's Best 

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