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Max Gilgenmann: „Alle Experimente sind wertvoll“

Max Gilgenmann: „Alle Experimente sind wertvoll“
Photo: © Janine Kühn

Dieser Mann macht Nachhaltigkeit: Max Gilgenmann. Seit Jahren berät er Labels und Unternehmen zu sozialen und ökologischen Produktionsfragen. Seit sechs Jahren organisiert er die beiden grünen Messen im Rahmen der Berlin Fashion Week - die Ethical Fashion Show Berlin und den Greenshowroom. Wie wird man Nachhaltigkeitsberater? Welche Zukunft haben die grünen Branchen? Wir sprachen mit Max über Berliner Nachhaltigkeitsformate, globale Strategien und warum er gerade jetzt ein Label der Marke „Made in Bangladesch“ ins Leben ruft.
 

INTERVIEW JENS THOMAS
 


CCB Magazin: Hallo Max, die Fashion Week ist gerade zu Ende gegangen. Du organisierst seit sechs Jahren die Ethical Fashion Show Berlin und den Greenshowroom im Rahmen der Fashion Week. Wie lautet dein Fazit?

Max Gilgenmann: Es waren wieder wahnsinnig spannende Brands und Unternehmen mit dabei. Die Messen fanden in diesem Jahr aber nicht mehr am Postbahnhof statt, sondern im Funkhaus Berlin. Hier präsentierten wir in besonders passender Umgebung progressive Labels für Street- und Casualwear — mit klarem Fokus auf Design und Nachhaltigkeit. Die Messe versammelt die interessantesten Player aus dem Eco-Fashion-Segment. Insgesamt waren rund 180 Labels mit dabei, darunter zum Beispiel Lanius, Recolution, Bleed oder Knowledge Cotton Apparel.

Die grünen Messen in Berlin expandieren jedes Jahr, die Flächen für die Aussteller werden größer und die Anzahl der Labels wächst kontinuierlich

CCB Magazin:Wenn du ein Fazit ziehen müsstest: Wie haben sich die beiden grünen Messeformate in den letzten Jahren entwickelt?

Max Gilgenmann:Sehr gut. Die Messen expandieren jedes Jahr. Die Flächen für die Aussteller werden größer und die Anzahl der Labels wächst kontinuierlich. Mittlerweile kommen die Labels auch auf uns zu. Und die Zusammenführung der Messen ist wirklich ein Gewinn, das schafft auch eine Verbundenheit. Der einzige Nachteil ist: Die Entfernung der beiden Messen ist durch den Umzug ins Funkhaus weiter als zuvor. Dafür hatten wir in diesem Jahr zum ersten Mal einen eigenen Shuttle mit zehn Bussen. 

Der Green Showroom in Berlin, ein Messeformat, das wächst. Foto: © Messe Frankfurt
 

CCB Magazin:Nach welchen Kriterien wählt ihr die Labels und Unternehmen aus?

Max Gilgenmann:Die Aussteller füllen einen Nachhaltigkeitsbogen aus. Jeder Aussteller, der neu ist, wird ausgiebig befragt zu seinen Lieferketten, Produkten, zu Produktionsbedingungen oder zum Herstellungsverfahren. Die, die schon mal dabei waren, müssen uns mitteilen, wenn sich etwas an ihrem Geschäftsmodell oder den Lieferketten ändert. Zum Schluss muss jeder Aussteller ein „mindestens ordentliches Nachhaltigkeitsniveau“ haben. Und jeder Austeller muss sowohl im sozialen als auch im ökologischen Bereich nachweisen, dass er oder sie relevant nachhaltiger ist als der Standard. Wenn wir Zweifel haben, haken wir nach.
 

 

CCB Magazin:Das kommt oft vor?

Max Gilgenmann:Nein. Die, die dabei sein wollen, können das in der Regel sehr gut begründen. Und mein Job ist es zu verstehen: Was macht den Aussteller besonders? Was macht ihn „nachhaltiger“?

CCB Magazin:Was macht ein Unternehmen nachhaltig oder nachhaltiger?

Max Gilgenmann:Das ist nicht einfach zu beantworten. Die meisten Aussteller engagieren sich vor allem im sozialen Bereich, indem sie zum Beispiel mit NGOs zusammenarbeiten oder in Sozialeinrichtungen produzieren lassen. Andere legen den Schwerpunkt auf den ökologischen Bereich. Gerade hier sind aber viele noch nicht da, wo sie sein müssten oder könnten, um bei uns auszustellen. Ein Problem, das sich gerade in den letzten Jahren immer wieder gezeigt hat, ist das Thema vegane Produktion. Das ist oft reiner Plastikramsch. Vegan, aber nicht ökologisch und auch nicht fair. Viele arbeiten immer noch mit PVC. Das kann zwar recycelt werden und PVC ist sehr langlebig. Das Recyclen ist aber ein schwieriger Prozess. Und ein weiterer Irrglaube ist, dass „Made in Germany“ per se nachhaltig ist, weil lokal produziert wird.  

Ein Problem, das sich gerade in den letzten Jahren immer wieder gezeigt hat, ist das Thema vegane Produktion. Das ist oft reiner Plastikramsch!

CCB Magazin:Ach ja, was ist daran falsch?

Max Gilgenmann:In manchen Bereichen macht es sogar Sinn, global zu produzieren. Nimm zum Beispiel die Lieferkette von Louis-Vuitton-Luxus-Schuhen, die kürzlich einen großen Wiederhall in der Presse hatte. Die werden anscheinend in Rumänien hergestellt und in Italien kommt dann nur noch die Sohle drauf. Das würde ich natürlich als Verbrauchertäuschung rund um das Label „Made in Italy“ verurteilen. Aber grundsätzlich könnte so eine Arbeitsteilung auch ‚nachhaltig’ Sinn machen.

CCB Magazin:Und wie?

Max Gilgenmann:Wenn zum Beispiel gewisse Materialien nur vor Ort existieren. Sonst müsste man die Materialien zur Produktion um die halbe Welt schiffen. Es gibt sogar Arbeitsschritte, die sich in Bangladesch anbieten. Bangladesch hat eine unheimliche reichhaltige Historie, was Textilfasern angeht. Zu behaupten, das könne nicht nachhaltig sein, ist falsch. Es gab Phasen in der Geschichte, da kamen die feinsten Stoffe aus Bangladesch. Und die Geschichtserzählung munkelt, dass die kolonisierenden Engländer den Webern die Hände abgehackt haben, weil sie selber die besten Stoffe wollten. Für mich ist das nicht zu akzeptieren, dass Stoffe oder Materialien aus Frankreich oder Italien als Haute Couture gelten, man aber nicht auf die Idee kommt, dass es in Ländern wie Bangladesch oder Brasilien hochwertiges Handwerk gibt.

Die Vorstellung, Made in Bangladesch oder Brasilien könne nicht nachhaltig sein, stimmt nicht. Oft macht es Sinn, global zu produzieren. So entstehen auch Kooperationen und internationale Bündnisse 

CCB Magazin:Max, du bist Nachhaltigkeits-Berater und organisiert nicht nur seit Jahren die grünen Messen im Rahmen der Berlin Fashion Week. Du hast auch jahrelang Labels und Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit beraten, hast zudem Zusammenschlüsse und Vereine wie Futur Fashion Forwards e.V. ins Leben gerufen. Wie wird man das, was du bist?  

Max Gilgenmann:Oh, das fing schon recht früh an. Meine Mutter war bei den Grünen, mein Vater war Soziologe. Ich bin also schon familiär vorgeprägt. Ich hab dann Mode in England/Nottingham und Honkong studiert. Und in Hongkong hat mich eines Tages Puma zum Gespräch eingeladen, Kate Padget und Jürgen Mahn von Puma hatten mich eingestellt. Das war ein echter Live-Changer für mich. Hier konnte ich vier Monate das machen, was ich wollte. Ich konnte mir das Wissen aneignen, was ich brauchte, mehr als in jedem Studium. Ich bin dann, mit Puma als Auftraggeber im Rücken, zu den großen Partnern gegangen und habe sie zum Thema Nachhaltigkeit beraten. Puma war auch einer der ersten, die CSR-Richtlinien hatten und sich mit Lieferketten beschäftigten. Mit Rainer Hengstmann von Puma habe ich damals meine ersten Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt. Das war der Anfang. Puma war für meine Neugierde eine echte Goldgrube.



CCB Magazin:Wenn du all die Jahre revuepassieren lässt. Wo steht der Nachhaltigkeitsmarkt heute? Was hat sich entwickelt? Welche Problemstellen siehst du?

Max Gilgenmann:Nachhaltige Mode ist immer noch ein Nischenbereich, zumindest was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. In der Gesamtheit hat der Nachhaltigkeitsmarkt zwei bis drei Prozent Marktanteil. Aber die Branche wächst, stetig, ein bisschen langsam, „nachhaltig“ könnte man sagen. Auch preislich befindet sich mittlerweile das meiste im mittleren Preissegment. Das Thema Lieferketten hat sich ebenfalls vereinfacht, gerade weil sich viele Lieferketten nach Portugal oder in die Türkei verlagert haben. Was noch nicht funktioniert, ist, dass all die nachhaltigeren Brands mit den Großen mithalten können. Einerseits haben die Kleinen den Wissensvorsprung; sie verstehen den Markt oft besser, das ist originär ihrer. Die vielen Brands sind darum auch relativ krisenfest, und das gerade in Berlin. Andererseits können sie sich aber noch nicht so gut vermarkten, sodass sie einen größeren Kundenkreis haben. Und eines der größten Probleme, die ich noch immer sehe, ist PVC. PVC ist billig. Darum wird es von der Industrie weiter genutzt. Das gleiche gilt für synthetische Materialien, die zum Beispiel in Sportbekleidung enthalten sind. Auch Mikroplastik im Meer ist seit Jahren ein Problem, auch wenn wir nicht wissen, was es genau macht. Mikroplastik kommt aus der Kosmetik, aus der Wäsche. Eine Industrie ohne Polyester ist nicht vorstellbar. Und selbst reines Polyester kann mittlerweile so aufgearbeitet werden, dass es sich auf der Haut wie Baumwolle anfühlt.  

Der Nachhaltigkeitsmarkt wächst, aber die nachhaltigeren Brands können mit den Großen noch nicht mithalten. Sie haben zwar den Wissensvorsprung, können sich aber noch nicht so gut vermarkten, sodass sie auch einen größeren Kundenkreis haben

CCB Magazin:Ist das nicht deprimierend, dass es diese Gegentendenzen gibt und die Branche in der Gesamtheit noch eine Marginalie ist?

Max Gilgenmann:Nein. Es tut sich ja was, seit Jahren, in kleinen Schritten, aber stetig. Und es bleibt immer was zu tun. Und es heißt auch nicht, dass das alles richtig ist, was wir gerade im Nachhaltigkeitsbereich tun. Es gibt auch nicht die „eine“ Strategie. Alle Experimente sind wertvoll. Und die sind oft kompliziert. Lass uns mal in 100 Jahren darüber reden. Vielleicht sagt man dann: Wat war dasn fürn Bullshit? Was habt ihr da gemacht? Das macht es aber nicht gleich falsch, daran zu arbeiten. Ich kann nur von meinem jetzigen Standpunkt argumentieren, und da sage ich, das ist ein guter Weg.

CCB Magazin:Warum bist du nie Modedesigner geworden?

Max Gilgenmann:Ich habe mich nie als Modedesigner gesehen. Es hat mich auch nie sonderlich interessiert, wie und wo ich die nächste Naht setze. Mich haben die Konzepte und Inhalte fasziniert. Aktuell beschäftige ich mich zum Beispiel intensiv mit der Frage, wie wir global nachhaltiger kooperieren können.

CCB Magazin:Ach ja, und wie?

Max Gilgenmann:Ich fasse das immer gerne unter den Stichworten Kommunikation und Kollaboration zusammen. Man muss erst mal reden, sich kennenlernen. Wenn daraus Kollaborationen entstehen, ist das toll. Das ist dann oft wirklich nachhaltig. Hier liegt auch die Zukunft. Sie liegt in den Synergien. Und daran arbeite ich, als Berater, und ich kreiere aktuell eine eigene Marke.

CCB Magazin:Was denn für eine Marke?

Max Gilgenmann:Hätte ich einen Rechtsanwalt, würde der sagen, sag den Namen noch nicht! Lass es lieber erst mal patentieren. Also: Es wird ein Rucksack. „Made in between Bangladesch & Berlin“.

Die "eine" Nachhaltigkeitsstratgie gibt es nicht. Und die Zukunft sehe ich vor allem in internationalen Projekten und in den Synergien. So lernen Menschen auch voneinander

CCB Magazin:Klär uns auf: Was wird das? Viele würden sagen, „Made in Bangladesch“, das kann  nicht nachhaltig sein.

Max Gilgenmann:Die Idee kam mir in Bangladesch vor Ort. Eines Tages entdeckte ich diesen Rucksack, eine Mischung aus Jute und Baumwolle. Jute ist in Bangladesch ein ganz traditionelles Gewächs. Man nennt es auch die goldene Faser, weil sie so einen schönen Schimmer hat. Dieser Rucksack hatte aber einen Reisverschluss, der unter aller Sau war. Auch gab es nur bekloppte Plastikschnallen, die gleich wieder kaputt gehen. Aber der Rest war top. Ich habe mir gedacht, da mach ich jetzt was draus. Und das wird mein eigenes Projekt. Ich optimiere die Qualität aus Jute und Baumwolle, versehe das mit anderen Reisverschlüssen und ersetze die Plastikschnallen. Zudem arbeite ich mit einer NGO vor Ort. Hier sehe ich die Zukunft. In internationalen Projekten. Und warum soll das nicht nachhaltig sein, wenn man schaut, dass auch die Produktionsbedingungen vor Ort ok sind? Gerade in solchen Kooperationen liegt die Zukunft. Menschen lernen voneinander. Die Zukunft liegt in den Synergien.

CCB Magazin:Max, danke für das Gespräch.

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