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Ina Budde: „Ohne die großen Player geht es nicht“

Ina Budde: „Ohne die großen Player geht es nicht“
Photo: © Yvs

Im Gespräch mit Creative City Berlin - Ina Budde: Modedesignerin und Gründerin von Design for Circularity. Foto © Yvs

Berlin hat eine neue Anlaufstelle für die textile Kreislaufwirtschaft – Design for Circularity im CRCLR Lab Berlin, kurz DfC. Gründerin ist die Modedesignerin Ina Budde. Wir zeichnen sie dafür mit dem Siegel Berlin's Best aus und waren selbst vor Ort: Was ist DfC genau und was passiert in den Räumlichkeiten in Neukölln?  Kann eine kreislauffähige Wirtschaft die Gesellschaft von Grund auf verändern? 
 

Text JENS THOMAS

 

Ina Budde setzt sich und macht eine Flasche Ostmost auf. „Magst du?“, fragt sie. „Ja, Ostmost find' ich gut“, erwidere ich. Wir sitzen in einem kleinen acht Quadratmeter großen Raum inmitten einer großen länglichen Halle. Wir trinken Ostmost, ein feines biologisches Berliner Getränk aus regionalem Betrieb. Ina Budde führt mich durch ihren Arbeitsplatz, das CRCLR Lab, eine neue Anlaufstelle für die Berliner Kreislaufwirtschaft, ein Coworking-Space, ein Beratungsangebot, ein Veranstaltungsort, ein Vernetzungszentrum. Ina Budde: Modedesignerin. Seit-drei-Jahren-Berlinerin, Preisträgerin mehrerer Green Awards und Gründerin von Design for Circularity. Der Ort: Das Agora Rollberg in Neukölln, wo sich das neue CRCLR Lab befindet. Und die Halle ist riesig! Es ist Platz für 1.000 Menschen. Erst kürzlich fand hier der prominente Green Market statt, ein deutschlandweites Vernetzungstreffen für ökologische Startups und grüne Vordenker. Hier geht was.
 

Platz für 1.000 Menschen: die Räumlichkeiten CRCLR Lab, wo sich auch Design for Circularity befindet. Foto: © Ina Budde
 

Ina Budde fängt an zu erzählen: Über ihre Arbeit mit Design for Circularity, den kreativen Hub des CRCLR Labs und die Berliner Kreislaufwirtschaft. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt sie mit entschlossenem Ton. Die Modemacherin kam 2014 von Hamburg nach Berlin. In Hamburg studierte sie Modedesign – in Berlin studierte sie noch mal, und zwar Sustainability (Nachhaltigkeit) in Fashion an der Esmod Berlin. Seitdem unterrichtet sie dort als Dozentin. Vor knapp drei Jahren gründete sie ihr Unternehmen Design for Circularity und berät seitdem Projekte und Labels, die nachhaltig sind oder es werden wollen. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, in der klassischen Modeindustrie zu arbeiten“.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, in der klassischen Modeindustrie zu arbeiten

Was passiert alles in den neuen Räumlichkeiten des CRCLR Labs? „Wir wollen die ansprechen und zusammenführen, die anders wirtschaften wollen“, sagt DfC-Gründerin Budde. Ina Budde trägt schlichte und schicke Kleidung an diesem Tag, ihr Pony ist akkurat geschnitten, sie wirkt zielstrebig, wenn sie erzählt. Derzeit arbeite sie intensiv am Aufbau eines speziellen digitalen Designtools mit zentralen Informationen, das Unternehmen künftig nutzen können, um recyclingfähige Produkte zu entwickeln. Auch erarbeite sie ein Konzept, damit künftig in alle Kleidungsstücke ein Smartchip integriert wird, der über Materialien, Produktion und Recyclingfähigkeit informiert (über einen QR-Code). „Das hilft nicht nur den Konsumenten, weil es Transparenz schafft. Es ist auch eine Vorlage für die Industrie, um an relevante Informationen zu gelangen, die für Recycling wichtig sind“, sagt Budde. Die Modedesignerin fügt hinzu: „Wir müssen Strukturen schaffen, um Produkte für das Recycling tragfähig zu machen“. 

Genau diese Strukturen realisiert das Team aktuell in der neuen Anlaufstelle DfC. Kreislaufwirtschaft, das meint so vieles. Das Konzept bildete sich aus dem Begriff der Nachhaltigkeit heraus. Der Nachhaltigkeitsbegriff ist im Grunde uralt, er stammt aus dem 18. Jahrhundert und kommt aus der Forstwirtschaft. Populär wurde der Nachhaltigkeitsgedanke vor allem in den 1970er Jahren im Zuge der ersten Ölpreiskrise. Das moderne Konzept der Kreislaufwirtschaft (circular economy) wurde 1990 von dem britischen Wirtschaftswissenschaftler David W. Pearce eingeführt und meint so viel wie, dass alles wieder in den ursprünglichen Kreislauf des Wirtschaftens integriert und zurückgeführt werden kann, damit eine Rundum-Wiederverwertung von Produkten möglich ist. Ina Budde fasst ihre neue, zeitgemäße Bedeutung des Begriffs so zusammen: „Zum einen heißt Kreislaufwirtschaft, vorne anzufangen im Sinne einer Gestaltung für Closed Loop Recycling und nicht erst zu handeln, wenn es zu spät ist. Zum anderen heißt Kreislaufwirtschaft, im Anschluss zu wissen, wie man Produkte wieder an ihren Ursprung führt“.

Zum einen heißt Kreislaufwirtschaft, vorne anzufangen im Sinne einer Gestaltung für Closed Loop Recycling und nicht erst zu handeln, wenn es zu spät ist. Zum anderen heißt Kreislaufwirtschaft, im Anschluss zu wissen, wie man Produkte wieder an ihren Ursprung führt

Wir wechseln den Raum. Wir gehen in den ansässigen Coworking Space. Hier sitzen all die grünen Netzwerker und Unternehmen mit Visionen. Auf den Tischen stehen aufgeklappte Laptops, vorne am Eingang hängen akkurat montierte Behälter mit klaren Aufschriften, um den Müll fein säuberlich zu sortieren. An der Wand ist ein großes White Board befestigt, mit klar formulierten Zielen – Diversität steht ganz oben, Open Source folgt darunter. Unternehmen wie die Green Fashion Tours sitzen mittlerweile hier, die Berlin-Besucher zu Anlaufstellen im Bereich der Nachhaltigkeit in der Stadt führen, genauso wie das iilab, ein Netzwerk für Wissenstransfers mit Schwerpunkt innovative Nachhaltigkeit.

 

Ina Budde: Modedesignerin, Preisträgerin mehrerer Green Awards und Gründerin von Design for Circularity. Foto: © Ina Budde

Seit mehr als einem Jahr existiert das CRCLR Lab nun. Und wenn Ina Budde darüber spricht, spricht sie in Prozessen. Im Kern ginge es ihr darum, Kräfte zu bündeln, Kooperationen zu bilden und die Hebel an möglichst vielen Stellen in Gang zu setzen. Einerseits wäre Eigeninitiative wichtig. Andererseits brauche es aber auch politische Verpflichtungen, so beispielsweise eine Steuer, die Sekundärrohstoffe bevorteilt, damit Unternehmen umschwenken auf nachhaltige Rohstoffe, weil es sich für sie einfach lohnt. Auch mache eine Art Rücknahmeverpflichtung für Produkte großen Sinn, was in der Elektromobilbranche schon heute Standard ist, in der Modewirtschaft aber noch in den Kinderschuhen steckt. Hier will Ina Budde ansetzen. Ihr Angebot richtet sich an Neustarter, aber auch an Unternehmen, die schon etabliert sind, aber nachhaltiger in Richtung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft werden wollen. Beispiel Filippa K: Das skandinavische Modelabel hat mittlerweile zwei Geschäfte in Berlin. Filippa K richtet sich konzeptionell immer nachhaltiger aus. So bietet das Label mittlerweile getragene Kleidung über Partner in eigenen Second Hand-Stores zur Wiederverwendung an. Während der OSCEdays im CRCLR Lab initiierte Ina Budde einen Workshop für Filippa K im Sinne des Kreislaufkonzepts. „Filippa K ist mittlerweile eine Marke mit richtig nachhaltiger Vision. Da lässt sich etwas bewegen, sogar in großen Schritten“, ist sich Budde sicher.  

Überhaupt, Schritte in die richtige Richtung. Der Markt für Nachhaltigkeit und die Kreislaufwirtschaft wächst. Laut der Studie „Branchenbild der deutschen Kreislaufwirtschaft“ arbeiten heute in Deutschland bereits mehr als 250.000 Menschen in der Kreislaufwirtschaft. Bis zu 11.000 Unternehmen erwirtschaften rund 70 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr bei einer Bruttowertschöpfung von fast 25 Milliarden Euro – das ist eine Menge. Und längst geht es in der Kreislaufwirtschaft nicht mehr nur um Müllabfuhr, Städtereinigung oder thermische Verwertung wie zu Beginn. Laut der Studie, die zwar auf einem veralteten Verständnis der heutigen Kreislaufwirtschaft basiert, könnten in Europa allein durch eine konsequente Kreislaufwirtschaftspolitik bis zum Jahr 2030 mehr als 10 Prozent der europäischen CO2-Reduktionsziele erreicht werden.

Ina Budde weiß, dass die Modebranche und Designindustrie in der Gesamtheit noch ein kleines Pflänzchen ist. Und doch wächst die Bedeutung nachhaltiger Produktion stetig: Henning Wilts vom Wuppertal-Institut für Umwelt, Klima, Energie, hat den aktuellen Stand der Kreislaufwirtschaft in Deutschland im letzten Jahr in einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung analysiert: Deutschland ist in Bezug auf seine Recycling-Quote „Weltmeister“, wenngleich es noch immer ein langer Weg sei, bis sich eine Kreislaufwirtschaft etabliert habe. Und für den Modebereich gilt: Nach Berechnungen von Textil + Mode hat die nachhaltige Textilindustrie im Zeitraum von 2000 bis 2013 jährlich einen Zuwachs von fünf Prozent. Im Vergleich zur allgemeinen Textil- und Bekleidungsindustrie entwickelt sich das Nachhaltigkeitssegment damit sogar dynamischer.

Und doch herrscht noch immer großes Unwissen darüber, wie man vorgeht, wie man anfängt. In Deutschland existieren gegenwärtig bis zu 120 Gütesiegel. Blue Economy (der Abfall eines Stoffwechselprozesses bildet den Ausgangsstoff für einen anderen), Cradle-to-Cradle (alle Materialien sind vollständig abbaubar oder hochwertig recyclingfähig) oder Zero Waste („Null Abfall“) sind alles Konzepte, die heute zur funktionierenden Kreislaufwirtschaft gehören. Ina Budde ist überzeugt, dass gerade in der Berliner Kreislaufwirtschaft noch viel „unerschöpftes Potenzial“ steckt. In der ganzen Stadt entstehen mittlerweile Initiativen und Netzwerke, so wie Aluc, ein Upcycling Label und Netzwerk, woraus sich auch der Verein Feature Fashion Forward gegründet hat, der heute ebenfalls am Agora Rollberg sitzt. Auch hat Berlin mittlerweile zwei Messeformate für nachhaltige Mode, die immer größer werden – die Ethical Fashion Show und den Green Showroom. Ina Budde sieht ihre Rolle ganz klar in der Vermittlung: „Viele Designer in Berlin wissen einfach noch nicht, was bei der kreislauffähigen Materialwahl und den Gestaltungsprinzipien alles zu beachten ist. Und die innovativen Recycler stehen da und sagen, uns fehlen die kreislauffähigen Produkte“. Hier komme sie ins Spiel: „Wir sind die Informationsschnittstelle und Gestaltungsunterstützung der Stadt“.

Wir sind die Informationsschnittstelle und Gestaltungsunterstützung der Stadt

„Wir“, das sind mittlerweile drei Leute, die intensiv am Aufbau des geförderten Kernprojektes von Design for Circularity arbeiten. Bewusst hat Ina Budde mit Design for Circularity das CRCLR Lab als Ort gewählt, ein Knotenpunkt des Austausches, wie sie sagt, wo vor allem auch viele Open-Source-Unternehmen sitzen. „Hier ist branchenübergreifendes Arbeiten möglich“.

Draußen, vor dem CRCLR Lab. Es wird genetzwerkt und gearbeitet: „Hier ist branchenübergreifendes Arbeiten möglich“. Foto: © Ina Budde

Langsam wird es dunkel draußen, die Sonne senkt sich, wir gehen wieder rein, die letzten Netzwerker klappen ihre Notebooks runter. Ina Budde schenkt noch mal Ostmost nach, dann sagt sie: „Wir müssen Anreize schaffen“. Viele hätten aber auch Angst, Fehler zu machen. Und oft müssten sich gerade die verteidigen, die erste richtige Schritte wagen, denen man dann aber vorwirft, nicht zu 100 Prozent nachhaltig zu sein. Ohnehin ist es schwierig, alles zu kontrollieren. Das sieht auch Uwe Mazura so, Hauptgeschäftsführer beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. „Ein normales Herrenhemd, auf den ersten Blick scheinbar nicht sonderlich kompliziert, durchläuft rund 140 Stationen, bis man es in einem deutschen Geschäft kaufen kann“. Das alleine mache mehr als deutlich, wie schwierig heute eine lückenlose Überwachung sei, um wirklich nachhaltig zu handeln. Und gerade die kleinen Unternehmen könnten das nur schwer kontrollieren.

Wir müssen vor allem auch die großen Player erreichen. Die haben die Marktmacht. Wir brauchen skalierbare, industriefähige Lösungen für alle

Vor allem die Politik und die Wirtschaft will Ina Budde künftig erreichen, sie will sie für das Thema Kreislaufwirtschaft sensibilisieren. Bei einem kann sie sich sicher sein: Die Sensibilität gegenüber nachhaltiger Produktion und nachhaltigem Konsum wächst. Spätestens seit der Rana-Plaza-Katastrophe in Bangladesch 2013, als über 1.000 Menschen durch den Einsturz einer Fabrik ihr Leben verloren haben, sind die Konsumenten wach geworden gegenüber unmenschlichen Arbeitsbedingungen und einer verschwenderisch wirtschaftenden Mode-Industrie. Meist hält der Aufschrei zwar nur so lange an, bis sich die Lage etwas beruhig hat, dann stürzt mal wieder ein Haus ein und der Aufschrei wiederholt sich gebetsmühlenartig. Gerade darum entstehen aber auch immer mehr globale virale Kampagnen wie Fashion Revolution. Laut einer Greenpeace-Studie zufolge achten mittlerweile auch schon 25 Prozent der Befragten auf Nachhaltigkeit beim Kleidungskauf. Selbst die großen Ketten setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit, wenngleich da zwar das nächste Green Washing meist nicht weit ist, wenn Unternehmen auf grün machen, schwarze Zahlen aber woanders schreiben. Der Abgas-Skandal von VW im Jahr 2015 ist da nur die Speerspitze maßlos peinlicher grüner Irreführung. VW verwendete eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge, um US-amerikanische Abgasnormen zu umgehen. Gerade die ‚Großen‘ will Ina Budde aber in nächster Zeit erreichen. „Ohne die großen Player geht es nicht“, macht sie deutlich. Die hätten schließlich die Marktmacht. „Darum müssen wir skalierbare, industriefähige Lösungen für alle finden“. Ina Budde wirkt nicht müde, wenn sie darüber spricht. Sie sagt: „Immerhin“. „Immerhin ist C&A heute der größte Abnehmer von kontrollierter Biobaumwolle“. Immerhin.


Auszeichnung Berlin's Best von Kreativ Kultur Berlin 

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