Innovation & Vision

Jenny Weidt: „Mehr Mensch, weniger Technik“

Jenny Weidt: „Mehr Mensch, weniger Technik“
Photo: © Doris Girulat

Jenny Weidt dreht Filme. Und zwar solche, die „grün“ sind. Sie sagt: „Ich verbinde Videoproduktion mit Nachhaltigkeit“. Wir haben uns gefragt: Wie geht das?
 

CCB Magazin: Hallo Jenny, dein Unternehmen heißt „filmgrün“. Was hat Filmproduktion mit Ökologie und Nachhaltigkeit zu tun?

Jenny: Sehr viel. Jeder Schritt, den wir machen, verbraucht Ressourcen und wirkt auf die Umwelt ein, auch beim Filmedrehen. Leider gibt es bislang kaum Technik, die fair oder nachhaltig hergestellt wird. Aber wir können auf eine ganze Menge achten.

CCB Magazin: Ach ja, auf was denn?

Jenny: Es geht um die Grundregeln für jedes nachhaltige Unternehmen: Ökostrom beziehen, Geld bei einer nachhaltigen Bank anlegen, auf recycelte Büromaterialien achten, einen grünen Webhosting-Anbieter wählen und den öffentlichen Nahverkehr bevorzugen. Für die Filmbranche ist wichtig: nur so viel Technik zum Dreh mitnehmen, wie nötig. Das heißt auch, mal die Bahn zu nehmen und keinen halben Bus anzumieten, wenn nicht nötig. Oft bietet Tageslicht auch das viel schönere Licht. Mir ist vor allem wichtig, immer wieder die Frage zu stellen: Warum drehen wir dieses Video? Oft braucht es einfach nicht viel Technik. Darum sage ich: Mehr Mensch, weniger Technik. Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit geht es zudem um geregelte Arbeitszeiten, was sehr schwer durchzusetzen ist, weil die Filmbranche vor allem projektifiziert arbeitet. Auch geht es um faire Vergütung und um die Gleichstellung von Mann und Frau. Auf diese Dinge muss man im Grunde selber achten.

CCB Magazin: Das heißt, es ist nicht so wie im Mode- oder Designbereich, dass es etliche Zertifizierungen gibt, die konkret über Herstellungsmaterialien etc. informieren?

Jenny: Nein, das gibt es im Filmbereich bislang nicht. Es gibt Handlungsempfehlungen wie den Green Production Guide, auch Leihservice und die Möglichkeit, Dinge gebraucht zu kaufen. Auch existieren mittlerweile Programme wie Trentino in Italien. Das Programm bringt bestehende Einrichtungen mit der Filmförderung in Punkto Nachhaltigkeit zusammen, um gemeinsam eine Zertifizierung zu erarbeiten. Ich denke, das Thema Nachhaltigkeit wird sich im Bereich der Filmindustrie erst noch entwickeln. Im Oktober 2015 trat zum Beispiel in Deutschland die erste Rücknahmepflicht für Elektrogeräte in Kraft. Seitdem muss der Einzelhandel kostenlos Altgeräte zurücknehmen. Das sind erste gute Entwicklungen, von denen auch die Filmbranche nicht unberührt bleibt.



CCB Magazin: Wie bist du zum Filmen gekommen? Und wie kam es dazu, dass du dich mit Nachhaltigkeit in der Filmbranche auseinandergesetzt hast?

Jenny: Ich bin Quereinsteigerin. Eigentlich habe ich meinen Bachelor in European Studies absolviert und mich danach der Kultur zugewandt. In meinem Master Kultur- und Medienmanagement war ich Teil eines Projekts, das Kinder in Problembezirken Medienkompetenz vermittelte. Dafür haben wir Video-Workshops besucht, um uns entsprechendes Wissen anzueignen. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Das Drehen mit den Kindern hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mir gleich eine eigene Kamera gekauft und drauflosgefilmt habe. Dann habe ich mich selbstständig gemacht. Und um mich von anderen abzuheben, habe ich mich gefragt, was mich eigentlich ausmacht. Für nachhaltige Themen habe ich mich schon immer interessiert. Ich kann gar nicht sagen, wie es dazu kam, aber neulich habe ich Kinderkassetten von mir gefunden, auf denen Umweltlieder von Gerhard Schöne und Co. zu finden waren. Vielleicht liegt es daran. Und seitdem arbeite ich mit energieeffizienter Hardware und achte bei der Anschaffung neuen Equipments auf die Nachhaltigkeit in Bezug auf Herkunft, Langlebigkeit und Zertifizierungen wie Der blaue Engel. Mit meinen Kunden entwickle ich eine Storyline, um die Botschaft zielgruppengerecht und bildstark auf den Punkt zu bringen. Dazu gehört auch Produktion und Postproduktion, also Bildbearbeitung, Schnitt und Animation.

CCB Magazin: Viele soziale und ökologische Unternehmen nehmen ein geringes Wachstum für eine soziale oder ökologische Unternehmenskultur in Kauf. Ohnehin können nur zwei von fünf Filmschaffenden von ihrem Beruf leben – das belegt eine Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen. Wie ist das bei dir? Kannst du von deinem Business leben?

Jenny: Das ist ein spannender Prozess. Ich habe mich vor 1,5 Jahren selbstständig gemacht. So langsam reichen die Einnahmen, um davon leben zu können. Aber mein Plan war nie und ist es auch heute nicht, ein Startup aufzuziehen und nach drei Jahren 100 Mitarbeiter zu haben. Ich freue mich, wenn ich projektbezogen im Team arbeite. Ich genieße aber auch die Freiheit, jeden Monat an einem anderen Ort arbeiten zu können.

CCB Magazin: Auf deiner Homepage sagst du: „filmgrün ist mein großer Schritt zur noch kleinen Bewegung“. Welche ‚Bewegung‘ ist da deiner Meinung nach am Entstehen?

Jenny: Das ökologische Bewusstsein in der Kino- und Fernsehbereich wächst. Mittlerweile gibt es großartige Initiativen wie ecoprod in Frankreich, wearealbert.org oder den Grünen Drehpass in Schleswig-Holstein. Aber wir sind hier noch am Anfang. Gerade in der Größenordnung von Kinoproduktionen muss noch eine Menge passieren. Diese Produktionen produzieren eine Menge Müll, sie verbrauchen ohne Ende Strom und stoßen massig CO2 aus. Für mich ist darum der Austausch mit engagierten Filmemachern oder anderen Kleinunternehmern und mittelständischen Unternehmen in der grünen Szene unglaublich wichtig – so kann ich lernen und gebe Erfahrungen weiter.

CCB Magazin: Du bist auch Mitglied bei Unternehmensgrün, einem Verband für nachhaltige Unternehmen. Die wenigsten in der Filmbranche organisieren sich. Nach Recherche von Deutschlandfunk sind in Deutschland von etwa 25.000 Filmschaffenden zum Beispiel nur rund 7.000 Mitglieder bei ver.di und der Schauspielergewerkschaft BFFS. Was macht man in einem solchen Verband und was macht der Verband für die Unternehmen? Und was ist der Grund, warum du eingetreten bist?

Jenny: Unternehmensgrün ist der Bundesverband der grünen Wirtschaft. Er bietet besonders kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Stimme in der Politik und bringt alle Mitglieder regelmäßig auf Veranstaltungen zusammen. Das finde ich sehr bereichernd und inspirierend. Und mir geht es auch nicht nur darum, sich zu organisieren, um den Bereich der Nachhaltigkeit zu stärken. Es geht auch darum, dass ältere Unternehmer auf jüngere treffen und ein Austausch zwischen den Generationen stattfindet. Für mich ist ein solcher Verband die beste Gelegenheit, einfach mal ungezwungen mit anderen UnternehmerInnen ins Gespräch zu kommen, die ich sonst nur über Email kontaktieren würde.

CCB Magazin: Jenny, wenn du einen Wunsch hättest, was man gesetzlich ab sofort ändern könnte, was würdest du tun?  

Jenny: Ich würde das Bedingungslose Grundeinkommen einführen, damit Menschen ihrer Leidenschaft folgen können, ohne Existenzängste zu haben. Und ich hätte gerne mehr Zeit für eigene Dokus über Themen, die mich bewegen. Ich möchte mit der Zeit gehen. Aber ich will mir nicht jedes Jahr eine neue Kamera oder Mikrofon kaufen müssen.


Profil von Jenny Weidt auf Creative City Berlin 

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