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Matthias Strobel: „Über die Zukunft mache ich mir keine Sorgen“

Schwerpunkt Music Tech

Matthias Strobel: „Über die Zukunft mache ich mir keine Sorgen“
Photo: © Music Tech Germany

Berlin, oder eigentlich ganz Deutschland, hat einen neuen und ersten Music Tech Verband: MusicTech Germany. Es ist sogar der erste Music Tech Verband weltweit. Was ist das Ziel? Welche Impulse können von einem Musikverband ausgehen? Wir sprachen mit Gründungsmitglied Matthias Strobel.


INTERVIEW  JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Matthias, du hast gerade den „weltweit“ ersten Music Tech Verband mit ins Leben gerufen. Kannst du dir erklären, warum es bislang so einen Verband nicht gibt?

Matthias: Ich war selbst überrascht. Als ich anfing zu recherchieren, wurde mir bewusst, dass das zum einen wohl daran liegen wird, weil viele Akteure im Musiktechnologiebereich oft sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Zum anderen, weil viele sich noch nicht die Frage gestellt haben, ob sie sich gemeinsam organisieren wollen. Der Aufbau einer solchen Interessengemeinschaft ist ja mit viel Zeit- und Energieaufwand verbunden. Auch ist die Branche unglaublich divers und heterogen. Alle miteinander zu vernetzen, das ist kein leichtes Unterfangen. 

CCB Magazin:Wer ist alles beteiligt an MusicTech Germany?

Matthias:Der Verband ist ein Zusammenschluss von engagierten Unternehmen und Experten aus Wirtschaft und Forschung, sowie freien Entwicklern, Designern, Künstlern und Dienstleistungsanbietern. Gründungsmitglieder sind neben der Fraunhofer Gesellschaft mit ihren deutschlandweit 70 Instituten auch die Forschungsstelle Appmusik der UdK und die Landesmusikakademie Berlin, Unternehmen wie Aitokaiku, ContentSphere, HearDis!, Heckmann Audio, livyu, MOD Devices, Noisy Musicworld, Soundbrenner und The Venue Berlin von Axel Springer SE. Auch Startup-Berater wie Konrad Lauten und der Experte für Künstliche Intelligenz, Stephan Baumann, sind mit dabei. Ich selbst, Mitgründer von Nagual Sounds und Kommunikationsmanager des Music Tech Fests sowie Claudia Schwarz, Beraterin für Strategisches Marketing und CEO von pixiesound, bilden das Präsidium des MusicTech Germany. Den Vorstand vervollständigen Steffen Holly vom Fraunhofer Institut und Johannes von Jena von der Ritter Butzke GmbH. Die nächsten Mitglieder nehmen wir dann nach der Eintragung ins Vereinsregister auf. Wir freuen uns allerdings über jeden, der oder die Teil von MusicTech Germany werden möchte. Meldet Euch gerne bei uns!

Mit MusicTech Germany möchten wir der Musikwirtschaft als kompetenter Ansprechpartner für Digitalisierungsfragen zur Seite stehen, aber auch für andere vertikalen Branchen offen sein

CCB Magazin:Was wollt ihr mit dem Verband erreichen?

Matthias:Den EINEN Grund gibt es nicht. Überall aber, wo ich im Music-Tech Bereich die letzten Jahre hinkam, konnte ich feststellen, dass viele zwar schon mal voneinander gehört hatten, sich aber meistens untereinander nicht kannten. Dabei sind die Herausforderungen, mit denen die einzelnen Akteure zu kämpfen haben, oft die gleichen, oder zumindest sehr ähnlich – es geht um Vernetzung, Sichtbarkeit und Finanzierungsfragen. Ein weiterer Grund für die Gründung ist der immer einfacher werdende Zugang zu neuen Technologien. In den letzten Jahrzehnten wurde die gesamte Wertschöpfungskette der Musikindustrie aufgebrochen, und sie wird sich auch in Zukunft drastisch verändern. Mit MusicTech Germany möchten wir darum nicht nur der Musikwirtschaft als kompetenter Ansprechpartner für Digitalisierungsfragen zur Seite stehen. Wir wollen auch für andere vertikalen Branchen in Beteich Musiktechnologie wie der Games- und Filmindustrie, dem Bildungsbereich oder der Gesundheitswirtschaft offen gegenüber sein. Als Bundesverband möchten wir außerdem die Entwicklung und Verbreitung von Musiktechnologien in und über Deutschland hinaus entschieden vorantreiben, um den Standort für Unternehmen und Talente aus diesem Bereich langfristig und nachhaltig zu stärken. Und wir wollen den Zugang zu Musiktechnologien für Frauen aktiv verbessern und mehr weibliche Talente für die Branche begeistern.
 

Im Gespräch mit Creative City Berlin: Matthias Strobel. Foto: © Strobel 


CCB Magazin:Und, wie gelingt das, sowohl den Standort für Unternehmen und Talente langfristig und nachhaltig zu stärken als auch für Frauen aktiv zu verbessern?

Matthias:Naja. Das sind zuerst mal zwei Ambitionen, die nicht in direktem Zusammenhang miteinander stehen. Obwohl selbstverständlich auch Frauen zu den Talenten gehören, für die es den Standort Deutschland zu stärken gilt. Damit Deutschland weiterhin seinem Ruf als Innovationstreiber im Musiktechnologiebereich gerecht werden kann, müssen wir vor allem die entsprechende Infrastruktur dafür schaffen. 

CCB Magazin:Was muss da genau geschaffen werden?

Matthias:Das fängt an beim Abbau von Bürokratiehürden bei der Gründung eines Unternehmens, wozu unter anderem so eigentlich selbstverständliche Dinge gehören wie Formulare auf anderen Sprachen zur Verfügung zu stellen, oder die Anpassung von TÜV-Zertifizierungen für elektronische Hardwarehersteller an die Ressourcen und Möglichkeiten junger Startups. Dazu gehören aber auch Förderprogramme, die es Gründern im Bereich Musiktechnologie ermöglichen, Innovationen zur Marktreife zu entwickeln, ohne sich monatelang mit der Suche nach Investoren aufhalten zu müssen. Und um mehr Frauen für Musiktechnologie zu begeistern, müssen wir erst mal herausfinden, warum sich bisher nur so eine geringe Anzahl für diese Branche interessiert. Ich denke, die Branche ist noch nicht offen genug. Aber ich bin überzeugt, dass wir gemeinsame langfristige und nachhaltige Programme entwickeln werden, wenn wir nur die Gespräche suchen und uns von Vorurteilen verabschieden.

Musiktechnologie hat bisher noch keinen zentralen Platz in der Förderlandschaft Deutschlands. Daran wollen wir etwas ändern

CCB Magazin:Ihr versteht euch als „Wirtschaftsverband“. Schreckt das nicht klassische Kulturakteure ab, die ihre Arbeit als künstlerisch und oft sogar als anti-kommerziell verstehen?

Matthias:Das kann bei dem einen oder anderen vorkommen, deswegen kommunizieren wir auch, dass MusicTech Germany zwar ein Wirtschaftsverband ist, aber allen offen steht, die Berührungspunkte mit Musiktechnologie haben - ganz egal, ob sie bereits Teil eines Unternehmens sind oder nicht.

MusicTech Germany bei der Arbeit.  Foto: ©  MusicTech Germany


CCB Magazin:Die meisten Innovationen kommen aber oft nicht von großen Unternehmen, sondern aus Projekten und Zusammenschlüssen von Künstlern, Entwicklern und anderen kreativen Köpfen, die neue Ansätze und Anwendungen schaffen.

Matthias:Das ist richtig, darum versuchen wir auch konkret zu vermitteln. Oft geht es am Anfang  gar nicht mal um die Entwicklung eines kommerziellen Produkts oder einer Dienstleistung. Die Idee, ein Unternehmen zu gründen und es wirtschaftlich zu vermarkten, entsteht meist erst im Anschluss. Ansonsten hätten wir vermutlich keine so großartigen DAW-Hersteller, die es heute jedem erlauben, Musik zu produzieren, oder Plattformen, auf denen wir unsere Musik dem Rest der Welt zugänglich machen können. Diese Ideen wurden von unten geboren, von den kleinen Machern und Akteuren. Genau deswegen wollen wir als Verband auch Künstlern oder Entwicklern gezielt zur Seite stehen, wenn sie nicht wissen, wie sie mit ihrer Erfindung weiter verfahren sollen. Dafür braucht es aber neutrale Ansprechpartner. Hätte es beispielsweise 1977 schon so einen Verband gegeben, wären heute vermutlich nicht die Japaner für die Erfindung des Walkmans bekannt, sondern der deutsche Erfinder Andreas Pavel.  

CCB Magazin:Ihr wollt euch auch für die Anpassung öffentlicher Förderstrukturen für Innovationen im Bereich Musiktechnologie einsetzen. Kannst du erklären, was genau „angepasst“ werden soll und passieren muss?

Matthias:Musiktechnologie hat bisher noch keinen zentralen Platz in der Förderlandschaft Deutschlands. Förderungen, die auf Kunst und Kultur ausgelegt sind, finden oft keine Berücksichtigung für Entwickler von Musiktechnologien, weil sie zu tech-lastig sind. Förderungen dagegen, die auf technologische Innovationen ausgelegt sind, stufen Musiktechnologien oft als zu sehr auf Kunst und Kreativszene abzielende Technologien ein. Dass das so ist, ist mit Sicherheit dem Umstand mitgeschuldet, dass diejenigen, die die Förderprogramme konzipieren, bislang keinen Ansprechpartner hatten, der sie über die Bedeutung und Relevanz dieser Industrie aufklärte, während andere Industrien seit Jahren mit Lobbyverbänden und Beratern aktiv sind. Hier kommen wir ins Spiel. Zudem wollen wir eine großangelegte Studie durchführen, die die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Musiktechnologie-Branche untersucht. Leider gibt es dazu bisher noch keine seriösen Daten. Nur so können aber Trends gemeinsam erkundet und besser mitgestaltet werden. Schließlich ist dieses Wissen auch für die Akteure wichtig, um Kompetenzen zu erwerben, die sie in den eigenen Reihen oft nicht finden. 

Die Musikindustrie entwickelt sich seit Jahren immer mehr zu einer Musiktechnologieindustrie. Über neue Jobs und Arbeitsfelder mache ich mir darum keine Sorgen

CCB Magazin:Matthias, welche Zukunft siehst du im Bereich der Musiktechnologie? Sowohl für den kreativen Output, der von Akteuren ausgeht, als auch für einen Arbeitsmarkt, der daraus entsteht?

Matthias:Das ist schwer vorhersehbar. Das Interessante an Musiktechnologie ist ja, dass man nicht erahnen kann, was als nächstes kommt und wo Grenzen des Möglichen verlaufen. Aber es ist schon erstaunlich, wo und wie Erfindungen aus dem Musiktechnologiebereich zum Einsatz kommen, man betrachte nur die Weiterentwicklung von beispielsweise Künstlicher Intelligenz oder der sich immer mehr etablierenden Blockchain. Die Musikindustrie entwickelt sich seit Jahren immer mehr zu einer Musiktechnologieindustrie. Über neue Jobs und Arbeitsfelder mache ich mir darum keine Sorgen. Klar, einige Arbeitsfelder werden wegfallen, aber es entstehen neue. Allerdings gibt es für Stellengesuche und -angebote in diesem Bereich noch keine Kategorien auf herkömmlichen Jobbörsen. Auch hier werden wir nachsteuern: Wir werden in absehbarer Zeit eine Jobplattform für Musiktechnologie-Berufe launchen. Die Seite wird unter http://jobs.music-tech.de zu finden sein.


www.music-tech.de

Profil von Matthias Strobel auf Creative City Berlin 

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