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Tom Bresemann: Bye-bye Welterklärung

Tom Bresemann: Bye-bye Welterklärung
Photo: © Schirin Moaiyeri

Die Digitalisierung mausert sich zu einem Buzzword angstbasierter Superlative. Aber ich glaube nicht daran, dass Digitalisierung die Literatur gefährdet, ganz im Gegenteil. Sie bietet dem Erzählen und Dichten ganz neue Spielwiesen, neue Spielregeln, neue Spielarten – und nicht zuletzt auch neue Absatzmöglichkeiten. Ein Plädoyer für neue Offenheit.
 

VON TOM BRESEMANN (Autor und Co-Leiter der Lettrétage in Berlin-Kreuzberg)


Darf ich vorstellen: Mein Name ist Tom Bresemann und ich liebe die Literatur. Und das vor allem aus einem Grund: Sie kann nämlich alles! Und sie ist überall: Denn Erzählen gehört zu den Grundelementen menschlicher Existenz, Sprache ist das einfachste ästhetische Werkzeug, sie steht jedem zur Verfügung und kostet gar nichts. Literatur hat das Potential, sich in den verschiedensten Situationen und Medien zu entfalten: Filme und Serien funktionieren über und durch ihre Mittel, Videogames greifen auf erzählerische Mittel zurück, Songs entleihen sich ihre Hooklines von dichterischen Verfahren etc. Und entgegen aller Unkerei: Literatur lebt und gedeiht prächtig! Noch immer werden in Deutschland jährlich um die 80.000 Buchtitel verkauft. Selbst das Leseverhalten handydaddelnder Jugendlicher ist nach wie vor „stabil“ – es liegt laut JIM-Studie seit 20 Jahren konstant bei rund 40 Prozent. Die Literatur bietet seit je her auch die besten Fake News, denn sie erfindet im Dienste der Wahrheit. Das postfaktische Zeitalter kann ihr nichts anhaben, denn sie selbst ist nicht nur präfaktisch, sondern gar superfaktisch. 

Was das nun mit Digitalisierung zu tun hat? Alles! Denn ich glaube nicht daran, dass Digitalisierung die Literatur gefährdet, ganz im Gegenteil, sie bietet dem Erzählen und Dichten ganz neue Spielwiesen, neue Spielregeln, neue Spielarten – und nicht zuletzt neue Absatzmöglichkeiten. Für die Verlage ist die Digitalisierung natürlich eine immense Herausforderung, sie sind zum Armdrücken mit Amazon an den Tisch gebeten worden. Der Konflikt zwischen Verlagen und Amazon spitzte sich zunächst 2014 zu, denn für monatlich 9,99 Dollar hatten Nutzer plötzlich Zugriff auf mehr als 600.000 Bücher – eine Spielwiese für die Leser. Seit letztem Jahr bewirbt Amazon nun seinen Dienst Kindle Unlimited – eine neue digitale Leihbücherei mit unbegrenztem Zugriff auf über eine Million E-Books und 2.000 Hörbücher. Schon wieder haben Verlage das Nachsehen. Erst jetzt könnte sich der Wind durch das neue Leistungsschutzrecht drehen. Denn Nachrichten-Suchmaschinen wie Google News sollen künftig für das Anzeigen von Artikel-Ausschnitten in ihren Suchergebnissen Geld an die Verlage zahlen. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass sich die Verlage durch die Digitalisierung mal etwas Neues einfallen lassen müssen: Nur 0,5 Prozent aller eingereichten Manuskripte werden von den Verlagen noch veröffentlicht, bei den großen Publikumsverlagen ist die Zahl noch geringer – das ergab eine Umfrage von Buchtalent bereits 2013. Schon darum publizieren immer mehr Autoren über Self-Publising, schon darum erschließt die Digitalisierung der Literatur neue Räume zur Entfaltung. Sie viralisiert auch die fortlaufende Suche und das Erfinden und Ausprobieren neuer Gestaltungsmittel und Rezeptionsformen. Und selbstverständlich birgt das Neue genauso Chancen wie Risiken, sowohl ästhetisch als auch ökonomisch. 

Die digitale Revolution der Literatur findet statt, ohne im Fernsehen zu laufen. Sie ist da draußen, auch und gerade in Berlin. Vor allem sind die digitalen Tools wichtige und hilfreiche Verbündete, die wir uns nutzbar machen können

Aber die digitale Revolution der Literatur findet statt, ohne im Fernsehen zu laufen. Sie ist da draußen, auch und gerade in Berlin. In den Köpfen und Körpern einer Literaturszene, die vor Ideen übersprudelt, die sich aus den verschiedensten Kulturkreisen speist und diese gegenseitig befruchten hilft. Eine Szene, die sich in neuen Formaten des Publizierens und des Zusammenseins ausprobiert. Sei es über Selfpublisherverbände, von denen es mittlerweile einige gibt, sei es über das Netzwerk der freien Literaturszenen Berlin. Und hierbei sind die digitalen Tools wichtige und hilfreiche Verbündete, die wir uns nutzbar machen können. 

Als Autor und Veranstalter gehört es von Berufswegen zu meinen Aufgaben, konstruktiv, offen und neugierig zu sein, und aktuelle Entwicklungen politisch, medialer und gesellschaftlicher Natur zu verfolgen. Ich wundere mich, woher die Skepsis der Buchszene gegenüber der Digitalisierung rührt. Hat man Angst davor, neue Antworten auf neue Fragen finden zu müssen? Steht nicht das Immer-Wieder-Fragen und Immer-Wieder-Neu-Antworten genuin jedem literarischen Gestalten und Rezipieren eingeschrieben? 

Liest, weil er's kann: Tom Bresemann ist Autor und Mitbegründer der Lettrétage in Kreuzberg, eines der führenden Literaturhäuser, zugleich Anlaufstelle und Veranstaltungsort für Autoren in der Stadt. Foto: © Schirin Moaiyeri

Wir wissen doch alle, dass es neue Lösungen braucht, auch und gerade auch ökonomisch in Bezug auf Aufmerksamkeit und Absatz. Wir alle wissen, neue Lösungen bestehen nicht darin, dass Verlage PDFs und epub-Dateien  zu verticken suchen. Und nicht, dass nun der Eindruck entsteht, ich wäre Buchhändler- und Verlegerfeind. Ich kann ebenso nicht darüber hinweggehen, dass eine Vielzahl meiner Autorfreundinnnen die Möglichkeiten der Sozialen Medien bsp. auf endloses Genöle in Kommentarstrecken herunterbricht und damit digitales Potential weitgehend brach liegen lässt. Unter meinen tausenden von Facebookfreundinnen postet nur eine Handvoll Texte oder literarische Inhalte, geschweige denn, dass sie sich digitale Tools für ihre literarische Produktion zunutze machen würden, oder gar als Selfpublisher eigene Breschen zu schlagen versuchen.

Wie können wir literarische Urheber*innen und Multiplikator*innen nun diesen neuen Lösungen näherkommen?

Schritt 1: Keine Angst vor Veränderung! Ganz im Gegenteil: Neugier und Offenheit auf Veränderung ist gefragt

Schritt 1: Keine Angst vor Veränderung! Ganz im Gegenteil: Neugier und Offenheit auf Veränderung ist gefragt. Ich habe oben deshalb von der Buchszene und nicht von der Literaturszene gesprochen, weil es eine Vielzahl von literarischen Künstlerinnen gibt, die sich eben doch abseits vom Buch auf das unterhaltsamste, cleverste und ästhetisch gewinnbringendste mit digitalen Verfahren in ihren ästhetischen Praxen beschäftigen. Ich möchte dafür ein Beispiel geben. Jazra Khaleed ist ein politischer Lyriker und Aktivist, der mitunter in Live-Performances unter Zuhilfenahme von sozialen Medien (Twitter, interaktiv über Hashtags kann das Publikum den Text live gestalten), Datenbanksoftware (Datenbanken mit eigenen und antiken Gedichten), der eigenen Stimme sowie des eigenen Körpers neue, ungewohnte Lesesituationen herstellt und auskostet. Wenn man Zeuge einer seiner Performances wird, stellt sich ein literarisches Erlebnis ein, das weit über die gängige Praxis der Lesung als Produktpräsentation hinausgeht. Unwiederholbarkeit, Performanz, Interaktion sind dabei nur scheinbar neue Themen. Denn in seinen Perfomances finde ich ebenso die ganz klassischen Funktionsweisen von Literatur (bsp. Archivfunktion, die Updates unterzogen wird) wieder. Der Zugriff auf diese Funktionsweisen ist das Neue, das Andere. Es geht also nicht um Eventisierung, es geht darum, dem, was die Faszination von Literatur ausmacht, immer wieder neu gerecht zu werden. Digitale Literatur kann so viel mehr als digitalisierte, wenn man ihr offen begegnet – in Produktion und Rezeption. 

Schritt 2: Willkommen im Offenen! Bye-bye Welterklärung, nichts muss gelehrt und gelernt werden. Keine Angst vorm Scheitern, es gilt, die ewige Besserwisserei freudig zu verabschieden und nach neuen Ideen literarischer Produktion und Vermittlung zu suchen

Schritt 2: Willkommen im Offenen! Bye-bye Welterklärung, nichts muss gelehrt und gelernt werden. Das bedeutet auch, keine Angst vorm Scheitern zu haben. Es gilt, die ewige Besserwisserei freudig zu verabschieden und nach neuen Ideen literarischer Produktion und Vermittlung zu suchen. Kann nicht jeder von uns über geteilte Faszination und Erwecken von Neugier, über das Like und Share offener Vermittlung auf Augenhöhe deutlich stärkere Keime pflanzen, als derjenige, welcher durch Überlegenheitsgesten und Welterklärungsgehabe sucht, Macht und Legitimation zu festigen? Kann nicht jede Veranstalterin, die offen und integrativ gemeinsam mit den vielen Aktivistinnen der freien Szene der Stadt ganz andere Ziele erreichen, als diejenigen, die meinen, man müsste die Literatur vorsortieren und kommensurabel machen? Ich glaube an digitale Verfahren und Tools als Wegbegleiter ins Offene! Offenheit ist es, die „gute“ Literatur und „gutes“ Vermitteln von Literatur ausmacht, nicht der Bildungskanon, das Renommé eines Verlages oder die Verkaufszahlen von Holzfasern. 

Schritt 3: Einfach losgehen, Augen auf und durch! Eine Welt wartet darauf, entdeckt und verkostet zu werden

Schritt 3: Einfach losgehen, Augen auf und durch! Eine Welt wartet darauf, entdeckt und verkostet zu werden. Ein spannender und impulsgebender Bestandteil dieser unentdeckten Welt ist eben die digitale Landschaft, die direkt um die Ecke liegt oder in jeder Hand: Blogs, Insta-feeds, Soundcloud-Dateien, Apps literarischer Magazine wie beispielsweise „OR“ – und warum eigentlich nicht das Smartphone und seine Apps als Lesewerkzeug begreifen, warum nicht beim Naheliegenden anfangen? Es geht hier nicht um patriachale Landnahme, nicht um Kolonisation der Körper und Geister, nicht um Macht- und Raumergreifung! Es geht darum, die Aussicht einzusaugen, die Landschaft aufmerksam zu durchstreifen, sie fruchtbar zu machen ohne ihre Flora und Fauna zurechtzustutzen. Gehen wir neue Wege. Aber bitte verlassen Sie die Wege und Kommentarstrecken auch so, wie Sie sie wieder vorfinden möchten, sehr geehrte Damen und Herren!  


Profil von Tom Bresemann auf Creative City Berlin

Category: Specials

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