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KI-Phantasien: Kommt jetzt der Terminator mit Pinsel?

Schwerpunkt KI-Forschung und Künstliche Intelligenz

KI-Phantasien: Kommt jetzt der Terminator mit Pinsel?
Photo: © Benita Schmitz (Marburg)
Andreas Sudmann, Autor im CCB Magazin

Die Debatte um Künstliche Intelligenz und Lernalgorithmen zieht immer weitere Kreise: Was können Maschinen, was Menschen nicht können? Können Maschinen sogar kreativ sein? Sind sie bald die besseren Künstler? Tatsächlich greifen maschinelle Lernverfahren schon jetzt in alle Bereiche kulturellen Schaffens ein: Maschinen automatisieren Filmproduktionen, sie gewinnen gegen uns im Brettspiel Go oder komponieren anspruchsvolle Musik. Anlass genug, die kreativ-künstlerischen Leistungen intelligenter Systeme genauer unter die Lupe zu nehmen.
 

VON ANDREAS SUDMANN (Medienwissenschaftler und Mitherausgeber des gerade erschienenen Buches „Machine Learning. Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz“). 
 

Wir schreiben das Jahr 1950. In einem Essay für die Zeitschrift Mind stellt kein Geringerer als Alan Turing ein berühmtes Gedankenexperiment vor. Es wird in den folgenden Jahrzehnten die internationale Diskussion um die Potentiale und Grenzen der Künstlichen Intelligenz (KI) maßgeblich prägen. Heute kennen wir das Experiment unter dem Namen „Turing-Test“. Seinerzeit hatte sich der britische Mathematiker und Informatiker die Frage gestellt, ob Maschinen denken können, nur um sie mit seinem Test durch eine andere zu ersetzen: Kann eine Maschine intelligent erscheinen? Genauer: Kann eine Maschine, ohne sich als solche zu enttarnen, menschliches Kommunikationsverhalten erfolgreich imitieren? Wäre eine Maschine dazu in der Lage, wäre es nach Turing auch legitim, sie als denkende zu begreifen.

Zeitsprung in die Gegenwart: Entgegen anders lautender Thesen hat bis dato noch keine Maschine den Turing-Test bestanden. Dafür konnte die KI-Forschung in den letzten Jahren eine ganze Reihe anderer Erfolge und Leistungssprünge verbuchen. Allen voran den spektakulären Sieg von AlphaGo im Brettspiel Go, bei dem ein Computerprogramm das Brettspiel von selbst spielt und als Maschine gegen einen menschlichen Weltmeister gewonnen hat, ebenso wie Fortschritte im Bereich maschineller Sprachübersetzungen, der Bilderkennung, im Anwendungsfeld selbstfahrender Autos etc. Zudem hat kürzlich Googles Telefonassistent Duplex eindrucksvoll gezeigt, dass KI-Systeme, zumindest in gewissen Grenzen, mittlerweile mit Menschen kommunizieren können, ohne dass letztere es bemerken – ganz im Gegensatz zum Turing-Test: Dort ist sich die begutachtende Person immerhin noch darüber im Klaren, dass es sich bei einem ihrer Gesprächspartner um eine Maschine handelt. Insofern überrascht es nicht, dass dieser Tage häufiger eine Frage ins Zentrum rückt, die in der laufenden KI-Diskussion auch nicht neu ist: Können Maschinen kreativ sein? Können Maschinen gar Kunst hervorbringen? 
 


Schon jetzt partizipieren Smart machines an kreativen und künstlerischen Prozessen. Längst werden mit KI-Technologien Filme hergestellt, Musikstücke komponiert und Bilder gemalt. Mehr noch: In vielen Fällen werden KI-Systeme nicht bloß als Instrumente genutzt, vielmehr agieren sie als die eigentlichen, zentralen Akteure des kreativ-künstlerischen Schaffens. Sind Maschinen also bald die besseren Künstler? 

Schon jetzt partizipieren Smart machines an kreativen und künstlerischen Prozessen. Aber sind Maschinen bald die besseren Künstler? Nein. Maschinen können sich nicht als kreative-künstlerische Entitäten begreifen. Und Künstliche Intelligenzen verfügen bislang über keine Reflexivität, kein Bewusstsein.

Die Antwort lautet: Nein. Zunächst einmal sind Maschinen überhaupt nicht in der Lage, sich als kreative-künstlerische Entitäten zu begreifen. Und sie werden das auch nicht in naher Zukunft können. Auch haben sie keinen Begriff davon, was Kunst oder Kreativität ist. Maschinen können zwar Go gegen uns spielen und KI-komponierte Musik erzeugen, Künstliche Intelligenzen verfügen bislang aber über keine Reflexivität, über kein Bewusstsein. Auch kann man Maschinen derzeit noch nicht wirklich so etwas wie Common-Sense-Wissen beibringen, wenn auch hier in letzter Zeit beachtliche Fortschritte erzielt wurden. TwentyBN zum Beispiel, ein KI-Unternehmen mit Sitz in Berlin und Toronto, hat es kürzlich geschafft, Künstliche Neuronale Netzwerke auf das Erkennen von Handlungen und Gesten zu trainieren: zum Beispiel, ob eine Person sitzt oder steht, sich auf die Kamera zubewegt oder entfernt, ob sie mit den Händen ihre Augen verbirgt oder Dinge tut, wie aus einer Tasse zu trinken.  
 


 

Diese Errungenschaft ist sicherlich mindestens so bedeutsam wie der Sieg von AlphaGo. In der breiten Öffentlichkeit nahm davon zwar lange Zeit kaum jemand Notiz. Kein Wunder, wenn ein Computer mittels einer einfachen RGB-Kamera alltägliche Handlungen und Gesten identifiziert, ist das prima facie nicht so aufregend, wie etwa das Duell Mensch gegen Maschine in einem der ältesten Spiele der Welt. Vor allem haben derartige Fähigkeiten einer Maschine scheinbar nichts mit Kreativität zu tun. 

Doch das ist ein Irrtum. Falls Computer überhaupt irgendwann mal menschennahe kreativ-künstlerische Leistungen erbringen, müssen sie zukünftig auch ihre Umwelt wahrnehmen und diesen sensorischen Input ‚verstehen’ können. Noch sind sie dazu eben kaum in der Lage. Aber das kann sich rasch ändern – wie auch jüngste Entwicklungen im Feld KI-basierter Überwachungstechnologien in China verdeutlichen. Unabhängig davon sollte man nicht vergessen: Was als Kunst und Kreativität gelten kann, liegt nicht nur im Auge des Betrachters. Das Urteil hängt von der spezifischen Materialität und Form des Artefakts ab, dem Schaffensprozess, der Kunst hervorbringt beziehungsweise die kreative Leistung ermöglicht sowie vom stummen oder nicht so stummen Dialog zwischen Werk und Welt. Der Philosoph Theodor W. Adorno hatte schon vor 50 Jahren an der Kunst unter anderem ihren Rätselcharakter hervorgehoben, dass sie als Kunst nicht zuletzt mit Blick auf ihr utopisches Potential notwendig etwas Unbegreifliches enthält. Soll unter anderem heißen: Kunst ist nicht positiv bestimmbar. 

Dass Maschinen Kunst hervorbringen, bringt aktuell aber noch eine ganz andere Frage auf den Plan, nämlich die, wer heute überhaupt noch Wertschöpfer ist, wenn Maschinen oder KI-Algorithmen selbst Kunst machen. Aktuell wurde dieser Konflikt am Beispiel des Urheber-Streits um ein Porträt mit dem Titel „Edmund De Belamy“ deutlich. Mit Hilfe eines Lernalgorithmus hergestellt ist „Edmund De Belamy“ wohl das erste Werk seiner Art, das beim renommierten Auktionshaus Christie’s versteigert wurde – und zwar für die nicht gerade geringe Summe von über 400.000 Dollar. Aus medienwissenschaftlicher Perspektive ist das Bild nicht nur wegen seines KI-Hintergrunds interessant, sondern auch deshalb, weil die Art und Weise, wie es produziert und kulturell wahrgenommen wurde, wichtiger ist als sein Inhalt. So zeigt das Porträt eine verschmiert „gemalte“ männliche Figur, die so aussieht als entstamme sie dem 18. Jahrhundert. Verantwortlich für das Bild ist eine Pariser Künstlergruppe namens „Obvious“. Laut ihrer eigenen Webseite hat sich das Kollektiv auf die Fahnen geschrieben, KI mit Kunst „erklären und demokratisieren“ zu wollen.

Der aktuelle Urheber-Streits um das Porträt „Edmund De Belamy“ wirft die Frage auf: Wer ist in Zukunft noch Wertschöpfer, wenn Maschinen oder KI-Algorithmen selbst Kunst machen? Sind das noch die Menschen, sind es schon die Maschinen? 

Dieser Anspruch passt allerdings nicht so recht zur Entstehungsgeschichte des Porträts. Denn die Pariser Künstler hatten sich eines Lernalgorithmus bedient, den eigentlich ein 19-jähriger junger Mann namens Robbie Barrat aus West Virginia entwickelt und als Open-Source-Projekt ins Netz gestellt hat. Präziser müsste man eigentlich sagen: weiterentwickelt. Denn bei der Technologie handelt es sich um ein sogenanntes Generative Adversarial Network (GAN), das ursprünglich von dem bekannten Wissenschaftler Ian Goodfellow konzipiert wurde. Jedenfalls fragte das Pariser Künstlerkollektiv Barrat, ob sie ‚seinen‘ Algorithmus für das Anliegen einer Demokratisierung der KI-Kunst verwende dürfe. Dieser stimmte zu und half sogar der Gruppe bei der technischen Umsetzung ihres Projekts. Als jedoch das mit dem neuronale Netz produzierte Porträt schlussendlich bei Christie’s versteigert wurde, war die Verärgerung des 19-Jährigen entsprechend groß. Auf Twitter schrieb Barrat am 25. Oktober 2018: „Am I crazy for thinking that they really just used my network and are selling the results?“

Seitdem wird nun debattiert, wer eigentlich der Schöpfer und Urheber des Bildes ist. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung stellte Bernd Graff zu dem Fall die These auf, dass nicht das Porträt, sondern der Algorithmus selbst als Kunst zu gelten habe. Der sarkastische Kommentar eines Humanisten könnten hierzu lauten: Wenigstens werden diese Algorithmen weiterhin von Menschen entwickelt und noch nicht von anderen Maschinen. Als Medienwissenschaftler erscheint mir aber eine ganz andere Intervention sinnvoller: Sie besteht vor allem darin, die klassische Dichotomie von Mensch versus Maschine aufzugeben und stärker in Rechnung zu stellen, dass kreativ-künstlerische Praktiken prinzipiell auf Prozessen beruhen, wo Handlungsmacht zwischen nicht-menschlichen und menschlichen Instanzen verteilt ist. Und so verhält es sich letztlich auch bei „Kunst“ generierenden Lernalgorithmen.

Die menschenähnliche oder ihnen in Sachen Kreativität und Kunst überlegene KI gibt es nicht. Noch nicht.

Was bedeutet das alles? 

Wie niemals zuvor in der Kulturgeschichte können Computer heute den Eindruck erwecken bzw. simulieren, sie können quasi-selbständig kreativ sein oder gar Kunst produzieren. Tatsächlich sind sie dazu aber nur befähigt, weil Menschen und Algorithmen diese Simulationsleistung gemeinsam zustande bringen. Ansonsten gilt:  Die menschenähnliche oder ihnen in Sachen Kreativität und Kunst überlegene KI gibt es nicht. Noch nicht. Die autonome Maschine à la Terminator ist (noch) keine Realität – ob nun mit Kanone oder Pinsel.


Hier findet ihr weitere Infos zu Andreas Sudmann

„Machine Learning. Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz“ ist soeben bei transcript erschienen

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