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Katja Lucker: „Wir sind ein Festival gegen den Trend“

Special Pop-Kultur 2017

Katja Lucker: „Wir sind ein Festival gegen den Trend“
Photo: © Roland Owsnitzki

Über 70 Konzerte, zahlreiche Ausstellungen, DJ-Sets, Installationen, Lesungen, Talks, Filme und ein Nachwuchsprogramm mit über 250 Newcomern: Das Pop-Kultur Berlin-Festival geht in diesem Jahr vom 23.08. – 25.08. in die dritte Runde. Was gibt es zu sehen? Wir sprachen mit Pop Kultur-Chefin Katja Lucker.


INTERVIEW Isabell Warnke 

 

CCB Magazin: Hallo Katja, Pop-Kultur findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Worauf liegt der Schwerpunkt?

Katja Lucker:Wir präsentieren in diesem Jahr mehr als 100 Künstler*innen und deren Musik und Arbeiten: darunter eine Reihe von Eigenproduktionen, den sogenannten „Commissoned Works“, auch Live-Acts, Talks, DJ-Sets, Installationen, Filmvorführungen, Performances und Ausstellungen. Ingesamt geht es uns darum, das zu zeigen, was man sonst nicht erwartet. Ganz besonders freue ich mich zum Beispiel auf die Künstler ABRA, Balbina, Fishbach, Lady Leshurr und das tolle Programm zum 60. Geburtstag der drei Labels Shitkatapult, Monika Enterpreise und Karaoke Kalk - sie alle werden in diesem Jahr jeweils 20 Jahre alt und feiern das bei uns im Prater-Theater in der Kastanienallee. Hinzu kommen viele Berliner Newcomer*innen und Subkulturgrößen der ersten Stunde, dazu prägende Szenefiguren, es treten auch internationale Acts aus Frankreich, Israel, Russland, der Türkei und anderswo auf. Und wir haben ein Nachwuchsprogramm: um die 800 internationalen Bewerber*innen bewerben sich aktuell auf einen von 250 möglichen Plätzen, um von Profis der Musikwelt in 50 Workshops an zwei Tagen begleitet zu werden.

Pop-Kultur ist ein Festival gegen den Trend, das ist das Besondere. Gerade angesichts von globalem Isolationismus, autoritären Bewegungen „Fake-News“ und Co setzt Pop-Kultur auf das genaue Gegenteil: auf Kollektive, Narrative, auf Partizipation!

CCB Magazin: Warum braucht Berlin ein Festival wie Pop-Kultur Berlin? Hier ist doch überall jeden Tag Musik.

Katja Lucker:Pop-Kultur ist ein Festival gegen den Trend, das ist das Besondere. Gerade angesichts von globalem Isolationismus, autoritären Bewegungen „Fake-News“ und Co setzt Pop-Kultur auf das genaue Gegenteil: auf Kollektive, Narrative, auf Partizipation!

Foto © Annett Bonkowski 
 

CCB Magazin: Ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt in diesem Jahr „auf der visionären Erweiterung von Produktions-, Arbeits- und Aufführungspraktiken im Hinblick auf performative Ansätze“. Kannst du das näher erklären?

Katja Lucker:Wir haben für unsere Reihe commissioned works eine besondere Förderung von der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), also Bundesmittel von Frau Grütters, bekommen, um Auftragsarbeiten an Künstler*innen zu vergeben. 17 solcher Arbeiten konnten wir realisieren, Künstler*innen wie Balbina, ABRA, Romano, Hendrik Otremba werden sehr spezielle Aufführungen, Konzerte, Installationen zeigen. Und all diese Acts zeugen von visionären Produktions-, Arbeits- und Aufführungspraktiken. Ich glaube, das wird großartig! Da es sich um Premieren handelt, kann ich nur sagen: Kommen und staunen!

CCB Magazin: Ein Programmschwerpunkt ist in diesem Jahr auch die Geschichte des Ostpunks in der DDR. Ist das nicht ein alter Hut? Was kann man dazu neues erzählen?

Katja Lucker:Das ist überhaupt kein alter Hut! Die Geschichte des Ostpunks ist eine ganz besondere, sie hat Subkultur in Stadtteilen wie Prenzlauer Berg erst ermöglicht. Zu sehen sein wird in diesem Jahr zum Beispiel Henryk Gerickes Film „ostPunk!too much future“. Der Film spricht von nötiger Leidenschaft, die Musikmachen und das Künstler*insein bis heute erfordert und vereint tolle Größen aus der Zeit vor der Wende. Auch wird er dazu eine ganze Reihe von Talks gestalten.
 

Foto © Annett Bonkowski 
 

CCB Magazin: Die Geschichte des Ostpunks in Berlin hat viele der Freiräume hervorgebracht, die Berlin heute auszeichnen, die aber bedroht sind. Ein Panel lautet „Freiräume als Motor der Kultur“. Was erhoffst du dir von solchen Talks? Wird da nicht nur geredet und im Endeffekt bleibt alles wie es ist? Veranstalter Berthold Seliger hat Pop Kultur Berlin letztes Jahr als „Alibi-Veranstaltung“ kritisiert. Was hast du dem entgegenzusetzen?

Katja Lucker:Mit Berthold tausche ich mich immer mal wieder gerne aus, ich mag ja kritische Geister. Es gibt aber nur wenige Städte weltweit, die so bekannt sind für ihr Nacht- und Kulturleben wie Berlin. Und das ist gerade auf die noch immer existierenden »Freiräume« in der Stadt zurückzuführen, die natürlich auch bedroht sind. Nach dem Mauerfall übernahm die Szene(n) Spreeufer, Mauerstreifen und große Teile des Ostens. Menschen aus aller Welt stießen dazu. Heute verlagern sich viele dieser Räume an andere Stellen. Doch was ist ihre Bedeutung? Welche Impulse gehen von ihnen aus? Und wie können sie erhalten oder gar neu geschaffen werden? Diese Fragen diskutieren Dr. Klaus Lederer, Christian Reckmann und Anke Fesel unter der Moderation von Doris Akrap. Fesel hat ja nicht nur als Veranstalterin, unter anderen im Tacheles, Eimer und Schokoladen mitgewirkt, sondern auch als Chronistin das Berliner Kulturleben geprägt: zuletzt mit dem Band »Berlin Heartbeats«. Den »Erhalt der ursprünglichen Berliner Feierkultur« haben sich Christian Reckmann und Kolleg*innen beim erfolgreichen Mit-Mach-Festival »Zurück zu den Wurzeln« zum Ziel gesetzt. Wir sind aber keine Propheten. Wir nähern uns in allem, was wir zeigen, immer nur diversen Themen an.  

Berlin ist eine einzigartige Stadt für Musikkultur und expressive Nischen. Das sollten wir uns bewahren. Und wir müssen uns fragen: Wie soll diese Stadt in 20 Jahren sein, damit sie weiter lebendig und vielfältig ist?

CCB Magazin: Der Musikmarkt verändert sich seit Jahren. Nach zwei Jahrzehnten Krise und Umsatzeinbrüchen bis zu 40 Prozent bahnt sich aktuell eine Konsolidierung ab, indem Bezahlmodelle, so etwa zum Streaming, besser funktionieren. Wenn du den Berliner Musikmarkt beschreiben müsstest: Was macht ihn spezifisch? Und welche Unterstützungsleistung bräuchte es ganz konkret?

Katja Lucker: Berlin ist eine einzigartige Stadt für Musikkultur und expressive Nischen. Das sollten wir uns bewahren. Und wir müssen uns fragen: Wie soll diese Stadt in 20 Jahren sein, damit sie weiter lebendig und vielfältig ist? Dazu brauchen wir vor allem eines: bezahlbaren Raum für Künstler*innen, Macher*innen! Auch muss das Land Berlin Raum zurückkaufen und in Landeseigentum für Kulturnutzung überführen.

CCB Magazin: Letzte Frage: Wo wollt ihr mit Pop-Kultur Berlin in den nächsten Jahren noch hin?

Wir wollen natürlich auch in den nächsten Jahren ein diverses und noch weitaus inklusiveres Festival gestalten. Wir werden uns aktuellen Thematiken weiterhin öffnen und von den Künstler*innen aus denken. Pop-Kultur ist und wird auch in Zukunft ein feministisches, kontroverses, offenes und ambitioniertes Festival für alle Strömungen popkultureller Relevanz sein.


Hier gibt's alle Infos zu Pop-Kultur 2017

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