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"Alles fing mit Scheißgefühlen an“

"Alles fing mit Scheißgefühlen an“
Photo: © Marie Jacob

DIE GLOCKE“, ein Designobjekt aus „Die SHITSHOW – eine Ausstellung über Scheißgefühle.“

Fortschrittsglaube, permanente Verfügbarkeit und dauerhaftes sich Aktivieren – das ist die eine Seite der modernen Arbeitswelt. Die andere ist: Immer mehr Menschen leiden an Depressionen, Angststörungen und psychischen Krankheiten, reden wollen darüber die wenigsten. THE SHITSHOW, Berliner Kommunikationsagentur "für psychische Gesundheit", wird da laut, wo die meisten flüstern: Sie macht „Scheißgefühle“ smalltalktauglich, baut Depressionen und Angststörungen zum Anziehen und hält Workshops für Betroffene. SHITSHOW, das sind Nele, Johanna und Luisa. Jetzt haben die drei eine interaktive Pop-Up-Ausstellung organisiert. Was kann Produkt- und Kommunikationsdesign leisten, was eine Gesellschaft nicht schafft? 


INTERVIEW Jens ThOMAS 

 

CCB Magazin: Hallo, Nele, Johanna und Luisa. 8,7 Mio. Menschen sind in Deutschland mittlerweile an Depressionen und Angststörungen erkrankt. Ihr habt dazu ein „psychoedukatives Präventionsformat“ entwickelt. Was genau ist das und wem hilft es? 

SHITSHOW:Beim „psychoedukativen Präventionsformat“ handelt es sich um eine interaktive Pop-Up-Ausstellung, in denen die Besucher*innen vier Designobjekte, die MOODSUITS®, ausprobieren können. Die MOODSUITS® sind auf Basis von Befragungen Betroffener von Depressionen und Angststörungen sowie den Symptomdarstellungen im ICD 10 entstanden und geben ausgewählten psychosomatischen Symptomen, die mit einer Depression oder einer Angststörung einhergehen können, eine Form. Die Ausstellung heißt „Die SHITSHOW – eine Ausstellung über Scheißgefühle.“

CCB Magazin: Bitte was? 

SHITSHOW: Scheißgefühle, die wir erstmal alle kennen, und die – längerfristig – eben auch chronisch werden können. Dann bezeichnet man sie als Depressionen oder Angststörungen. Mit den MOODSUITS® möchten wir es Nichtbetroffenen einfacher machen, Betroffene zu verstehen und Empathie zu entwickeln, aber auch die allgemeine Früherkennung von Symptomen verbessern. Depressionen und Angststörungen gehören nämlich mittlerweile zu den zentralen Ursachen für Lebensbeeinträchtigungen weltweit – Tendenz steigend. Vor allem junge Menschen sind zunehmend betroffen, holen sich aber meistens erst dann Hilfe, wenn die Erkrankung bereits auf dem Weg ist, chronisch zu werden. Hier setzt die Ausstellung an. Und das alles in einer zugänglichen Ästhetik, ohne die übliche Schwere.

Objekt „DER WÜRGER“ aus der aktuellen Aussstellung 
 

CCB Magazin: Kann man eure MOODSUITS® denn wirklich tragen? Sie sehen nicht so aus, als käme man damit problemfrei durch die Innenstadt. 

SHITSHOW:Es geht ja nicht darum, dass man sie im Alltag trägt. Das Design ist bewusst überdimensioniert. Nimm zum Beispiel „DIE GLOCKE“, ein Designobjekt, das man wie einen Helm aufsetzen kann. Sie macht das Gefühl der depressiven Abgeschiedenheit, der Dumpfheit und Einsamkeit körperlich erfahrbar. Oder „DER WÜRGER“, eine Art schwerer Kette, die man verkehrt herum um den Hals hängt und die mit einer kleinen, eingearbeiteten Holzkugel auf den Hals des Tragenden drückt. Sie macht das mit einer Angststörung häufig einhergehende Engegefühl im Hals - Ärzte nennen es Globusgefühl - nachfühlbar. Die MOODSUITS® basieren auf dem in kognitionswissenschaftlicher und psychologischer Forschung erforschten Embodiment-Konzept, das vereinfacht gesagt die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper untersucht. Gefühle und Wahrnehmungen haben demnach immer auch körperliche Auswirkungen – mit einer Depression oder Angststörung fühlen wir uns schwer, niedergedrückt, beklemmt oder wie hinter einer Milchglaswand, von der Welt abgeschnitten. Uns war es wichtig, psychische Erkrankungen aus der Betroffenheitsecke zu holen und deutlich zu machen, dass sie jeden treffen können.

Depressionen und Angststörungen gehören mittlerweile zu den zentralen Ursachen für Lebensbeeinträchtigungen weltweit – Tendenz steigend. Reden darüber wollen die wenigsten. Vor allem junge Menschen sind zunehmend betroffen, holen sich aber meistens erst dann Hilfe, wenn die Erkrankung bereits auf dem Weg ist, chronisch zu werden

CCB Magazin: Wie kam die Idee dazu überhaupt auf? Darf ich fragen, ob ihr selbst betroffen seid? 

SHITSHOW:Natürlich darfst du das fragen. Die Idee entstand zunächst im Dialog zwischen uns dreien: Johanna hat Erfahrungen mit Angststörungen, Nele hat Erfahrungen mit Depressionen und Luisa hat Erfahrungen mit Johanna und Nele. Wir haben uns viel mit der Frage beschäftigt, wie man es Nichtbetroffenen erleichtern kann, psychische Erkrankungen als „reale Erkrankungen“ wahrzunehmen. Die MOODSUITS® dienen hier als Brücke, die die Verständigung zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen erleichtern soll.

CCB Magazin: Eure Objekte wurden gemeinsam mit Produktdesignern der Universität der Künste entwickelt. Ihr setzt dabei „auf das körperliche Erleben der Besucher*innen“. Wie kann man sich das vorstellen? Was erleben die Besucher genau? 

SHITSHOW:In der Gesellschaft ist das Thema ein Tabu. Indem wir es konzeptionell öffnen, zeigen wir, dass man mit dem Problem nicht alleine ist – oder sein muss. Schon alleine darum richten wir uns an ein breites Publikum: an Lehrer*innen oder psychosoziale Berater, an Therapeuten und Ärzte. Aber auch an Schüler*innen, Selbsthilfe- und Angehörigengruppen. Neben der Ausstellung bieten wir im Übrigen auch Workshops im Themenfeld der psychischen Gesundheit an. Und die Reaktionen sind bisher sehr positiv. Vor allem viele im Gesundheitswesen arbeitende Personen finden unseren Ansatz spannend, um in ihrer täglichen Arbeit mit Betroffenen und Angehörigen für die Symptome zu sensibilisieren. Betroffene geben häufig das Feedback, dass sie sich durch unseren Ansatz empowert fühlen. Besonders schön ist auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, da diese das körperliche Erleben mit den MOODSUITS® häufig intuitiv mit ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen abgleichen, sich öffnen und über ihre Probleme sprechen. Bei einer Ausstellung in einer Tagesklinik kam beispielsweise eine betroffene Tochter mit ihrer Mutter und sagte nach dem Ausprobieren: „Siehst du Mama, so fühlt sich das an wenn Papa immer sagt ‚Jetzt lass den Kopf doch nicht so hängen!’ – ich versuche es ja, aber ich kann es einfach nicht, weil es mich so runterdrückt.“ Die Mutter wollte daraufhin unbedingt gemeinsam mit dem Vater die Ausstellung besuchen. Das sind tolle Erlebnisse, die uns in unserer Arbeit bestärken.

SHITSHOW: Nele, Johanna und Luisa. 

CCB Magazin: Studien ergaben, dass gerade die moderne Arbeitswelt, ihre Schnelligkeit und die zunehmenden Unsicherheiten psychische Krankheiten bedingen. Die Gefahr, einen Unfall auf der Arbeit zu erleiden, ist in Deutschland auf ein historisches Tief gesunken. Die Zahl der Arbeitnehmer dagegen, die wegen psychischer Leiden und Verhaltensstörungen ausfallen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ist eure Arbeit und die Ausstellung eine Kritik an der heutigen Arbeitswelt, die im Zuge permanenter Verfügbarkeit auf einem Immer-schneller-immer-weiter basiert? 

SHITSHOW: Das ist eine spannende Frage – und sie ist gar nicht so einfach zu beantworten. Gerade was die Ursachen psychischer Erkrankungen angeht, teilt sich die öffentliche Meinung ja nach wie vor sehr in die Lager derjenigen, die sie vor allem in der Biologie des Menschen begründet sehen und derjenigen, die unsere Lebenswelt als Ursache in den Fokus rücken. Wir möchten darauf keine einfachen Antworten geben, glauben aber, dass die Ursachen für psychische Erkrankungen nur multifaktoriell sind – es spielen sowohl biologische Faktoren als auch unsere moderne Lebenswelt, stetige Verfügbarkeit, ständige Selbstmotivation und Leistungsdruck eine Rolle. Wir machen es uns unserer Meinung nach aber zu einfach, wenn wir den psychisch erkrankten Menschen nur als die Summe dysfunktionaler biologischer Vorgänge oder nur als „fehlangepasstes Individuum“ an die Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes betrachten. Genau diese Unterscheidung möchten wir mit unserem körperzentrierten Ansatz aufbrechen. Wichtig ist uns, dass man eine psychische Erkrankung in ihrer Komplexität ernstnimmt: Da ist etwas nicht im Lot, von innen und von außen. Die äußeren Umstände beeinflussen da das Innere, psychische Gleichgewicht und andersherum.

Ein System, das Menschen einzig und allein als austauschbare Arbeitskräfte definiert, fördert den psychosozialen Druck, fördert Unsicherheit und damit auch die Anfälligkeit für psychische Krisen 

CCB Magazin: Ihr seid Designer. Eine Tendenz der letzten Jahre ist es, dass Designer zunehmend nachhaltig produzieren, sprich ökologisch oder fair-sozial – und mittlerweile sogar Nachhaltigkeitsformate mit neuesten Technologien verknüpfen. Die subjektive Arbeitsforschung untersucht dagegen eine ganz andere Form der Nachhaltigkeit: sie fragt nach einer „Subjektivierung der Nachhaltigkeit“ im Sinne der Ressource Mensch. Es geht also darum, wie das Subjekt in der modernen Arbeitswelt selber geschützt werden kann - vor sozialer Ungleichheit, permanenter Verfügbarbeit etc. Brauchen wir einen neuen Blick auf die Nachhaltigkeit, die sich wieder mehr den Belangen der Arbeitssubjekte annimmt? 

SHITSHOW:Unbedingt! Dazu gibt es ja mittlerweile auch wichtige Beiträge, die genau diese Konzeptualisierung von Nachhaltigkeit in den Blick nehmen. Ein System, das Menschen einzig und allein als austauschbare Arbeitskräfte definiert, fördert den psychosozialen Druck, fördert Unsicherheit und damit auch die Anfälligkeit für psychische Krisen. Antworten auf das wachsende psychische Leid in einer Gesellschaft können daher nie nur individuell sein, sondern müssen das soziale Gefüge als Ganzes in den Blick nehmen.

CCB Magazin: Wie müsste eine Gesellschaft aussehen, damit es ein Projekt wie eures gar nicht braucht?

SHITSHOW:Eine solche Gesellschaft würde sowohl auf individueller als auch auf gemeinschaftlicher Ebene vor der Entwicklung schwerwiegender psychischer Krisen schützen. Dafür müsste, ganz basal, die psychotherapeutische Grundversorgung für Hilfesuchende verbessert und ausgeweitet werden. Hilfsangebote wären schneller auffindbar und leichter zugänglich. Außerdem müsste das Wissen über den Erhalt und die Wiederherstellung der eigenen psychischen Gesundheit bereits in den Schulen vermittelt werden – Großbritannien hat in diesem Jahr das Schulfach „psychische Gesundheit“ eingeführt, ein Beispiel, dem man folgen sollte. Eine resiliente Gesellschaft – gerade auch in Zeiten des technischen Fortschritts – ist eine Gesellschaft, die jedem ein Leben in Würde und mit der notwendigen materiellen Sicherheit garantiert: Armut und prekäre Lebensumstände sind mit die größten Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Erkrankungen – und davor sind gerade viele Kreativschaffende nicht ausgenommen.


Profil der SHITSHOW auf Creative City Berlin

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