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IDZ Berlin: "Die Konkurrenz aber auch die soziale Verantwortung haben in dieser Stadt zugenommen"

IDZ Berlin: "Die Konkurrenz aber auch die soziale Verantwortung haben in dieser Stadt zugenommen"
Photo: IDZ
Ake Rudolf (l) und Prof. Karsten Henze (r) im Gespräch mit Creative City Berlin

50 Jahre Design in Berlin, dafür steht das IDZ, das Internationale Design Zentrum Berlin. 1968 wurde es gegründet. Heute ist es die zentrale Anlaufstelle für Designer in der Stadt. Wie hat sich die Design-Branche in einem halben Jahrhundert verändert? Welche Impulse gehen von einer Anlaufstelle wie dem IDZ aus? Ein Besuch am Potsdamer Platz.
 

Vor Ort war JENS THOMAS
 


Glas kann verführen. Es lädt zum Voyeurismus ein. Glas sagt die Wahrheit. Weil es unverhohlen zeigt, was andere zu verbergen suchen: Überfluss, Reichtum, Protz. Am Potsdamer Platz aalen sich viele solcher Wahrheiten im Licht. Der Potsdamer Platz ist seit Jahren einer der zentralen Knotenpunkte in Berlin: Shopping Malls lassen hinter ihre Fassaden blicken, betörend zwinkernd zum Konsumrausch, die Masse auffordernd zur Verschmelzung – gewohnte Obszönitäten unseres Alltags. Daneben blähen Großkonzerne und Hotels ihre stolze Brust auf und duellieren sich am ehemaligen Grenzstreifen. 

An diesem zentralen Ort residiert seit 2017 auch das IDZ, das Internationale Design Zentrum Berlin. Es ist Berlins bekannteste Anlaufstelle für Designer. Mehrfach ist es in Berlin über die Jahrzehnte umgezogen – von der Budapester Straße in Berlin-Schöneberg über die Ansbacher Straße in Berlin-Charlottenburg bis hin zum Ku'damm, jetzt ist man hier. Das IDZ ist ein Verein, aber kein Berufsverband. Es ist ein Netzwerk, aber auch Forschungseinrichtung und Veranstaltungsort für Designer. Seit fünf Jahrzehnten bietet es den Rund-um-Service an, den Designer in Berlin brauchen: Es unterstützt seine Mitglieder, hilft aber auch der ganzen Design-Branche. Das IDZ bildet die Schnittstelle zwischen Design und Wirtschaft und ist eines der ältesten Designzentren in Deutschland überhaupt. 

Neue Residenz: Das IDZ zieht an den Potsdamer Platz 
  
Wir machen uns auf zu einem Besuch. Das IDZ liegt am Rande des Potsdamer Platzes, am Park 4. Ein kleiner Park erstreckt sich vor dem Gebäude, der mehr einer schroffen Wiese gleicht. Wir treten ein und schon das Innere verspricht ein Konzept: Rechts vom Eingang lädt ein hausinterner Coworking-Space zum Arbeiten ein; Mitarbeiter vom IDZ sitzen konzentriert hinter summenden Rechnern, aber auch externe Designer finden hier einen Platz. Ein Flur führt zu einem großen Konferenzraum, irgendwo steht eine Telefonzelle im Raum. Es hat etwas nostalgisches, der Büromöbel-Hersteller Haworth hat sie entwickelt - eine Zelle ohne Telefon, zum Telefonieren mit mobilen Endgeräten, auch das ist Design. Davor ist ein Showroom für Mitarbeiter und Mitglieder schick und schön eingerichtet. Alles wirkt etwas grell, aber nicht zu grell, durchdacht, nicht zu durchdacht. 

Ake Rudolf, strategischer Leiter des IDZ. Foto: Sandra Kühnapfel


Wir betreten den großen Konferenzraum. Ein großer schlichter Tisch füllt das Innere des Raums, alles ist von Glas umschlungen. Wir setzen uns. Am Tisch nehmen Prof. Karsten Henze, Ake Rudolf und Ingrid Krauß Platz. Prof. Karsten Henze, stattlicher Mann in schwarzem Anzug, tiefe Stimme, wacher Blick und nicht irgendwer, sondern Vorstandsvorsitzender des IDZ sowie Professor für Designmanagement an der Fachhochschule Potsdam, legt mit klaren Worten los: „Unser Ziel ist es, Designern den besten Service in der Stadt zu bieten: wir bilden fort, qualifizieren, wir verstehen uns auch als Lobbyisten für Designer, ohne ein Lobby-Verband zu sein“, sagt er. Wer Mitglied im IDZ ist, nutze die Workshops und Fortbildungsangebote vergünstigt oder gar kostenlos. Rund 200 Mitglieder sind es mittlerweile. Darunter befinden sich viele Einzelunternehmer, aber auch mittelgroße Agenturen und Unternehmen wie attoma Berlin oder designaffairs. Mitglieder sind zudem Netzwerke wie Create Berlin und auch Großkonzerne wie Siemens.  

Ein halbes Jahrhundert Design in Berlin: User Experience und Nachhaltigkeit sind die dominierenden Themen

Ein halbes Jahrhundert Design in Berlin: Wie hat sich die Design-Branche verändert, wollen wir wissen. Und wie hat sich die Arbeit am IDZ gewandelt? 1968, als das IDZ gegründet wurde, krempelten Studenten gerade die Stadt um und rannten halbnackt mit zerrissenen Jeans und erhobener Faust gegen den Kapitalismus über den Ku'damm. Karsten Henze erinnert sich, gibt aber zu verstehen: „Die Gründung des IDZ hatte nicht unmittelbar etwas mit ‘68 zu tun“. Wenngleich das damals alles verändert habe - so auch den Designbegriff und entsprechende Strategien. Waren es in den 1960er Jahren zunächst noch die intellektuellen Debatten über die „gute Form“ von Design und darüber, welchen ästhetischen Mehrwert Design zu erfüllen habe, hätte sich Design in den folgenden Jahrzehnten immer mehr in Richtung Lösungsorientierung entwickelt. „Heute deutet alles auf Vereinfachung, gute Nutzerführung und komplexe Problemlösung hin“, betont Henze. Design, das stellt der Designforscher Gert Selle fest, ist zwar so alt wie der Industriekapitalismus. Bis 1850 waren Designer in Deutschland aber wirtschaftlich bedeutungslos. Das änderte sich erst, als man den ästhetischen Mehrwert von Objekten erkannte. Die 68er entdeckten aber das Subjekt, man könnte auch sagen, sie entdeckten sich selbst. Im Laufe der Jahre hieß das für Designer, sich immer mehr auf subjektive Bedürfnisse anderer einzustellen. Experten sprechen heute von User Experience oder Nutzerzentrierung. Zudem hätten die '68er das Thema Ökologie auf den Plan gebracht, so Henze. Das sei auch bereits in den Gründertagen am IDZ ein Thema gewesen: Die ersten Eröffnungsausstellungen hießen „design – Umwelt wird in Frage gestellt“ und „design – Produzenten bewerten ihr Produkt“. Das Thema Ökologie ging damals direkt aus der Ökologiebewegung hervor. "Heute ist das Thema Nachhaltigkeit auch für Großkonzerne relevant. Alle versuchen mittlerweile einen möglichst guten ökologischen und sozialen Fußabdruck zu hinterlassen“, unterstreicht Henze. 

Der Wettbewerb in der Designwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten immens zugenommen – Ingrid Krauß, wissenschaftliche Leiterin des IDZ

Ingrid Krauß vom IDZ. Foto IDZ

Jetzt kommt Ingrid Krauß zu Wort. Kraus wirkt etwas zurückhaltend, sie ist die wissenschaftliche Leiterin am IDZ und seit 2007 im Team. Sie sagt: „Eine Gesellschaft wird ja nicht nur nachhaltiger. Auch der Wettbewerb in der Designwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten immens zugenommen“. In den Anfangsjahren, bis 1997, habe man noch eine institutionelle Förderung vom Land Berlin erhalten. Heute finanziere man sich komplett selbst. Man sei darum auch ständig auf der Suche nach Projektgeldern. So sei das Team zwar im Laufe der Jahre gewachsen. Das liege in erster Linie aber daran, dass man für eine Förderperiode Personal einstellen könne, danach würden die Mitarbeiter wieder gehen müssen. Auf der einen Seite hätte sich der Nachhaltigkeitsgedanke in der Gesellschaft breitwillig durchgesetzt. Auf der anderen Seite sei die Finanzierung überhaupt nicht nachhaltig im Sinne langfristiger Planung. Und der zunehmende Wettbewerb mache sich auch immer mehr unter Designern bemerkbar, das gelte gerade in Berlin mit seiner kleinteiligen Struktur und den vielen Selbständigen. Die Zahlen geben ihr Recht: Mittlerweile liegt die Anzahl der Solo-Selbständigen im Design-Bereich in Berlin bei über 40 Prozent. Über 16.000 Erwerbstätige gibt es gegenwärtig in Berlin im Bereich Design nach offiziellen Zahlen, insgesamt zählt man 5.100 Designagenturen in der Stadt. Rechnet man den Bereich Modedesign noch hinzu, sind es fast noch mal so viele. Und eine gerade erschienene Studie zum Berliner Arbeitsmarkt der Kultur- und Kreativsektoren demonstriert: Die Arbeitslosenquote unter den als abhängig-beschäftigt gemeldeten Designern liegt in Berlin bei rund 22 Prozent.

Die Großen nehmen die Plätz ein, von den kleinteiligen Mikrounternehmen gehen die bahnbrechenden Ideen aus

Gerade von den vielen kleinteiligen Mikrounternehmen und dem Heer an Selbständigen, die von Prekarisierung in hohem Maße betroffen sind, gehen oft aber die bahnbrechenden Ideen aus. 50 Jahre Design in Berlin, das heißt dann auch, dass aus einer ehemals wilden geteilten Stadt als Rückzugsraum für Freaks und Bundeswehrverweigerer sich im Laufe der Jahre immer mehr ein Humus für neue Unternehmensformen herausgebildet hat. Das, was in '60er Jahren noch als Gegensatz galt, die Verzahnung von Ökonomie und Ökologie, wird heute auf eine neue Stufe gebracht. Ake Rudolf, strategischer Leiter am IDZ, sieht in dieser Verzahnung aber ein großes Potenzial: „Du kannst heute nur noch gemeinsam Lösungen finden“, betont er. Nicht nur Prekarisierungen hätten zugenommen. Auch das Interdisziplinäre und Branchenbergreifende nehme zu, und gerade hier sehe er das Potenzial für die Zukunft. Karsten Henze springt ihm argumentativ zur Seite, er ergänzt: „Design schafft heute Lösungen gerade auch für andere Industriezweige“. Er weiß wovon er spricht. Henze selbst hat Jahre lang bei der Deutschen Bahn gearbeitet. Dort hat er den Design-Bereich verantwortet - bis er zum IDZ ging. Henze stellt klar, dass auch Unternehmen wie die Deutsche Bahn immer mehr auf Designprozesse und Nachhaltigkeitsstrategien setzen. Und längst hat Design das Feld ästhetischer Behausung verlassen und ist nicht mehr nur Werkzeug für den Industriekapitalismus. Die Kunsthistorikerin und Designkuratorin Claudia Banz spricht in ihrem neuen Buch „Social Design“ sogar von einer Sozialen Bewegung. Für den Architekten und Designtheoretiker Friedrich von Borries ist Design gar eine politische Praxis: Früher hätten Designer primär Gegenstände entworfen. Heute würden Designer den Klimaschutz oder Flüchtlingsunterkünfte mitgestalten. 

Kreislauffähige Konzepte sind die Zukunft. Man kommt einfach nicht drum herum, sich mit solchen Lösungen zu beschäftigen – Prof. Karsten Henze, Vorstandsvorsitzender des IDZ 

Das sind durchaus optimistische Töne in einer Zeit, in der man die Geschichte auch ganz anders erzählen kann. Schließlich liegt der Anteil an ökologischen und sozialverantwortlichen Unternehmen im Bereich Design Schätzungen zufolge bei erst zehn Prozent, wenngleich der Anteil steigt. Und doch hat sich vor allem im letzten Jahrzehnt ein Nachhaltigkeitssektor gerade aufgrund der Verzahnung von Ökologie und Ökonomie professionalisiert. War Ökonomie in den 1970er Jahren ein Kampfbegriff, weil Ökonomie für Verwirtschaftlichung stand, wird Ökonomie mittlerweile ganz neu interpretiert. Seit Jahren werden neue bedeutungsschwangere Begriffe durch den medialen Äther gejagt: Die Rede ist von Degrowth, einer neuen Postwachstumsökonomie, der Beifreiung vom Überfluss und und und - hier kommt nichts zur Ruhe. Der Wachstumswahn der letzten Jahrzehnte wird immer mehr in Frage gestellt. Zugleich haben gerade viele Hersteller noch immer kein Interesse an einer konsequenten ökologischen Umsetzung
 

 

Am IDZ will man dagegen Meilensteine setzen, Vorbild sein. Auch Themen in die Gesellschaft bringen. Das IDZ hat den Wandel der Zeit nicht nur über fünf Jahrzehnte mitgeprägt. Es hat auch Vorzeige-Design wie Erik Spiekermann hervorgebracht oder namenhafte Vordenker wie Victor Papanek ans Zentrum gebunden -  Papaneks Buch "Design it For the Real World" ist für viele heute noch obligatorisches Nachschlagewerk und Ökobibel zugleich für nachhaltige Konzepte. Jetzt heißt es nur, mit dem Gesellschaftswandel Schritt zu halten und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Jetzt hat man erst mal die Digitalisierung vor der Haustür. Das IDZ schlägt an dieser Stelle gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen vergibt man zum Thema Technologisierung und User Experience den jährlichen UX Design Award. Zum anderen den Bundespreis EcoDesign, auch veranstaltet man zahlreiche Veranstaltungen zum Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft. Erst kürzlich fand das Circular Design Forum statt. Gekommen waren mehr als 200 Gäste, Experten wie Dr. Leyla Acaroglu, Dr. Arndt Pechstein oder Anne Raudaskoski füllten das Programm. "Hier müssen wir weiter ansetzen", sagt Henze mit klarem Ton. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft zielt, vereinfacht gesagt, darauf ab, dass der Mensch nicht vorrangig der Wirtschaft dient, sondern die Wirtschaft dem Menschen und alles umweltverträglich bleibt - insgesamt sollen Produkte „kreislauffähig“ werden, das heißt, sie sollen zu ihrem Ursprung zurückgeführt werden. Im Idealfall sind sie wiederverwendbar. Die Frage ist nur: Wie bringt man die zunehmende Technologisierung mit neuen ökologischen Standards zusammen? Auch hier sucht das IDZ nach Lösungen. So hat man 2017 die Designerin Ina Budde mit dem Bundespreis EcoDesign ausgezeichnet. Der Bundespreis ist die höchste Auszeichnung für ökologisches Design in Deutschland und wird seit 2012 jährlich in Kooperation mit dem IDZ vergeben. Ina Budde ist Gründerin von Design for Circularity (DFC) und erhielt den Bundespreis Ecodesign für ihre Mode-Kollektion. In der Kollektion ist ein QR-Code integriert, der über Materialien, Produktionsverfahren und Lieferketten informiert – die Klamotte sitzt nicht nur schick, sie ist auch kreislauffähig. Ingrid Krauß bringt ein weiteres Beispiel: Airbus. Auch Airbus wurde mit dem Bundespreis Ecodesign ausgezeichnet, auch sie waren auf dem Circular Design Forum 2018. „Airbus hat durch ein neues Verfahren bionische Trennwände für Flugzeuge entwickelt, die zu 45 Prozent leichter sind als herkömmliche Trennwände“, sagt Krauß stolz. Durch die Gewichtsreduktion könne die CO2-Emission pro Flugzeug jährlich um 10 Tonnen verringert werden – was immer noch nicht das Problem löst, dass sich nach Berechnungen der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation die Kohlendioxidemissionen durch den Flugverkehr weltweit bis 2040 vervierfachen könnte, aber immerhin. 

Jetzt kommen die Roboter. Nehmen die uns auch noch das Design weg? 

Der Tag geht dem Ende entgegen, schön, dass wir mal hier waren. 50 Jahre IDZ im Schnellverfahren, weiter geht's. Die letzten Coworker fahren ihre Laptops runter, der Potsdamer Platz wirft noch ein paar grelle Lichter in die Scheiben, so als solle klar werden, dass es hier nie zu Ende geht. Und klar wird: Das IDZ ist und bleibt der Design-Knotenpunkt dieser Stadt und Design ist einfach alles: schlimm, schön, schlicht, manchmal durchaus komplex und lösungsorientiert, ab und an siehts auch mal blöd aus und kann weg: Design ist Aufhübscher einer globalen Ökonomie, die zunehmend auf Ästhetik und Vermarktung setzt, aber auch Innovator für neue Ideen, die Verantwortung für Mensch und Umwelt tragen. Die Frage ist nur, wie lange es dafür den Menschen noch braucht. Die Themen "New Robotics" und „intelligente Kleidung“ durch die Verzahnung von Technik und KI-Systemen (KI: künstliche Intelligenz) brennen sich schon jetzt ins Mark der Debatten. Ina Buddes Kollektion ist hier ein Beitrag zum Guten. Wer weiß, wo das noch hinführt und endet. Schon jetzt gibt es Kleidungsstücke, die all unsere biometrischen Daten erfassen und in Zukunft ruft uns vermutlich unsere Hose an, wenn der Hosenstall auf ist. Auch das ist durchaus lösungsorientiert. Schon jetzt grassiert aber die Angst, dass die Roboter uns in den nächsten Jahren die Arbeit wegnehmen, aber warten wirs mal ab. Und wenn, werden die New Robotics nicht nur gut aussehen, weil Design auch hier nicht Halt macht. Sie werden vermutlich auch recycelfähig sein oder sich gleich selbst recyceln. Auch das wäre durchaus ein Fortschritt. 


Profil des IDZ auf Creative City Berlin

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