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kling klang klong: Hörst du, wie der Baum spricht?

kling klang klong: Hörst du, wie der Baum spricht?
Photo: © KLONG

Natur, Technik, Kunst und Hörgenuss waren einst Gegensätze. Bei kling klang klong fließt alles zusammen: technologische Neuerungen werden zur Naturerfahrung, interaktive Anwendungen zum neuen Naturerlebnis. Wir haben das Klangkollektiv an ihrer Wirkungsstätte besucht und wollen wissen: Wie klingt die Natur? Und wie lassen sich Natur und Technik so verbinden, dass experimenteller Hörgenuss entsteht? Ein Besuch in Berlin-Friedrichshain.
 

Text Jens THOMAS 

 

Mein erster Gedanke: Nimm bloß den Hund weg. Ich klingle bei klong – so steht es auf dem Klingelschild. Ich bin verabredet mit dem Klangkollektiv kling klang klong aus Berlin-Friedrichshain, und der Hund gibt einfach keine Ruhe. Die Tür öffnet „Pepper“, eine junge Frau, schlanke Statur, mit Tattoos versehen und dem Hund an ihrer Seite. „Der ist nur aufgeregt“, sagt Pepper klärend, während sie den Hund von meinem Bein losreißt. Ich lächele, trete ein, gebe mich entspannt, jetzt bin ich ja erst mal drin. „Hallo!“, „hallo", sagen wir beide. Ich bin angekommen in der kling-klang-klong-Wirkungsstätte, bei einem der bedeutendsten Klangkollektive, die Berlin derzeit zu bieten hat. 

„Pepper“ führt mich durch die Räume. An der ersten Tür kommt uns Fernando entgegen, ein Mann mit tiefsitzenden dunklen Augen und noch tieferer Stimme, 30-Tage Bart, Musiker und einer von Neun. kling klang klong, die kennt man, wenn man sich mit Musik und experimenteller Klangkunst beschäftigt: gegründet 2015 wurden sie 2017 vom u-Institut als Kreativpiloten ausgezeichnet. Sogar im Futurium waren sie schon zu sehen, mit ihrem Projekt „I’m not a Robot“ im Rahmen der Werkstattwochen. Aktuell sind drei weitere Exponate zum Thema Künstliche Intelligenz Teil der Ausstellung im neuen Futurium Lab, das seit September geöffnet hat. kling klang klong, das sind Johannes Helberger, Valentin von Lindenau, Felipe Sanchez Luna, Maurice Mersinger, Julien Herion, Fernando Knof und Pepper. „Ein bunter Haufen“, gibt Johannes Helberger zu verstehen. „Eine Ansammlung verschiedenster Talente und Fähigkeiten“, ergänzt Fernando. Er selbst ist seit 2017 dabei. Fernando hat Musik- und Kulturwissenschaft studiert. Fernando spielt Geige, Posaune, Schlagzeug. Seitdem er hier ist, komme er kaum noch zum Musizieren – er arbeitet als Konzepter. Ein anderer Gründer ist Programmierer, insgesamt gibt es vier Gründer, die alle gleichberechtigt Geschäftsführer sind. „Wir arbeiten alle auf Augenhöhe“, betonen Pepper und Fernando einstimmig. 

 Wir wollen über Klangwelten Zugänge und Räume schaffen, die neue Erlebniswelten sind

kling klang Hund. „Wir sind ein bunter Haufen und eine Ansammlung verschiedenster Talente und Fähigkeiten“. Fotos: Jens Thomas 

Wie arbeitet ein Team wie kling klang klong? Wir gehen in den Besprechungsraum. Hier knarzen die Dielen unter den Füßen, alles erinnert ein wenig an Good-Old-East-Berlin, der Rest des Büros ist mit Teppichen ausgelegt. „Das ist gut für den Sound“ sagt einer, der gerade hereinkommt. Ansonsten steht überall Technik und Equipment. Im Flur sitzt eine junge Frau mit Kopfhörern und versinkt in musikalischen Untiefen, im Nachbarraum macht sich der Rest des Teams konzentriert hinter summenden Rechnern gemütlich. Fernando erklärt das klong-Konzept: „Uns ist wichtig, dass wir mit dem, was wir machen, zufrieden sind“. Pepper ergänzt, dass kling klang klong im Grunde wie eine Familie wäre, die stetig wachse: Gehen mehr als 80 Prozent aller Startups in den ersten drei Jahren Pleite oder scheitern, läuft es bei kling klang kling gerade erst an - angefangen hat man zu viert, jetzt ist man zu neunt. Das Team hat sich zur Zusammenarbeit eine Art „Manifest“ geschrieben, wie und mit wem man arbeiten wolle und wie man auch selbst arbeiten will. „Keiner beutet sich bei uns selbst aus“, unterstreicht Fernando. Und zu den Auftraggebern gehören zwar auch große Unternehmen wie Google, aber eben auch andere wie Tamschick, flora fauna, Axiona und viele Museen oder das Futurium. „Wir wollen über Klangwelten Zugänge und Räume schaffen, die neue Erlebniswelten sind“, sagt Fernando. Die Schnittstelle von Natur und Technik stehe im Vordergrund, es gehe darum, wie der technische Fortschritt Mensch, Gegenwart und Zukunft verändert: Wie bringt man Mensch, Natur und Technik über Klang in Einklang? Ein Projekt ist beispielsweise Meandering Rivers. Das Projekt wurde zunächst vom Berliner Designstudio onformative initiiert, die sich mit mäandernden Flüssen beschäftigten und die Strömungen in einer Simulation visualisierten. kling klang klong produzierten daraufhin die Musik für die Visualisierung und entwickelten im Anschluss ein KI-Forschungsprojekt. Dazu wurden zunächst basierend auf einem neuronalen Netz von Google drei verschiedene Aufnahmen von drei verschiedenen Pianisten gesammelt, die zu entsprechenden Bildwelten improvisierten – im Anschluss wurden die Bildwelten als grafische Partituren verwendet und eine entsprechende AI wurde so programmiert, dass sie eine eigene Charakteristik entwickeln konnte. Das Ergebnis: Die AI spuckte eigene Kompositionen aus, worüber die Eigenschaften von Flüssen und Wasser wiedergegeben wurden: komplexe Ströme, Ebbs oder der Wasserfluss konnten mit Pixeln und Bytes dargestellt werden. Und die Datenpakete wurden so angeordnet, dass unvorhersehbare Ströme entstehen – die Natur machte im wahrsten Sinne des Wortes selbst die Musik. Landschaften wurden zu Naturgewalten, die hörbar sind. 

Bei kling klang klong steht die Schnittstelle von Natur und Technik im Vordergrund, es geht darum, wie der technische Fortschritt Mensch, Gegenwart und Zukunft verändert: Wie bringt man Mensch, Natur und Technik über Klang in Einklang?

 

Das Projekt Meandering Rivers: eine AI spuckt eigene Kompositionen aus, worüber die Eigenschaften von Flüssen und Wasser wiedergegeben werden - die Natur macht zum Schluss selbst die Musik.

kling klang klong bringen Zukunftsfragen der Gegenwart auf eine neue Stufe. Oft nur symbolisch, performativ, „wir sind keine Forscher“, gibt Fernando zu verstehen. „Aber das, was wir tun, beeinflusst durchaus die Forschung“. Und oft veränderten die entsprechenden Forschungsergebnisse sogar die eigene Arbeit. So hat man zum Beispiel für einen großen Autohersteller E-Car-Sounds erstellt, worüber ein Simulator im Rahmen eines Innovationslabors für Zukunftsfragen gebaut wurde. „Das haben wir dann einfach selber weiterentwickelt, weil die Fragen, die sich daraus ergaben, so spannend waren“, sagt Fernando. Denn es ging darum, wie man mit Sound im Stadtverkehr umgeht: Wie viel Sound muss überhaupt noch sein? An einer anderen Stelle wurden im Projekt FJORD & BÆLT in Zusammenarbeit mit dem Studio Art + Com die lokalen marinen Ökosysteme des Großen Belt untersucht. Der Große Belt (dänisch: Storebælt) ist die Meeresstraße zwischen den dänischen Inseln Fünen im Westen und dem Seeland im Osten. Hierzu hatten kling klang klong in einem offenen Forschungslabor in Kerteminde/Dänemark eine mehrkanalige Klanglandschaft geschaffen, die Naturkräfte reflektiert, und die das Leben unter Wasser beeinflussen kann – und womit sich etwa Wale in den Gewässern über Klänge wohlfühlen. „Die Struktur der Zusammensetzung basierte auf Umweltdaten, die 2016 in der Nähe der Forschungsstation erfasst worden sind. Und zu den Messgrößen gehörten unter anderem Mondphase, Sonnendauer, Monddauer, Meeresspiegeldruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit“, unterstreicht Fernando. Entstanden ist zum Schluss eine Partitur. Originalaufnahmen aus der Forschungsstation lieferten das Ausgangsmaterial für neue Klangfarben, so wird das Motorbrummen einer vorbeifahrenden Fähre zum Beispiel zu einem musikalischen Bordun, die klickenden Geräusche von Schweinswalen zu einer reichen Klangtextur. 

 

 
Das Projekt FJORD & BÆLT: hierüber werden Naturkräfte reflektiert,  die das Leben unter Wasser beeinflussen können

Natur, Technik, Kunst und Hörgenuss, das waren in der Geschichte einst Gegensätze, bei kling klang klong sind sie Gegenwart und bereiten auf eine Zukunft vor. So war es im 18. Jahrhundert zum Beispiel unüblich und stellenweise sogar verfemt, Natur und Musik zu verbinden. Komponist Johann Sebastian Bach beispielsweise hatte sich regelrecht geweigert, die Natur in seiner Musik abzubilden. Erst in der Romantik löste sich dieses Missverhältnis aus Natur, Technik, Kunst und Hörgenuss allmählich auf. Sobald Naturerfahrung aber Arbeit bedeutete, war diese Form der Arbeit geringgeschätzt – die Artes sordidi, die schmutzigen Künste der Handwerker, waren in der Hierarchie der Arbeitsformen ganz unten angesiedelt. Der technische Fortschritt bedeutete immer die Überhöhung des Menschen über die Natur. Und gerade das scheint sich nun – durch Klimakrise und bereist spürbare Umweltkatastrophen angeschoben – ins Gegenteil zu kehren: „Bei uns geht es um die Frage, wie Technik und Fortschritt neu ineinandergreifen, sodass Natur erfahrbar oder zumindest nicht gefährdet wird“, sagt Pepper. „Unsere Arbeit muss ethisch vertretbar sein“, schiebt Fernando hinterher. 

Der Tag geht dem Ende entgegen, die Sonne vor dem großen Fenster im Büro senkt sich. Einer der Klong-Mitglieder liegt schon in der Hängematte, die mitten im Büro baumelt. Gegenüber, mit Blick aus dem Fenster, befindet sich die Glühlampe, eine regelrechte Spelunke für die, die es nach der Arbeit noch mal richtig wissen wollen. „Auch wir sind manchmal da nach Feierabend“, zwinkert Fernando. Und es sei gut, dass es hier noch Kneipen oder Orte gebe, die der Fortschritt nicht verdrängt habe. Bauen, testen, ausprobieren, darum geht es kling klang klong, so wie im Projekt DISCO DUSCHE, eine interaktive Tanzfläche, über die Besucher durch ihre Bewegung im Raum eigene Musiktitel kreieren. Das Interaktionsdesign und die Regeln für die Musikproduktion verändern sich aber im Laufe der Zeit. „Denn um zur nächsten Stufe zu gelangen, müssen die Besucher nämlich zusammenarbeiten und intuitiv verschiedene Arten der musikalischen Aufführung entdecken“. Darum gehe es in der Zukunft grundsätzlich, ist sich Fernando sicher. „Es geht darum, wie wir in Zukunft als Individuen neu zusammenkommen“. Im Klongkollektiv hat man den Anfang gemacht, man ist hier bereits zu neunt plus Hund. Jetzt muss nur noch der Rest hinterher.   


Der Beitrag ist gerade erschienen im neuen Printmagazin „The Big Good Future #2“ 

 

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