Sustainability, Digitalisation back

Ist Streaming das neue Rauchen?

Ist Streaming das neue Rauchen?
Photo: © Most Wanted

Wir streamen, streamen, streamen. Was viele nicht wissen oder vergessen: Streaming ist ein Klimakiller. Allein 2018 verursachte das Video-Streaming mehr als 300 Millionen Tonnen CO2. Und die Nutzer wachsen seit Jahren, vor allem im Bereich Musik-Streaming. Die Alliance of Managers d'Artistes (AMA) nimmt sich diesem Problem an: Das Team aus Frankreich arbeitet aktuell an Methoden zur Bestimmung und Messung des CO2-Fußabdrucks im Streaming-Bereich . Wir trafen und sprachen Didier Zerath von AMA während der diesjährigen MOST WANTED: MUSIC: Welche Lösungen gibt es? Müssen wir uns vom Streamen in Zukunft verabschieden? 
 

Interview jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Didier, die Umsätze aus der Musikindustrie werden zunehmend digitaler: 50 Prozent aller Erlöse werden schon jetzt digital erwirtschaftet, zumindest in Deutschland - Tendenz steigend. Streaming rangiert ganz oben. Viele glauben allerdings, dass Streaming umweltfreundlicher sei als die Herstellung physikalischer Tonträger, da keine Materialen verbraucht werden. Ihr beschäftigt euch wissenschaftlich mit dem CO2-Fußabdruck im Bereich Streaming. Wie ökologiefreundlich ist Streaming?

Didier: Das ist eine gute Frage, denn die heutige datengesteuerte Wirtschaft verursacht tatsächlich mehr Umweltverschmutzung durch den Einsatz von elektrischen Ressourcen und Kühlverfahren als die Verwendung materieller Güter. Die Rechenzentren liegen meist nur tief unter der Erde in der Nähe des Polarkreises. So hat der Ökonom Tilman Santarius in seinen Analysen gezeigt, dass sich die Rechenleistung pro Kilowattstunde im Laufe der Zeit alle 1,5 Jahre verdoppelt hat. Aber wir nehmen immer noch an, dass Dematerialisierung und Digitalisierung die Lösung für eine nachhaltige Entwicklung sein könnten. Das ist ein Irrglaube. Streaming ist nicht klimafreundlich. 

CCB Magazin:Du arbeitest mit deiner Organisation AMA an Methoden zur Bestimmung und Messung des CO2-Fußabdrucks im Bereich Streaming. Wie und mit welchen Methoden kann der CO2-Fußabdruck ermittelt und gemessen werden?

Didier:Der CO2-Fußabdruck im Bereich Streaming lässt sich durch den Emissionsfaktor bestimmen, der aus der Stromerzeugung unter Berücksichtigung des lokalen Stromerzeugungsmixes an einem bestimmten geografischen Standort berechnet wird. Die Verfahren und Werte sind hier von Land zu Land sehr unterschiedlich: So liegt der Weltdurchschnitt bei 0,519 kg CO2/KWH. China hat mit 0,681 Kg CO2/KWH den größten CO2-Fußabdruck, gefolgt von den USA (0,493 Kg CO2/KWH) und der Europäischen Union (0,276 Kg CO2/KWH). Man könnte glauben, dass deutsche Kohlebergwerke eine umweltschädlichere Primärenergie zur Stromerzeugung sein könnten, die die französische Wirtschaft stark von der Kernenergie abhängig macht. Wenn man aber die Primärenergie und insbesondere die Kosten der Entnuklearisierung berücksichtigt, stellt sich die Situation ganz anders dar: Fast vier Prozent der weltweiten CO2-Emissionen werden heute durch digitale Geräte verursacht, 2025 könnten es acht Prozent sein.

Didier Zerath von der Alliance of Managers d'Artistes (AMA) in Aktion. Hier bei einem Vortrag auf der MOST WANTED: Music 2019. Foto: MOST WANTED: Music

Die größte Bedrohung für eine nachhaltige Entwicklung stellt für den Musikbereich das Streaming dar. Denn Premium-Streaming-Abonnementangebote erreichen schon jetzt 300 Millionen Nutzer. Und der Markt ist noch lange nicht gesättigt 

CCB Magazin:Allein 2018 verursachte das Video-Streaming mehr als 300 Millionen Tonnen CO2. Und vor allem die Streaming-Nutzer steigen seit Jahren. Wie ist es möglich, angesichts dieser Zahlen Veränderungen herbeizuführen? Wie kann Streaming überhaupt ökologisch werden?

Didier:Das ist komplex. Denn die größte Bedrohung für die nachhaltige Entwicklung ergibt sich in der Musikindustrie aktuell aus den steigenden Wachstumsraten des Streamings. Premium-Streaming-Abonnementangebote erreichen heute 300 Millionen Nutzer, aktuell sind das 3,4 Prozent der Weltbevölkerung. Und es versteht sich von selbst, dass es sich hier um einen Markt handelt, der weiter wachsen wird. Mit anderen Worten: Täglich werden 40.000 neue Tracks auf Spotify hochgeladen. Füge noch Soundcloud und Bandcamp hinzu und es würden täglich 100.000 neue Tracks sein. Und wie viele sind es in Zukunft,  wenn die BRIC-Länder hinzukommen? 

CCB Magazin:Ok, aber was sind denn nun Lösungen? Nachhaltigkeitsforscher wie Ingolfur Blühdorn sagen, dass wir unseren Anspruch auf Wohlstand grundsätzlich aufgeben müssen. Das würde bedeuten, dass wir in Zukunft nicht einfach so weitermachen können wie bisher, und das würde auch heißen, wir können nicht weiter streamen. In Deutschland wird nun ein Verbot von Plastiktüten ab 2020 kommen. Brauchen wir ein vom Staat organisiertes ökologisches Streaming-Paket?

Didier:Wir müssen jetzt handeln, ja. Denn es ist davon auszugehen, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre das Musikangebot und der Musikkonsum weiter zunehmen werden. Die eigentliche Frage ist aber, wie sich Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung miteinander verbinden lassen. Ich denke, Verbote sind keine Lösung. Man könnte aber gesetzlich verlangen, dass beispielsweise ein Teil der Erlöse in die ökologische Infrastruktur reinvestiert wird. Es gibt ja bereits Plattformen wie Ecosia, die dies tun. Mit jedem Klick werden darüber Bäume neu gepflanzt. In Frankreich hat sich Ecosia bereits etabliert. Ecosia hat aktuell insgesamt sieben Millionen Nutzer monatlich weltweit. Über 50 Millionen Bäume wurden über die Plattform bereits gepflanzt. Solche Ansätze ließen sich auch auf die Musikindustrie übertragen.

Die zentrale Frage ist, wie wir künfig Wirtschaftswachstum mit nachhaltiger Entwicklung verbinden. Verbote sind hier keine Lösung. Man könnte aber gesetzlich verlangen, dass beispielsweise ein Teil der Erlöse aus dem Streaming-Bereich in die ökologische Infrastruktur reinvestiert werden

CCB Magazin:Plattformen wie Ecosia können aber mit den großen Anbietern kaum mithalten. Die Autoren Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger fordern darum in ihrem Buch "Das Digital" eine neue "Daten-Sharing-Pflicht": Unternehmen mit extremem Datenreichtum, wie zum Beispiel Facebook oder Google, müssten ihre Daten künftig mit anderen Wettbewerbern teilen, damit sich Monopolbildungen verhindern lassen. Und die Pflicht zum Teilen von Daten solle da einsetzen, sobald ein Unternehmen einen bestimmten Marktanteil erreicht, beispielsweise zehn Prozent. Wäre das nicht auch für die Musikindustrie eine Lösung? Und wäre es sinnvoll, diese Verpflichtung zusätzlich mit einer Ökosteuer zu kombinieren oder bereits ökologisch ausgerichtete Plattformen wie Ecosia steuerlich zu begünstigen?

Didier:Ja, das sind die richtigen Ansätze. Und das ist genau das, um was es uns geht. Aber wir müssen auch die Nutzer in die Pflicht nehmen. Sie können entscheiden, welche Plattformen sie in Zukunft nutzen. Sie können damit auch den Wandel herbeiführen. 

CCB Magazin:Letzte Frage, Didier. Das Thema Nachhaltigkeit dominiert derzeit die Debatte. Der Fokus liegt stark auf dem Bereich Ökologie. Wie lässt sich auch die soziale Nachhaltigkeit stärken? Denn gerade unbekannte Künstler verdienen am Streaming kaum etwas. Welche Maßnahmen sind also erforderlich, damit Streaming auch für soziale Nachhaltigkeit im Sinne einer gerechteren Verteilung steht? 

Didier:Es ist schon interessant, den Umfang dessen zu definieren, was wir überhaupt nachhaltige Entwicklung nennen. Und ja: Zur Nachhaltigkeit gehört neben dem ökologischen Ansatz auch die Gleichstellung der Geschlechter, die soziale Verantwortung der Unternehmen und die Frage nach gerechter Verteilung. Wir haben aber vorerst einen streng ökologischen Ansatz für die anstehenden Probleme definiert. Das kann natürlich nur der Anfang sein. Was die Künstlervergütung betrifft, so ist dies ein ganz anderes Thema, das wir diskutieren müssen, wenn wir über die Umsetzung der neuen europäischen Urheberrechtsrichtlinie für die jeweiligen nationalen Gesetze sprechen. Diese Diskussion kann auch nicht national geführt werden. Es braucht hier internationale Regelungen. 

CCB Magazin:Didier, danke für das Gespräch. 

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