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Tom Albrecht: „Gerade jetzt braucht es die Kunst“

Tom Albrecht: „Gerade jetzt braucht es die Kunst“
Photo: © Jens Thomas

Kunst und Nachhaltigkeit – das ist das Thema des Projektraums Group Global 3000. Tom Albrecht, ehemals Umweltbeauftragter der TU Berlin und Künstler, hat ihn 2012 ins Leben gerufen. Heute ist das Thema aktueller denn je. Die neuste Ausstellung befasst sich nun mit der Corona- und der Klimakrise und sucht nach Gemeinsamkeiten und Parallelen. Wir haben das Berliner Urgestein dazu befragt und wollen wissen: Was hat Kunst zur Bekämpfung der Corona-Krise beizutragen?
 

INTERVIEW BORIS MESSING   UNDJens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Tom, die Corona-Krise legt den kompletten Kulturbetrieb lahm. Künstler kommen da einigermaßen gut weg, sie können nach wie vor ihrer Arbeit nachgehen, oder täuschen wir uns da?

Tom Albrecht: Natürlich leiden wir unter dem Lockdown. Die Kunst fängt erst an zu leben, sobald wir in Kontakt mit unseren Gästen treten. Die Gäste dürfen nicht mehr zu uns in den Projektraum, als Alternative bleibt nur der digitale Raum, aber der lässt nur sehr begrenzt Begegnungen zu und wird auch nicht so gut angenommen, zumindest nicht in unserem Fall. Wir haben uns schon überlegt, ob wir, als Künstler, nicht auf die Leute zugehen könnten, im Parkhaus oder sonst wo. Wir haben das mit anderen Künstlern besprochen, und das war eine schöne Diskussion, aber ausgereift ist diese Idee noch nicht.

CCB Magazin: Ihr zeigt derzeit in eurem Projektraum – online – eine Ausstellung zur Corona-Pandemie und zur Klimakrise. Ihr fragt, inwiefern die beiden Krisen miteinander zusammenhängen. Wie lautet deine Antwort?

Tom Albrecht: Als wir aufgrund der Restriktionen mit dem, ich nenne es mal, Corona-Management, begonnen haben, Hygiene, Abstand usw., nahm das immer mehr Raum ein, so dass wir irgendwann dachten, Moment mal, was ist denn eigentlich mit dem anderen Thema, geht das jetzt ganz verloren, tritt das in den Hintergrund? Es gibt ja durchaus Parallelen zwischen den beiden Krisen. Beiden ist gemeinsam, dass sich die Mobilität verändert: Es wird gerade notgedrungen weniger geflogen, was dem Klima zugutekommt, weil weniger C02 ausgestoßen wird. Dann: Wir üben durch die Corona-Krise, auch notgedrungen, ein ressourcenschonenderes Verhalten ein, was hoffentlich Bedeutung haben wird für die sehr viel länger andauernde Klimakrise. Mit unserer Ausstellung wollen wir Berührungspunkte beider Krisen aufzeigen.

Die Klimkrise schreitet voran, aber wir können sie noch abwenden, wir sind noch nicht gefallen, aber wir baumeln von der Decke. Kunst hat die Möglichkeit, genau diese Dimension zu verdeutlichen

CCB Magazin: Kannst du mal einen Überblick geben zu deiner Ausstellung? Wer ist dabei? Was wird gezeigt? Wer braucht das?

Tom Albrecht: Zur Ausstellung gehören internationale Künstler/innen wie Silvia Amancei und Bogdan Armanu, Ann Besier, Kateryna Bortsova, Natasha Cantwell und viele andere. Die von uns ausgewählten Künstler und Kunstwerke haben wir allerdings nicht nur unter dem Aspekt ausgewählt, ob sie Lösungen oder interessante Aspekte zu unserem Thema aufzeigen. Es ging auch um die Verständlichkeit fürs Publikum. Kateryna Bortsova zum Beispiel aus der Ukraine stellt ihr Gemälde aus: Zwei nackte Menschen hängen vor dem Hintergrund einer Europakarte an dünnen Seilen. Das veranschaulicht für mich die Gefahr, in der wir uns gerade befinden, nämlich das Risiko, dessen wir uns bewusst werden müssen; die beiden fallen, aber sie hängen immer noch an dünnen Seilen. So ist das auch in der Gegenwart: Die Klimkrise schreitet voran, aber wir können sie noch abwenden, wir sind im Bild noch nicht gefallen, wir baumeln noch von der Decke. Dann wäre da beispielsweise noch das Werk von Jochen Schnepf, vier große Fotos, auf denen man eine Art von Keramiktentakeln sieht, die scheinbar natürlich wachsen zwischen anderen Pflanzen. Auch Schnepf will wie Bortsova mit diesen Bildern auf die Gefahr des Neuen – Corona wie dem Klimawandel – hinweisen; die Keramiktentakel, die in der Natur sind, obwohl sie da nicht hingehören, die gefährlich wirken. Das hat er, finde ich, sehr gut auf den Punkt gebracht, die Arbeit hat auch einen hohen ästhetischen Wert. Maria Korporal hat ein interaktives Video geschaffen, wo sie die Bilder der weltweiten Flugbewegungen von heute mit denen von vor Corona vergleicht, die natürlich sehr viel mehr waren. Gleichzeitig lässt sie Bäume in der Coronazeit wachsen in dem Video, die Botschaft hier ist klar.

Arbeiten aus der Galerie für Nachhaltigkeit: Oben: Ausstellung "Kunst der Nachhaltigkeit", "Vogelfrei, Astrid Astra Indricane, Berlin 2018" / Bild 2: Silvia Amancei Bogdan-Armanu Unlovable-Prospects. Sabas look on the Future 2020 Video 14-40min / Bild 3: Manuela Viera Gallo, Capital Wearcapital Wear 2013 Video-6.56min

CCB Magazin: Welches eurer ausgestellten Exponate gefällt dir besonders gut und warum?

Tom Albrecht: Ja also, das ist ein Werk von mir, die Klimakeule, die ich in anderer Form, da hieß sie noch die fossile Keule, bereits ausgestellt hatte. Das Stück Holz, die fossile Keule, ist jetzt in Plastikfolie eingewickelt, was die neuen Hygiene-Maßnahmen symbolisiert, und hängt von der Decke. Man stößt sich weiterhin den Kopf an ihr. Meine Idee hier war nun, dass sich jemand neben die Keule stellt und ein anderer, der Partner, die Keule nach Absprache von einem weghält und dann loslässt, so dass sie einem gegen den Kopf schlägt. Damit will ich sagen: Es gibt etwas, das uns bedroht, es gibt eine soziale Komponente, vertraue ich dem Partner, habe ich überhaupt einen Partner, und wie groß ist der Abstand der Keule zu mir, wie groß will ich für mich, für die Gesellschaft die Gefahr sein lassen.

CCB Magazin: Auf eurer Homepage erwähnt ihr ein Forscherteam des Potsdam-Instituts für Klimaforschung (PIK), die Parallelen zwischen der globalen Gesundheits- und der Klimakrise aufgezeigt und analysiert haben. Die Forscher schlagen diesbezüglich einen generationenübergreifenden „Klima-Corona-Vertrag“ vor, der jung und alt miteinbezieht. Das klingt ja wunderbar. Aber wie kann so ein „Vertrag“ in der Praxis aussehen?

Tom Albrecht: Naja, das ist ein Vorschlag, nachzudenken, dass wir nicht so selbstvergessen leben. Corona betrifft uns zwar jetzt, aber die Klimakrise betrifft die folgenden Generationen. Der Vorschlag ist ein Anstoß, gegenseitig Rücksicht zu nehmen, die Probleme gemeinsam anzugehen, in Solidarität miteinander.

CCB Magazin: Kunst hat schon immer die Verhältnisse kommentiert. Wie muss Kunst auf die Corona-Krise reagieren? Welchen Auftrag hat sie für die Zukunft? Und kann Kunst wirklich etwas zum Verständnis der ein oder anderen Krise beitragen? Macht es nicht mehr Sinn, einfach mal ein paar gute Bücher über den Klimawandel zu lesen, um Fakten zu sammeln?

Tom Albrecht: Alles hat seinen Platz. Die Bildende Kunst hat, in allen ihren Formen, die Möglichkeit, prägnante emotionsgeladene Bilder zu erschaffen, die auf Probleme, Krisen und ihre Nuancen hinweisen, das ist bei Corona oder der Klimakrise nicht anders. Die Klimaaktivisten haben sich einiges von der Performance-Kunst abgeschaut, um ihren Protest anschaulicher zu machen. Ich denke da zum Beispiel an die spektakulären Aktionen von Extinction Rebellion. Kunst kann auf der Gefühlsebene Saiten zum Schwingen bringen, was ein noch so fundiertes Sachbuch nicht vermag. Kunst kann das Gefühl ansprechen, nicht nur den Verstand. Kunst ist immer die Freiheit des Subjekts, im Denken, im  Wollen und im Tun.

Kunst hat, in allen ihren Formen, die Möglichkeit, prägnante emotionsgeladene Bilder zu erschaffen, die auf Probleme, Krisen und ihre Nuancen hinweisen. Ich denke da zum Beispiel an die spektakulären Aktionen von Extinction Rebellion. Kunst kann auf der Gefühlsebene Saiten zum Schwingen bringen, was ein noch so fundiertes Sachbuch nicht vermag

CCB Magazin: Nachhaltigkeitsforscher betonen aber seit Jahren, dass die Klimakrise gerade aus der gewonnenen Freiheit resultiert: Gerade weil wir in Freiheit leben und uns frei verhalten können, übertreten wir auch  die Grenzen zur Natur. Braucht Kunst ein neues Verständnis von Freiheit nach Corona, das mit Einschränkungen verbunden ist?

Tom Albrecht: Das ist eine komplexe Frage. Zunächst würde ich sagen, dass Freiheit durchaus mit Einschränkungen einhergehen kann. Freiheit bedeutet nicht, dass ich mich benehme wie der letzte Hund und das ruiniere, was wir uns erkämpft haben. Nein, Kunst hat vielmehr die Funktion, auf diesen Widerspruch,  aufmerksam zu machen. Zum Schluss liegt es natürlich an jedem Künstler selbst, ob er den Mund aufmacht, auch das gehört zu seiner Freiheit dazu. Freiheit ist für die Kunst aber eine Grundvoraussetzung, und der einzelne Künstler entscheidet, ob er sich diesem Thema künstlerisch widmen möchte oder nicht.

CCB Magazin: Ok, sagen wir es mal so: Über den Klimawandel und was dagegen getan werden muss herrscht mittlerweile größtenteils Konsens. Was für eine Kritikmöglichkeit bleibt da der Kunst noch? Kunst war immer auch Gesellschaftskritik als ein Dagegen. Gegen was kann sich Kunst im Klimadiskurs noch positionieren, wenn alle an einem Strang ziehen? Und sind Protestformen wie Fridays for Future nicht viel effektiver?

Tom Albrecht: Ja, aber meinen die alle das auch ernst? Unternehmen sie wirklich was, die Politik, die Unternehmen? Oder sagen sie nur Ja und Amen, weil es ihnen gerade opportun erscheint? Ich denke, Kunst ist hier gefragter denn je. Sie kann auf mehr Konsequenz drängen. Sie kann die Finger in die Wunde legen, die Heuchelei und Doppelmoral aufdecken. Die Künstler können das Maul aufmachen und mahnen, die Kunst kann uns, in ihrer grellen Vielfalt, aufschrecken. Das hat sie schon immer getan. Und gerade heute sollte sie das tun.

CCB Magazin: Die ökologische Frage ist mittlerweile eine politische. Zur Nachhaltigkeit gehört aber auch die soziale Nachhaltigkeit, also die nach freien Räumen und guten Arbeitsbedingungen. Besteht die Gefahr, dass wir bei all dem Gewusel um neue Ökologiedringlichkeit die soziale Frage vergessen?

Tom Albrecht: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass ist auch eine nach den Ressourcen. Auch wir kämpfen permanent um unseren Raum und müssen mit der Angst leben, dass wir ihn nicht halten können. Wir sind immer mit unserer Existenz befasst. Und dieser Kampf kostet enorm viel Kraft. Sich da mit anderen zusammenzutun und über das Grundsätzliche zu sprechen, wie über die Verbindung der ökologischen mit der sozialen Frage, und gemeinsam Ideen zu entwickeln, ist nicht so einfach, weil jeder mit seinem eigenen Überleben beschäftigt ist. Ja, wir dürfen die sozialen Aspekte nicht aus den Augen verlieren.

CCB Magazin: Tom, eure Ausstellung wird noch bis zum 11. Dezember zu sehen sein. Es ist nicht auszuschließen, dass der Teil-Lockdown noch weiter in die Wintermonate hineinreichen wird. Was habt ihr als nächstes vor? Kann man unter solchen traurigen Umständen überhaupt eine Kunstausstellung machen?

Tom Albrecht: Wir planen schon unsere nächste Ausstellung - 1,5 Grad-, eine Anspielung an das 1,5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens. Daran halten wir erstmal fest und warten ab, was passiert. Ausgeschrieben ist die neue Ausstellung bis zum 4. Dezember und wir nehmen uns vor, aus den eingereichten Werken eine Ausstellung zu konzipieren. Hundert Bewerbungen kamen bereits rein. Mitte Januar geht es los.

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