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Omsk Social Club: Kein Geld regiert ein Rave

Omsk Social Club: Kein Geld regiert ein Rave
Photo: © Mike Tsolis 2019

Eine Veranstaltung ohne Geld? Ein Rave mit anderen Identitäten? Der Omsk Social Club in Berlin macht das möglich, ein Kunst-Kollektiv, das sogenannte Kryptoraves mit einer Open-Source-Kryptowährung veranstaltet. Klingt skurril, ist es auch. Wir wollten wissen was sich dahinter verbirgt und was Kryptoraves sind. Und was hat das mit einer Open-Source-Kryptowährung zu tun? Wir haben mit ´O´ gesprochen, wir wissen nicht mit wem, aber er oder sie hieß zumindest ´O´. 

 

INTERVIEW Kora Annika Böndgen

 

CCB Magazin: Hallo, O! Ihr habt eine eigene Kryptowährung und veranstaltet damit sogenannte Kryptoraves. Was hat es damit auf sich? Was passiert dort?

O! Zuerst einmal: Wir haben keine eigene Kryptowährung. Denn Kryptowährungen sind zunächst einfach nur digitale Anlagen, die entwickelt wurden, um als Tauschmittel zu fungieren. Bei uns geht es um kryptische Verschlüsselungen, die als Transaktionen für die Veranstaltung dienen. 

CCB Magazin: Ok, dann organisiert ihr mit einer Open-Source-Kryptowährung so genannte öffentliche Kryptoraves? 

O!Das ist richtig. Seit 2018 haben wir gemeinsam mit der !Mediengruppe Bitnik und verschiedenen anderen Partnern zehn öffentliche Kryptoraves veranstaltet.

CCB Magazin: Und ein Kryptorave ist was? 

O!Ein Kryptorave ist eine Rave, der über einen sogenannten 'Monero'-Miningpool orchestriert wird, der auf unserer Webseite eingebettet ist. Und Monero' (XMR) ist eine im April 2014 gegründete Open-Source-Kryptowährung, die sich auf Datenschutz und Dezentralisierung konzentriert. 

CCB Magazin: Klingt verrückt, aber kannst du mal erklären, wie das genau funktioniert? 

O! Na klar! Monero' zielt darauf ab, das Design bestehender Kryptowährungen zu verbessern, indem Absender, Empfänger und Betrag jeder getätigten Transaktion verdeckt werden und der Mining-Prozess gleichberechtigter abläuft. Unseren Mining-Prozess findet ihr übrigens hier: https://0b673cce.xyz/. Um den vollen Zugang zum Kryptorave zu erhalten, musst du deine Tickets suchen: Normalerweise nimmt das elf Stunden deiner Computerleistung in Anspruch. Auf dem Weg dorthin erhältst du eine neue Identität, den Ort und das Datum, Informationen über Kryptokulte und -theorien und alles andere, was für den jeweiligen Rave relevant ist. 

Cryptorave#9 Image Coutesy of Omsk Social Club and !Mediengruppe Bitnik. Fotos: Mike Tsolis 2019


CCB Magazin:Ich hab's immer noch nicht ganz verstanden. Was bedeutet nun "Mining"?

O! Das Mining ist in Kryptowährungsnetzwerken eine Form der Validierung von Transaktionen. Und erfolgreiche Miner werden hierfür mit Kryptowährungsanlagen belohnt. Einige Miner bündeln dazu ihre Ressourcen und stellen ihre Rechenleistung für ein Netzwerk von Benutzern zur Verfügung, so zum Beispiel wir. Und die Benutzer 'minen' dann zusammen. Sie kombinieren die Rechenleistung und teilen die Belohnung gerecht auf, abhängig davon, wie viel Arbeit oder Power sie zur Wahrscheinlichkeit beigetragen haben, einen Block zu finden.  

Wir organisieren so genannte öffentliche Kryptoraves. Dabei spendest du normalerweise 11 Stunden deiner Computerleistung, um vollen Zugang auf den Kryptorave zu erhalten. Auf dem Weg dorthin erhältst du eine neue Identität, den Ort und das Datum

CCB Magazin: Es geht also nicht nur um das Mining der Kryptowährung, sondern auch um das Kreieren eines Charakters, der dann am Abend verkörpert wird? Was steckt dahinter und wie genau kann ich mir das vorstellen?

O! Die Kryptorave-Szene ist sowohl ein politischer als auch ein sozialer Raum. Um diesen Raum zu schützen und eine Struktur von Insidern und Außenseitern zu vermeiden, haben wir uns als Community dazu entschieden, alle Kryptoraves als Räume des Real Game Plays (RGP) zu gestalten. Beim Real Game Play schaffst du eine Metastruktur von dir selbst und deiner neuen Identität. Wir veranstalten dazu sogar Workshops vor Beginn des Raves, an denen du teilnehmen kannst, um deine Identität für dich besser definieren zu können und um deine Community vor dem Rave zu treffen. Uns geht es darum, das Leben aus der Faszination heraus wieder anzueignen. Was jenseits des üblichen Wahrnehmungszustands liegt, basiert in der Regel auf kognitiven Emotionen und Erfahrungen. Real Game Play ermöglicht es uns, das Bewusstsein als eine Form der direkten Aktion zu nutzen, um für einen längeren Zeitraum in einem anderen Modus, einer anderen Idee oder einem anderen Leben zu leben.

CCB Magazin: Entschuldigung, wenn ich falsch liege, ich verstehe euch zunächst als Performance-Kollektiv. Wenn ich an Performance-Kollektive denke, denke ich nicht in erster Linie an das Organisieren von Raves. Was ist das Performative an eurer Arbeit?

O! Ich würe sagen, wir sind ein Kunst-Kollektiv. Das Performative an unserer Arbeit besteht aber darin, Leute auf den Kryptoraves dazu zu bringen, eine eigene Geschichte zu spielen. Der Omsk Social Club hat sich schon immer als Praxis für Rollenspiel verstanden. Im Jahr 2016 haben wir mit den ersten Arbeiten begonnen, zunächst im Privaten mit Geschichten und Anekdoten aus dem Leben. 2017 sind wir dann mit PLAY RAVE bekannt geworden. Das war ein illegaler Rave außerhalb von Zürich, der um Mitternacht startete und sechs Stunden lief. Den Spielern wurden zufällige Charaktere zugewiesen, die aus dem Betrachten von und Sprechen mit vier verschiedenen Generationen von Crews, DJs, Produzenten, Tänzern und Kultfiguren in Zürich entstanden sind, die seit den 1980er Jahren illegale Raves veranstaltet hatten. Sie wurden über ihr Leben, ihre Erinnerungen, ihre Ängste und ihr Scheitern befragt. Im Anschluss wurden die Namen geändert, die Einstellungen blieben aber die gleichen. Vermischt mit politischen Phänomenen haben wir so 400 Identitäten geboren, die spielten, tanzten, in alternativen Staaten herumstreunten und hinterfragten, was real war und was nicht. Das war unser erstes partizipatives Rollenspiel, in das wir uns gegenseitig miteinbezogen haben. Wir wussten, dass es keine Performance war, wir wussten aber auch, dass wir mit dieser Veranstaltung einzigartig waren. 

Real Game Play ist der Akt, eine Metastruktur von dir selbst und deiner neuen Identität zu schaffen. Es erlaubt dir, Klarheit als eine Form der direkten Aktion zu nutzen, um für einen längeren Zeitraum in einem anderen Modus, einer anderen Idee oder einem anderen Leben zu leben

CCB Magazin: Du hast gesagt, dass ich die Kryptowährung minen muss, um an einem Kryptorave teilnehmen zu können. Das Mining ist also eine Art Währung. Wenn wir uns die Geschichte des Geldes ansehen, wurde das Papiergeld bereits im 11. Jahrhundert während der Song-Dynastie in China erfunden. Vor mehr als 20.000 Jahren bezahlten unsere Vorfahren in Westeuropa wahrscheinlich mit kleinen Steinäxten. Nun lag im Jahr 2018 der Bargeldumsatz in Deutschland laut einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI erstmals unter dem bargeldlosen Umsatz. In vielen anderen Ländern ist es bereits üblich, selbst kleinste Beträge mit Karte zu bezahlen. Kryptowährungen wie Bitcoin haben sich zwar noch nicht etabliert, weil die Währungen zu instabil sind und vor allem von den Banken nicht akzeptiert werden. Sind eure Performances eine Kritik am Kapitalismus? Ist es euer Ziel, das Bargeld abzuschaffen?

O! Nein, auf keinen Fall. Geld abzuschaffen würde die Ungleichheit, Unterdrückung, Klassifizierung, den Sexismus oder Rassismus, die dahinter stecken, gar nicht beenden. Geld ist nur die sichtbare Fährte und die Materialität des Problems. Unser Ziel ist es, Räume für immersives und experimentelles Denken zu schaffen, um Zustände einer Fiktion oder einer noch nicht gelebten Realität hervorzurufen. Alles ist einzigartig, spontan und ungeprobt in diesen Räumen – der Kryptorave ist da nur ein Beispiel. In der Vergangenheit haben die Real Game Plays des Omsk Social Club Themen wie Ravekultur, Survivalism oder Prepper, falsche Netzidentitäten alias Catfishing, Begehren und Aufopferung, Positive Trolling, algorithmische Strategien und natürlich dezentrale Kryptowährungen aufgegriffen und bespielt.

CCB Magazin: Aber steht dahinter nicht zumindest eine Form der Kritik an den Finanzsystemen? 

O! Wir sind ein politisches Kollektiv. Aber zu sagen, dass wir Kryptoraves als Kapitalismuskritik organisieren, wäre zu weit gefasst. Vor allem, weil das, was wir erschaffen, sehr spezifisch und subjektiv ist. Wir experimentieren mit dem potentiell Anderen, sei es dem anderen Selbst oder einer anderen Welt. Das kann man als Kritik verstehen, zugleich ist es die Geburt von etwas Neuem – und eine Zerstörung all jener Systeme, von denen wir denken, sie zu kennen. Wir wollen das Geld nicht abschaffen. Unser Ziel ist es, Räume für immersives und experimentelles Denken zu schaffen, um Zustände einer Fiktion oder einer noch nicht gelebten Realität zu induzieren.


CCB Magazin: Unsere neueste Ausgabe "The Big Good Future #2" beschäftigt sich mit dem Thema Digitalisierung. Einerseits stärkt sie die Monopolstellung von Großunternehmen und Investoren. Autoren wie Thomas Ramge fordern darum sogar eine Daten-Sharing-Pflicht. Andererseits ermöglicht sie neue Formen des kollaborativen Arbeitens, auch Finanzierungsansätze wie Crowdfunding oder bringt eben Kryptowährungen hervor. Was denkst du: Löst die Digitalisierung Machtstrukturen auf oder verstärkt sie diese erst?

O! Das hängt immer davon ab, wie man digitale Mittel einsetzt. Unsere Praxis wäre nicht möglich ohne die Digitalisierung und ihre Fähigkeit, uns mit anderen zu verbinden. Für uns ist das Digitale ein Werkzeug, um uns zu organisieren und um Menschen in ihrem analogen Lebensraum zu erreichen. Wir glauben nicht, dass es eine Wahl zwischen entweder oder gibt. 

CCB Magazin: Jetzt bin ich neugierig. Ich will zu eurem nächsten Cryptorave! Wo gibt‘s die Infos?

O! Ich würde sagen, warte, bis sie zu dir kommen. Alles findet seinen Weg, um zur richtigen Zeit bei den richtigen Leuten zu sein. Erst dann beginnt das Mining. Falls du nicht an dein Schicksal glaubst, haben wir auch eine Mailingliste.  


Das Interview ist Teil einer Reportage des Autors Julian Kamphausen, die gerade im neuen Printmagazin The Big Good Future #2erschienen ist. 

 

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