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Das hier ist sein Rauch-Haus

Zu Besuch bei Dr. Christian Rauch

Das hier ist sein Rauch-Haus
Photo: © Anne Freitag

Wissenschaft ist komplex und wird im digitalen Zeitalter nicht einfacher verständlich. Christian Rauch, Begründer des STATE Festivals in Berlin, setzt hier an: Er bringt Wissenschaft und Kunst zusammen – Künstler werden zu Übersetzern, vermitteln komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge und wirken so der Unübersichtlichkeit des Fortschritts entgegen. Dafür hat er das STATE Studio ins Leben gerufen, ein Ort am Kleistpark, wo Kunst und Wissenschaft sich die Hände reichen. Was können Künstler vermitteln, was Wissenschaft nicht schafft? Wir waren vor Ort. 

 

Text BORIS MESSING

 

Der Kleistpark ist eigentlich ein Etikettenschwindel. Das merkt man sofort, wenn man aus dem U-Bahnschacht ins Freie tritt und sich auf einer lärmenden Verkehrskreuzung wiederfindet – Park, wo denn? Immerhin, zum STATE Studio, das frei an einer Ecke steht, sind es nur ein paar Schritte. Christian Rauch, in Berlin kein Unbekannter, sondern Erfinder des STATE Festival, hat hier seit kurzem seine Niederlassung, das neue STATE Studio. Das Ziel: Künstler vermitteln vor Ort Wissenschaft. Wir sind mit Rauch verabredet. Mit beherztem Schwung öffnet er die Tür zu seinem Büro, aus dessen Fenstern man einen Rundum-Ausblick auf die Kleistpark-Kreuzung hat. Rauch – blaues Jeans-Shirt, Dreitagebart und ein rotes Käppi auf dem Kopf – wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Doktor der Physik mit Schwerpunkt Nanotechnologie. Mit seinen durchdringend blauen Augen und seiner offenen direkten Art gehört er zu jenem smarten Menschenschlag, nach dem man sich in der notorisch schlecht gelaunten Hauptstadt schon mal des Öfteren sehnt. Wir reichen uns die Hand, auf das lästige „Sie“ wird gleich verzichtet, dumme Fragen gibt es nicht.  

Der 38-Jährige hat in Berlin in den letzten Jahren so einige Markierungspunkte gesetzt. 2014 rief er zunächst die Initiative STATE ins Leben – eine Vorhaben zur Vermittlung wissenschaftlicher Themen durch Kunst. Gemeinsam mit Wissenschaftsinstitutionen wie dem Fraunhofer, dem Max Planck oder Helmholtz Institut erarbeiten Künstler seitdem Konzepte zur Vermittlung komplexer Technologien, die heute allesamt auf digitaler Basis funktionieren. Finanziert werden die Aktivitäten von den Forschungseinrichtungen als Partner, auch wird das Studio als Veranstaltungsraum vermietet. Die deutsche Dachorganisation für Wissenschaftskommunikation „Wissenschaft im Dialog“ unterstützt als Gründungspartner beim Aufbau. Die Künstler verdienen auch daran, indem sie zum Beispiel Künstlerstipendien von den Forschungseinrichtungen erhalten, für Ausstellungen bekommen sie Honorare. Und die Ergebnisse lassen sich seit Jahren sehen: Sie wurden in Form des STATE Festivals mehrfach einem großen Publikum präsentiert, das es seit 2014 bereits drei Mal gegeben hat. Seine neueste Variante ist das STATE Studio, das im Grunde wie eine Galerie funktioniert, die unter dem Motto „Field Experiments“ in wechselndem Turnus Kunstexponate zu verschiedenen Forschungsthemen ausstellt. Rauchs Rolle ist es, Künstler und Wissenschaftler an einen Tisch zu bringen. Kunst und Wissenschaft: Geht das zusammen? Was kann Kunst vermitteln, was Wissenschaft nicht schafft?

Im Idealfall begeben sich Künstler und Forscher bei uns auf eine gemeinsame Mission; eine Mission, die viel mit Vertrauen zu tun hat

Rauch lächelt. Wir gehen durch die Räume. Er zeigt uns alles. Immer wieder würden hier auch mal die Fetzen fliegen, sagt er. Vorurteile gäbe es schließlich auf beiden Seiten. Hier der angeblich verschrobene Künstler, in sich gekehrt, seine Kunst liebevoll besetzt, da der oft knochentrockene Wissenschaftler, der es eben genau wissen will und zum Schluss noch eine Fußnote setzt. Rauch bringt die Disziplinen zusammen, und das heißt zuallererst, Vertrauen auf beiden Seiten aufzubauen; Vertrauen darauf, dass sich eine solche Vermittlung am Ende lohnt und einen echten Mehrwert schafft. Denn viele Künstler stehen dem Fortschritt durchaus skeptisch gegenüber. „Im Idealfall begeben sich Künstler und Forscher auf eine gemeinsame Mission“, sagt Rauch.

Kunst trifft Wissenschaft, Wissenschaft trifft Kunst. Und Besucher treffen auf Künstler und Wissenschaftler - im STATE Studio. Foto: © Anne Freitag

Diese Mission ist im STATE Studio allgegenwärtig. Rauchs Räume sind 300 Quadratmeter groß. Ein Beispiel der aktuellen Ausstellung ist „Living Canvas“ der Künstlerin Fara Peluso. Gemeinsam mit dem Biotech Startup Solaga hat die Künstlerin in zwei Monaten eine Installation entwickelt, die Solagas Forschung wiederspiegeln soll. Das Unternehmen arbeitet an der Verwendung von großflächigen Algenflächen im städtischen Bereich, durch deren Fotosynthese die Qualität der Luft verbessert werden soll – kann in Berlin nicht schaden. Die Ingenieure von Solaga ließen Pelusa dabei über ihre Schulter schauen. Sie öffneten sich für eine neue Art der Kommunikation zwischen zwei Gesellschaftsgruppen, die sich professionell fast nie begegnen. Rauch hält diese Kommunikation für äußerst fruchtbar, jede Seite lerne eine neue Perspektive kennen, die breite Debatte um Zukunftstechnologien sei essentiell für ein Verständnis für die Welt von morgen. Die Frage dabei sei immer: was ist Segen, was ist Fluch? Denn jede Technologie würde das Potential in sich zur Heilung und Zerstörung gleichermaßen bergen.

Besonders greifbar wird das bei einem anderen Kunstprojekt der finnischen Künstlerin Emilia Tikka. In einer Fotoserie widmet sie sich der Genscheren-Technik CRISPR/dCAS9. Dafür hat sie zwei Monate lang mit dem Max Delbrück Centrum für molekulare Medizin zusammengearbeitet. CRISPR ist eine neue Technologie, die ein großes Heilsversprechen bereithält: die Verlangsamung des Alterns, die Ausrottung von Krebs, die Kreierung hochpotenter Lebensmittel – alles scheint mit dieser Technik möglich zu sein. In die Schlagzeilen kam sie vor kurzem aber in einem ganz anderen Zusammenhang: der chinesische Forscher He Jinakui veränderte das Erbgut von Zwillingen durch die Genscheren-Technik CRISPR und brach damit das Tabu, Versuche am Menschen zu unternehmen. Der Versuch bestand darin, die Zwillinge immun gegen das HIV-Virus zu machen. Ergebnis offen. Die ganze Wissenschaftscommunity verurteile Jiankuis illegalen Eingriff. Der Mensch, so das einhellige Fazit, dürfe sich nicht als Gott aufspielen. Zumal die Forschung noch lange nicht an den Punkt angelangt ist, um CRISPR in kontrolliertem Rahmen einsetzen zu können. 

Voller wird's nicht. Foto: © Anne Freitag

Was Christan Rauch hier fabriziert, lässt sich in der Menschheitsgeschichte beinah als Novum begreifen. Kunst und Wissenschaft waren in ihrer Entstehungsgeschichte immer Gegensätze. Das Wort téchne, ein altgriechischer Begriff, bedeutet das Können der Handwerker, erst später, ab dem 15. Jahrhundert, wurde der Handwerker auch Künstler, mit der Wissenschaft hatte er aber lange nichts gemein. Jetzt, wo die Digitalisierung wie ein aufgescheuchtes Pferd durch die Menschheitsgeschichte rennt, mag man zunächst auch nicht vermuten, dass Kunst und Wissenschaft gute Freunde werden könnten. Vor zwanzig Jahren, sagt Rauch, hätte es nicht mal eine nennenswerte Debatte über den technischen Fortschritt gegeben. Es sei nur darum gegangen, wie man Wissenschaft dem Ottonormalverbraucher erklären könne. Jetzt sei das anders. Wichtig sei darum, dass es eine Debatte darüber gibt und die Menschen auch am Fortschritt und deren Forschung beteiligt werden. STATE sieht gerade darin seine Stärke. Es geht um die Anregung zum Mitdenken und Diskutieren. Viele der Kunstexponate im STATE Studio arbeiten nach dem Prinzip „Was wäre, wenn...“ und versuchen so einen Ausblick auf die Zukunft zu geben. Ein bisschen sei das wie die US-Serie Black Mirror, meint Rauch, mit dem Unterschied, dass es auch um positive Zukunftsvisionen ginge. 

Man darf die Forschung nicht einfach nur den Forschern überlassen. So, wie die Menschen heute angesichts von Fremdenhass und Populismus angehalten sind, sich aktiv für die Demokratie einzusetzen, so muss sich auch jeder die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen. Und gerade Künstler können hier zu Übersetzern werden

Technik, Mensch, Zukunft – das ist heute nicht nur eine Frage für Wissenschaft und Expertennerds, das wird im STATE Studio exemplarisch deutlich. „Man kann die Forschung nicht einfach nur den Forschern überlassen“, sagt Rauch. Denn die seien in erster Linie Forscher und keine Ethikexperten. Und das Verständnis dafür, wie eine bestimmte Technologie im Detail funktioniert, darf sich auf keinen Expertenkreis beschränken. „Die möglichen Konsequenzen betreffen alle Menschen“. Rauch weiter: „So, wie die Menschen heute angesichts von Fremdenhass und Populismus angehalten sind, sich aktiv für die Demokratie einzusetzen, so muss sich auch jeder die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen.“ Rauch spricht auch von „Mündigkeit“ und „Verantwortung“ des Bürgers, und irgendwie erinnert einen das alles an den alten Kant. Gesellschaftlicher Druck sei eben entscheidend dafür, in welche Richtung eine Wissenschaftspolitik ausgerichtet wird. Als Beispiel nennt er den Ausstieg aus der Atomenergie 2011 nach dem Unglück von Fukushima. Oder der zunehmende öffentliche Druck, mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Rauch hat eine ungewöhnliche Karriere vor und hinter sich. Er hat schon so manchen Science Slams und Hackathon initiiert, schließlich kam die Idee mit STATE. Seine Frau, Veronika Natter und Fotografin, kümmert sich um das Galeriemanagement und Veranstaltungen, die Kulturmanagerin Johanna Wallenborn um die Ausstellung und Künstler. Rauch baute sich rasch ein Netzwerk aus Künstlern und Forschungsinstituten auf, mit denen er seine Projekte realisiert. Hier sitzt er nun und will jetzt einfach weitermachen. Eine Zielgruppe hätte er dabei gerne noch mit im Boot: Studenten. Mit der UDK will er künftig kooperieren. Studenten trifft er ohnehin fast wöchentlich, im Kater Blau, wo er gern das Tanzbein schwingt und feiert. Das ist zwar keine Wissenschaft, muss aber auch mal sein. 


Die Reportage ist Teil des neuen Printmagazins „The Big Good Future #2“, das gerade erschienen ist. Hier gibt es die komplette Ausgabe als Online-Reader.  

 

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