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Nikola Richter: "E-Books sind unsere Rettung!"

Nikola Richter: "E-Books sind unsere Rettung!"
Photo: © Nikola Richter

Ihr kennt das. Hat man Internet, hat man keine Zeit. Hat man keine Zeit, bleibt man trotzdem im Internet. Und dann will man auch noch was mit 'Anspruch' im Netz lesen. Genau hier setzt Nikola Richter an: Sie gründete mikrotext, ihren eigenen E-Book-Verlag und macht seitdem literarische und zeitgenössische Texte der digitalen Welt zugänglich - und zwar "smartphonegerecht". Wie das funktioniert und was mikrotext genau ist, erklärt uns die Verlegerin am besten selbst.  


CCB Magazin: Hallo Nikola, erzähl mal: Wer bist du und was machst du?

Nikola Richter: Ich bin Nikola Richter, Autorin und Verlegerin, ich habe Literaturwissenschaften in Tübingen, in Norwich in England und in Berlin studiert. Ich bin einfach ein Literaturmensch, das hat schon recht früh angefangen: wie bei den meisten mit dem Gedichteschreiben in der Pubertät. 1999 bin ich dann nach Berlin gezogen, eigentlich komme ich aus Bremen. In Berlin habe ich 2001 mit ein paar Freunden ein eigenes literarisches Magazin gegründet, die 'Schriftstelle'. Ich behaupte, dass es damals eines der ersten Webmagazine zur Literatur im Netz war. Anfang 2013 gründete ich meinen eigenen Verlag, mikrotext.

CCB Magazin:Mikrotext ist ein digital-first Verlag. Warum braucht man so einen Verlag?

Nikola Richter: Das Smartphone wird in unserem Leben immer dominanter, es verändert auch unser Leseverhalten. Die wenigsten Verlage stellen sich aber darauf ein. Hier setze ich mit mikrotext an: Ich biete literarische Inhalte smartphonegerecht an. Alles, was bei mikrotext erscheint, sind Lektüren, die entweder direkt im Netz entstanden sind oder Texte, die sich mit dem Netz in Beziehung setzen lassen. Das heißt nicht, dass alles digital veröffentlicht wird. Ich veröffentliche mittlerweile auch Bücher. mikrotext wählt literarische Texte allerdings meist danach aus, ob sie auch digitalem Leseverhalten entsprechen.

Das Smartphone wird in unserem Leben immer dominanter, die wenigsten Verlage stellen sich aber darauf ein. Hier setze ich mit mikrotext an

CCB Magazin:Gibt es bei den Veröffentlichungen deines Verlags ein einheitliches Format?

Nikola Richter: Nein, das gibt es nicht. Das kann es auch nicht geben. Autoren sind unterschiedlich, ihre Texte sind unterschiedlich. Wichtig ist mir aber, dass die Texte episodenhaft sind, wenn sie bei mikrotext erscheinen. Und episodenhaft heißt, dass die Texte eine gewisse Länge nicht überschreiten und dass man sie schnell erfassen kann. Wie genau, das hängt von den Formaten ab. Tweets oder Facebook-Posts sind zum Beispiel bereits episodische Textfragmente, bei anderen Texten ist das nicht so. Stefanie Sargnagel wurde gerade mit dem Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt ausgezeichnet: für ihre Facebook-Posts. Eine Auswahl ihrer Posts ist auch bei mikrotext erschienen, unter anderem thematisch sortiert, sodass sich einige Posts in der Gesamtheit wie ein längerer Essay lesen lassen. Generell sind Netztexte eher so geschrieben, dass man schnell einsteigen, schnell aber auch wieder aussteigen kann – und das prägt auch den Umgang des Lesers mit Texten heutzutage.

CCB Magazin:Das klingt nach wenig Muße. Darum geht es aber doch beim Lesen. Geht da nicht etwas verloren?

Nikola Richter: Das muss nicht sein. Ich möchte ja gerade Muße in digitalen Zeiten ermöglichen. Hier sind E-Books wirklich unsere Rettung! E-Books ermöglichen das Offline-Lesen von digitalen Formaten, fern von Facebook-Kommunikation hier, whats app-Kommunikation da, frei von jeglichem Streamdurchscrollen. Und sie wiegen nichts, befreien uns auch von Gewicht. 

E-Books sind unsere Rettung! Sie ermöglichen Offline-Lesen von digitalen Formaten, fern von Facebook-Kommunikation hier, whats app-Kommunikation da

CCB Magazin:Du hast über mikrotext mittlerweile über 30 Titel veröffentlicht. Wie sieht dein Service für Autoren und Leserschaft aus?

Nikola Richter: Ich stelle die Texte so zusammen, dass sie in verschiedene digitale Ausgabeformate passen. Dazu biete ich für meine Autoren und die Leser eine Art Single-Source-Publishing-Service an: Ich erstelle ein Dokument, das man als ePub, PDF oder als Druck-Datei veröffentlichen kann. Das Standardausgabeformat ist aber eine ePub-Datei: Sie kann gegen Bezahlung in allen gängigen E-Book-Shops von iTunes, Tolino-Gruppe, Google Books bis Amazon heruntergeladen und offline als E-Book gelesen werden. 

CCB Magazin:Der Schwerpunkt deines Verlages liegt auf literarischen und zeitgenössischen Texten, die oft provokant und politisch sind. Felix Stephan nannte es in der Süddeutschen Zeitung "Beat-Publishing". Wie triffst du die Auswahl deiner Autoren?

Nikola Richter: Beat ist daran wohl vor allem die Schnelligkeit und auch der Überraschungsfaktor. Man weiß nicht, was kommt. Es gibt keine Vorschau für ein gesamtes Jahr oder mehr. Mikrotext-Veröffentlichungen haben immer einen aktuellen Bezug, auch müssen sie meinungsstark sein, das ist mir sehr wichtig. Zu meinen Autoren gehören etwa der syrische Autor Assaf Alassaf, die Berliner Lesebühnenautorin Ruth Herzberg oder die bereits genannte österreichische Kultautorin Stefanie Sargnagel. Sie alle berichten aus einer sehr subjektiven Erfahrung – und mit Humor. Das ist ein Schwerpunkt meines Verlags. Ich glaube an das Verlegen mit erkennbaren Schwerpunkten, mit Geschmack und Subjektivität. Ich sage: Die Welt ist komplex, und mit den kurzprogrammatischen mikrotexten wird sie vielleicht etwas weniger komplex – oder zumindest kann man mal darüber lachen, auch über die eigenen engen Sichtweisen. 

mikrotext-Veröffentlichungen haben immer einen aktuellen Bezug, auch müssen sie meinungsstark sein

CCB Magazin:Du bist deine eigene Chefin. Wie komplex gestaltet sich dein Arbeitsalltag? Ist das nicht anstrengend?

Nikola Richter: Natürlich ist das anstrengend, es macht aber auch Spaß! Mein Job ist sehr diversifiziert und umfasst mehrere Jobs: Verlegen, Autorengespräche, Lektorieren, Vertrieb, Presse, Veranstaltungen, Herstellungsplanung, Finanzen. Das Besondere an den vielen digitalen Verlegerinnen und Verlegern, die sich seit 2012 gegründet haben, wie Frohmann Verlag, Culturbooks, OxOa, Ring eBooks, shelff, das Beben, mikrotext, ist, dass sie auch technisch versiert sind und wissen, was sie da digital tun. Ich bin Verlegerin UND ich kann ein ePub selbst „bauen“, habe ich auch schon, und ich verstehe auch in Grundzügen den Code, in welchen der Text verpackt ist. Der Buchverleger kann seine Bücher nicht selber drucken, mit Ausnahme von Gerhard Steidl vom Steidl-Verlag vielleicht, der ist nämlich Drucker. Derzeit produziere ich die E-Books allerdings mit einem Open-Source-Tool, mit Booktype von Sourcefabric.

CCB Magazin:Kannst du mittlerweile von mikrotext leben?

Nikola Richter: Nein. Ich arbeite, allerdings erst seit kurzem, bei der Zeitschrift Kulturaustausch, da bin ich stellvertretende Chefredakteurin mit 25 Prozent. Das ergänzt sich ganz gut. Ich sitze auch in der Jury für die City Tax, habe drei Jahre lang die Electric Book Fair mitkuratiert, halte Vorträge, auch international. Von einem E-Book- und Independent-Verlag leben zu können, das ist bislang schwierig – aber es wird besser. Vielleicht sollten sich alle unabhängigen E-Book-Verlage zu einem großen E-Book-Verlag zusammenschließen – dann wären wir ein Kontrapunkt gegen die großen Verlags-Agglomerate und hätten mehr Marktpower. Bisher lieben wir alle unsere Unabhängigkeit – und die ist unbezahlbar.

CCB Magazin:Du bist seit 1999 in Berlin. Was bedeutet Berlin für dich als Lebens- und Standort?

Nikola Richter: Was Berlin auszeichnet ist diese extreme Dichte an Kommunikation und Ereignissen, die Möglichkeit des Austauschs vor Ort. Das ist etwas ganz Inspirierendes. Darum sind auch so viele Verlage und Autoren hier. Gleichzeitig gehen aber auch viele Autoren wieder, weil Berlin sich verteuert. Viele zieht es momentan nach Leipzig. Derzeit, oder noch, ist Berlin die Hauptstadt für das digitale Publizieren.

Ich wünsche mir, dass in Berlin dieser kollaborative Esprit weiter herrscht. Aber der kommerzielle Druck wird zunehmen, das heißt, weniger Experimente, weniger Freiräume

CCB Magazin:Wie sieht die Zukunft aus? Sowohl für Berlin, die Verlagsbranche als auch für dich?

Nikola Richter: Die digitale Verlagsbranche ist immer noch von Experimentiergeist geprägt. So langsam kommen die klassischen Printverlage aber auch im digitalen Zeitalter an. Gut ist: Man setzt einen digital-first-Verlag nicht mehr in Anführungszeichen, so als ob es kein echter Verlag wäre. Mittlerweile schauen sich die klassischen Verlage von den independent-digital-first-Verlagen immer mehr ab. Dadurch entsteht natürlich eine Konkurrenzsituation, die nicht so produktiv ist. Auch gibt es immer noch viel Unwissen über E-Books und was sie leisten können, teilweise wird es sogar von den Verlagen geschürt, wenn sie wirklichen Quatsch verbreiten.

CCB Magazin:Was denn für ein Quatsch?

Nikola Richter: Etwa postet der Verleger eines großen literarischen Verlagshauses ein Foto eines gedruckten Buches mit Lesebändchen auf Facebook und schreibt dazu: „Das kann das E-Book nicht“. Und das ist in zweierlei Hinsicht großer Blödsinn: Erstens haben E-Books auch digitale Lesezeichen. Zweitens: E-Books wollen und sollen gar nicht WIE Bücher sein, sondern sie ermöglichen ANDERE Lektüren, Zugänge. Ich will, dass dieses E-Book-Bashing aufhört. Schließlich liest der Großteil der Lesenden schon auf dem Bildschirm – springt doch mal aufs E-Book auf. Wir sollten Wege konstruktiv denken und gemeinsam gehen. Und für Berlin wünsche ich mir, dass dieser kollaborative Esprit weiter herrscht. Berlin wird immer internationaler, die Autoren-Szene wird immer internationaler. Dazu passt das digitale Publishing, denn es IST internationales Publishing: E-Books sind weltweit verfügbar, anders als Bücher. 

Ich will, dass dieses E-Book-Bashing aufhört!

CCB Magazin:Siehst Du diesen kollaborativen Esprit in Gefahr? Berlin verändert sich sehr.

Nikola Richter: Das große Thema der Zukunft wird in Berlin die Mietveränderung und Verdrängung sein: Können sich diese vielen kleinen Orte, wo Literaturveranstaltungen stattfinden, halten? Man hätte sich in Berlin stadtpolitisch einfach früher um den Milieuschutz kümmern müssen. Vermutlich ist das schon zu spät, wenn ganze Straßenzüge an Investoren verkauft werden dürfen. Das wird auch den Kulturbetrieb verändern. Der kommerzielle Druck wird für alle zunehmen, das heißt, weniger Experimente, weniger Freiräume. Keiner will diese gemainstreamte Kultur, auch das Netz kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Aber wir können im Netz zu Diskussionen anregen. Und das tue ich. Und genau hier mache ich weiter.

CCB Magazin:Nikola, danke für das Gespräch. Viel Erfolg.


Profil von Nikola Richter auf Creative City Berlin 

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