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Was clubst Du?

Was clubst Du?

Jeden Freitag schwänzt die halbe Jugend den Schulunterricht und rennt mit erhobener Faust gegen den Klimawandel über die Straßen. An jedem Wochenende wandelt sich Berlin aber auch zum Feiermekka und die Berliner Clubs – rund 250 – laden zu Tanz und Extase. Klimafreundlich ist das nicht. Cluptopia, ein Kooperationsprojekt von BUND Berlin e.V., clubliebe e.V. und der Clubcommission Berlin, will das ändern: Das Team berät Berliner Clubs, wie sie klimafreundlicher und ökologischer werden können. Wir haben uns einfach mal selbst beraten lassen: Wie sieht der Club for Future aus? Kriegen wir den Klimawandel von der Tanzfläche aus in den Griff? 
 

Interview JENS THOMAS 

 

CCB Magazin: Hallo Konstanze und Matthias, ihr unterstützt die Berliner Clubszene dabei, klimafreundlicher und nachhaltiger zu werden. Wie genau gestaltet man einen Club klimafreundlich (um)? 

Matthias Krümmel: Das kann ganz unterschiedlich erfolgen. Es gibt nicht nur einen Weg. 

Konstanze Meyer: Schritt 1 wäre erstmal der Wechsel zu einem echten Ökostromanbieter. Schritt 2 ist so viel CO2 wie möglich einzusparen.  Dazu ist der Wechsel zu einem echten zertifizierten Ökostromanbieter nach GSL-Standard nötig. Das Siegel zeichnet Anbieter aus, die einen zusätzlichen Umweltnutzen bieten und Energie nicht aus fossilen Energieträgern produzieren. Ökostrom muss auch nicht unbedingt teurer sein. Ansonsten empfehlen wir viele kleine Schritte, die sich allesamt lohnen und die die Energiebilanz eines Clubs verbessern. 

Bereits ein kleiner Club verbraucht an einem Wochenende so viel Strom wie ein sparsamer Single-Haushalt im Jahr. Das heißt, er ist für etwa 30 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr verantwortlich. Hinzu kommen noch die CO2-Emissionen aus Heizungswärme, Abfall, Wasser, Mobilität etc. Wir beraten Berliner Clubs dazu, wie sie ökologischer werden können. Und hier gibt es viele Möglichkeiten

CCB Magazin:Die da wären? 

Konstanze Meyer:Dazu gehört zum Beispiel die Umstellung auf LED-Beleuchtung, auch der Einsatz von energieeffizienten Kühlgeräten und eine umweltfreundliche Mobilität und Logistik. Aber auch im Bereich Abfall und Ressourcenschonung können Clubs viel tun: möglichst chemikalien-freie Putzmittel verwenden, Verpackungsmüll vermeiden, die konsequente Verwendung von Mehrweggeschirr und -behältern für Getränke – das sind nur einige Beispiele. Plastikstrohhalme gehören auch dazu, auch wenn sie in der Klimawirkung überschätzt werden. Ein großer Schritt wäre auch, die Gebäude grundsätzlich zu dämmen. Das kann aber teuer werden. 

Im Gespräch mit Clubtopia: Konstanze Meyer und Matthias Krümmel. Konstanze ist zuständig für ökologische und soziale Nachhaltigkeit, Matthias für die Energieberatung. Fotos: © Karoline Kohle

CCB Magazin:Wie teuer ist denn eine umfassende klimafreundliche Umstellung und Modernisierung? Und können sich die Berliner Clubs das überhaupt leisten? Viele haben doch schon jetzt Probleme, die horrenden Mietkosten aufzubringen. 

Matthias Krümmel: Das ist in der Tat nicht einfach. Viele der Maßnahmen, die wir empfehlen, lassen sich aber auch ohne finanzielle Mittel oder für einen schmalen Taler realisieren. Es muss ja nicht immer die Grundsatzmodernisierung sein, die sowieso der Vermieter angehen muss, es sei denn man ist selbst Besitzer. So können zum Beispiel vorhandene technische Geräte wie Kühlschränke oder Lüftungsanlagen effizienter, manchmal auch weniger genutzt werden. Dadurch sparen die Clubs unerwartet viel Strom und gleichzeitig Geld ein. Andere Maßnahmen wie der Umstieg auf energieeffiziente LEDs kosten zwar etwas, sie lohnen sich aber langfristig, meist schon nach ein paar Monaten. 

CCB Magazin:Das Ökologiebewusstsein wächst derzeit. Überall ist for Future: Fridays for Future, Artists for Future, Entrepreneurs for Future. Spürt ihr dieses Bewusstsein auch unter Clubbetreibern und der Berliner Clubszene? Gibt es ein ernstes Interesse an einer klimafreundlichen Umstellung oder gar Modernisierung? 

Matthias Krümmel: Ja, das gibt es. Immer mehr Clubbetreibende begrüßen es, dass Klimaschutz ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige, Baustein des nachhaltigen Wirtschaftens ist. Die Szene begreift auch immer mehr, dass sie selbst eine kulturelle Säule der Nachhaltigkeit neben Ökonomie, Ökologie und Sozialem darstellen. Die Nachtkultur leistet ja einen entscheidenden Beitrag zur Klimaschutzkommunikation. Das vergessen viele. 

CCB Magazin:Ach ja? 

Konstanze Meyer:Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Das heißt, die städtischen CO2-Emissionen sollen um 4,4 Mio. Tonnen, verglichen mit dem Basisjahr 1990, und damit um 85 Prozent reduziert werden. Das ist ein ambitioniertes Ziel. Das Treibhausgas CO2, also Kohlenstoffdioxid, entsteht ja vor allem durch die Verbrennung von Kohle, Öl, Erdgas. CO2 ist maßgeblich für die Erderwärmung verantwortlich. Und was hat das mit der Club- und Kulturbranche zu tun? Eine ganze Menge! Berlin als pulsierende Kreativhauptstadt besitzt eine prägende Clubkulturszene mit hohem Stellenwert für die Stadt. Über 300 vielfältige Locations werden täglich von vielen feiernden Menschen besucht. Auf der einen Seite ist das toll, auf der anderen Seite bedeutet es einen hohen Energiebedarf.

Fotos: © Clubtopia


CCB Magazin:Könnt ihr das einmal beziffern? Wie klimaschädlich sind Berliner Clubs? 

Matthias Krümmel: Bereits ein kleiner Club verbraucht an einem Wochenende – ein Großteil der Berliner Clublandschaft besteht aus kleinen und mittleren Clubs – so viel Strom wie ein sparsamer Single-Haushalt im Jahr. Das heißt, ein kleiner Club ist für etwa 30 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr verantwortlich. Hinzu kommen noch die CO2-Emissionen aus Heizungswärme, Abfall, Wasser, Mobilität etc. Macht also: viel zu viel. Die gute Nachricht ist aber, dass wir etwas dagegen tun können – und mit Clubtopia wollen wir die Clubs unterstützen, um ihre CO2-Bilanz zu verbessern.

Konstanze Meyer:Wenn wir alle 250  Berliner Clubs mit anderem Strom versorgen würden, kämen wir von zirka 10.500 Tonnen CO2 auf 700 Tonnen runter – ohne Catering, Wärme und Klima, Mobilität, ohne Abfall und Ressourcen wie Trinkwasser, Boden Luftschadstoffe etc. Da wäre echt schon was gewonnen. 

CCB Magazin:Aber sind das nicht vergleichsweise kleine Pflänzchen? Hauptklimakiller ist aktuell der weltweite Fleischkonsum. 45 Prozent der Treibhausgase entstehen durch Erzeugung der Lebensmittel, durch Transport, Verarbeitung bis zum Verzehr. Erst danach folgen Flug- und Autoverkehr. Sind Clubs da nicht eine Marginalie, die es im Grunde zu vernachlässigen gilt? 

Matthias Krümmel: Nein, überhaupt nicht. Ich würde sogar sagen: Die Emissionen aus dem Kulturbetrieb kommen bilanziell vielmehr zu deiner persönlichen Ökobilanz hinzu. Wir machen Klimaschutz ja trotzdem, obwohl China ein großer CO2-Emittent ist. Wir reden trotzdem über Klimaschutz, obwohl und weil wir gleichzeitig feiern gehen. Das ist kein Widerspruch, sondern ein konfliktreiches Spannungsfeld, das wir bewusst betreten – ohne hier mit Ökomoral aufzufahren. Solange es aber keine ökologisch vertretbare Infrastruktur gibt, ist der Vergleich mit den großen Emittenten und den Riesenverbrauchern für den eigenen Lebensstil nicht weiterführend. 

Wir beraten Clubs ganz unterschiedlich, in der Regel machen wir dazu eine Vor-Ort-Begehung. Darüber nehmen wir alle CO2-relevanten Fakten auf, wir recherchieren Verbesserungsvorschläge und erstellen eine CO2-Bilanz. Zum Schluss unterstützen wir die Clubs auch bei der Umsetzung

CCB Magazin:Könnt ihr eure tägliche Arbeit einmal beschreiben? Ich bin jetzt mal ein Club. Was könnt ihr für mich tun? Wie sieht euer Arbeitsalltag aus? Wie beratet ihr Berliner Clubs? 

Konstanze Meyer:Wir beraten Clubs ganz unterschiedlich, in der Regel machen wir dazu eine Vor-Ort-Begehung. Darüber nehmen wir alle CO2-relevanten Fakten auf, so zum Beispiel wie hoch der Stromverbrauch ist, welche Geräte im Club stehen, wie oft sie genutzt werden usw. Aus den gesammelten Daten erstellen wir dann eine CO2-Bilanz und recherchieren Verbesserungsvorschläge – die wir den Clubs dann unterbreiten. Im Anschluss unterstützen wird die Clubs auch in der Umsetzung. Wir bieten den Clubs und Clubaktiven zudem Unterstützung über die Energieberatung hinaus an. Im Netz bieten wir zum Beispiel einen Online-Leitfaden für einen nachhaltigen Clubbetrieb an, den Green Club Guide, der gerade aufgefrischt und in eine neue Form gebracht wird.

Matthias Krümmel: Wir organisieren auch die Zukunftslabore Future Party Lab. Hier tauschen sich Professionelle der Nachhaltigkeitsbranche mit der Clubszene aus. Gemeinsam werden innovative Lösungen für nachhaltige Clubnächte entwickelt. Begleitet wird die Veranstaltungsreihe sogar noch von einem Ideenwettbewerb, der besonders innovative und klimawirksame Lösungen hervorhebt und deren Umsetzung unterstützt. Und wir organisieren regelmäßig die Runden Tische für eine grüne Clubkultur und laden engagierte Clubbetreibende und Veranstaltende ein, gemeinsam einen Verhaltenskodex für umwelt- und klimafreundliches Verhalten im Clubbetrieb zu erarbeiten. Dieser Code of Conduct dient Clubbetreibenden in Zukunft dazu, die Verbesserung ihrer Klimabilanz konkret anzugehen und nach außen zu tragen.

CCB Magazin:Aber werden eure Vorschläge denn im Anschluss umgesetzt? Wie „nachhaltig“ sind eure Beratungen? 

Konstanze Meyer:Bei den Energieberatungen sehen wir die Ergebnisse direkt, sobald die Clubs einige der vorgeschlagenen Maßnahmen umsetzen. So wird zum Beispiel der Club SchwuZ, den wir in diesem Jahr begleitet haben, nächstes Jahr komplett auf Ökostrom umsteigen und so 82 Tonnen CO2 jährlich einsparen. Das sind erste Erfolge, und wir hoffen sie mehren sich. 

CCB Magazin:Frage zum Schluss: Es wird aktuell viel darüber diskutiert, welche Anreizsysteme geschaffen werden müssen, damit man sich klima- oder umweltfreundlicher verhält. Auch Verbote sind ein Thema. Welche Maßnahmen haltet ihr speziell für die Clubkultur für sinnvoll? 

Konstanze Meyer:Eine erste Maßnahme wäre es tatsächlich, wenn Clubs endlich eine Bleibe-Perspektive in ihrer Location hätten. Wenn Clubbetreiber*innen auf viele Jahre im Voraus planen könnten, sind sie auch eher bereit, Investitionen in klimafreundliche Technik und Umbaumaßnahmen zu investieren – darüber wäre schon viel gewonnen. Clubkultur braucht Räume. Die werden aber in einer wachsenden Stadt wie Berlin immer knapper. Orte für die vielfältige Clubkultur Berlins zu erhalten ist damit eine wesentliche Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung der Clubs. 

Matthias Krümmel:Die bestehenden Clubs brauchen darüber hinaus finanzielle Unterstützung. So könnte/müsste es zum Beispiel ein Unterstützungsprogramm geben, um die ökologische Sanierung voranzubringen oder energieeffiziente Geräte anzuschaffen. Hier würden wir uns einen vergleichbaren Fonds wie den für den Lärmschutz in Clubs wünschen – nur eben für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen. Ganz allgemein gesprochen bringt der Club der Zukunft die ökologische, ökonomische und soziale Dimension der Nachhaltigkeit in Einklang. 

 

Category: Innovation & Vision

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