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Hey, Keule!

Hey, Keule!
Photo: © Jens Thomas

Tom Albrecht ist ein Berliner Urgestein. Er war in den 1990ern der erste Umweltbeauftragte der TU Berlin. Heute ist er Kurator und betreibt die einzige „Galerie für nachhaltige Kunst“ in der Stadt. Was kann Kunst zur Klimadebatte beitragen, was der aktuelle Diskurs nicht schafft? Wir haben der Brutstätte für Nachhaltigkeitsfragen in Berlin-Kreuzberg einen Besuch abgestattet.
 

Text Lino Knocke

 

Wer in Berlin vom Moritzplatz aus den Leuschnerdamm entlang schlendert, kann sich kaum vorstellen, dass hier einmal vor 30 Jahren der Todesstreifen die Stadtteile Kreuzberg und Mitte voneinander trennte. Auf der Kreuzberger Straßenseite, Hausnummer 19, sticht ein Schild sofort ins Auge: „Group Global 3000“ steht darauf in dicken roten Lettern geschrieben und: „Galerie für nachhaltige Kunst“. Die tief eingefassten, weiß getünchten Fenster gewähren keinen Blick ins Innere und machen mich gerade deshalb neugierig: Was gibt’s da unten wohl zu sehen? Durch eine Flügeltür führt eine kleine Treppe hinab in ein von Leuchtstoffröhren hell ausgeleuchtetes Souterrain – die Galerie.  

Ein Stück Holz in Form einer verkohlten Keule baumelt von der Decke. „Das ist die ‚Fossile Keule‘, da kann man sich schnell den Kopf dran stoßen“, sagt ein hochgeschossener Mann, der optisch auch der ältere Bruder von Max Ballauf sein könnte. Das verkohlte Holzscheit habe er bei einem Lagerfeuer im Kinderbauernhof um die Ecke gefunden. Die meisten Kunstobjekte hier seien aus gefundenen oder recycelten Materialien. Den ersten Nachhaltigkeitstest hat mein Interviewgast schon mal bestanden. 

Von No Future zu Fridays for Future

Der Mann mit den graumelierten Haaren ist Tom Albrecht, Kurator und Gründer der Galerie. Tom Albrecht ist kein Unbekannter. 1991 wurde er erster Umweltbeauftragter der TU Berlin. Nach Berlin kam er schon 1972, genau in dem Jahr also, als der Club of Rome, der erste Zusammenschluss weltweit alarmierter Klimaexperten, vor dem Ende der Ressourcen warnte. In den 70ern und 80ern war Berlin noch eine andere Stadt: Es gab noch kein Fridays for Future, dafür No Future: New Wave und Punks mit nihilistischem Weltbild  waren dominierende Jugendkulturen rund um das Berliner SO36, es gab noch keine Debatten über Enthaltsamkeit und die Erderwärmung, dafür leere Autobahnen wegen der ersten Ölpreiskrise in Nahost und erste Diskussionen über die Zukunft des Waldes. Die Grünen standen in den Startlöchern, mit Turnschuhen, die noch nicht recycelbar waren und sie fuhren mit VW-Büsschen umher, die gestunken haben wie die Pest, weil sie keinen Kat hatten. Es gab auch keine Nachhaltigkeitsgalerien in Berlin wie die von Tom, dafür Unmengen an besetzten Häusern und viel Ton, Steine und Scherben – und nachhaltig war auch das nicht.

Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist an vielen Stellen einfach zu faktenüberladen. Es fehlen Begegnung und Bilder. Kunst erschafft solche Bilder

Tom lädt mich mit einer Geste ein, mich umzuschauen. Seit 2012 betreibe er mit einem Team ehrenamtlich die „Galerie für nachhaltige Kunst“, sagt er: drei Ausstellungsräume, eine Toilette, eine Teeküche und eine Kammer für den Ausstellungsbedarf, verdeckt durch ein Rollo. „Es ist etwas eng hier“, gibt Tom zu. Aber 60 Leute bringe man schon unter.


Oben die Keule (erstes Bild), unten die Beichte: Wer fliegt oder Fleisch isst, kann bei Beichtvater Tom seine Sünden entladen. "Ökologischer Beichtstuhl, 2019, Lioba von den Driesch". Fotos: Jens Thomas 

Die letzte Ausstellung hieß ‚Artists for Future‘, die kommende trägt den Titel ‚Fossile Sucht‘. Exponate hängen an den Wänden und sind im Raum platziert. Die ‚Fossile Keule‘ zum Beispiel, an der ich mir beim Laufen durch die Räumlichkeiten permanent den Kopf stoße. Die Keule schlägt zurück wie ein Bumerang. „Der Mensch glaubt, dass das, was er hinterlässt, keine Konsequenzen hat“, sagt Tom. Die Begegnung mit der Keule sei eine Anregung, um ökologischer zu leben. Ein anderes Exponat von Lioba von den Driesch ist der ‚Beichtstuhl für ökologische Sünden‘. Er sieht aus wie zwei an den Lehnen zusammengestellte Stühle, neben denen ein Hocker mit einem Kaugummi-Automaten steht. „Der Beichtstuhl für ökologische Sünden steht bereit“, sagt Tom mit einem schelmischen Grinsen und bietet sich mir als Beichtvater an. „Der durchschnittliche CO2-Ausstoß liegt in Deutschland bei 11,6 Tonnen pro Kopf im Jahr. Bei einem Transatlantikflug von Düsseldorf nach New York fallen schon 3,65 Tonnen CO2 an. Wir tun so, als könnten wir ewig so weitermachen“, sagt der Beichtvater. In der „Galerie für Nachhaltigkeit“ kann man seine Flugsünden und Fleischgelüste – die schlimmsten Umweltsünden – eingestehen, sich dafür schämen und mit Handschlag entschuldigen, so als gäbe es wieder einen Morgen. Für symbolische 2 Cents kann man sich obendrein noch ein CO2-Zertifikat aus dem Kaugummi-Automaten ziehen. Und ein kleines Buch hält Psalmen fürs Entsündigen bereit. Etwa: ‚Meine Kinder und Enkel heiligen die Mittel‘. „Da jeder von uns CO2 emittiert“, sagt Tom, sei Humor ein gutes Mittel, unsere Widersprüche beim Thema Nachhaltigkeit anzusprechen, ohne missionarisch sein zu müssen. Dialog klappe besser mit Humor. 

Der Projektraum als soziale Plastik

Das Thema Nachhaltigkeit dagegen ist wenig humorvoll. Tom erinnert sich, wie sich der Diskurs über die Jahre entfaltet hat: zuerst der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen 1987, der als Beginn des weltweiten Diskurses über nachhaltige Entwicklung gilt, dann kam die alarmierende Rio-Konferenz 1992 und aktuell sind es die 17 Sustainable Development Goals der UN, die bei Tom in der Galerie verteilt ausliegen und Kunstobjekte wissenschaftlich unterfüttern sollen. So wie im Nebenraum. Videos laufen hier auf und ab. In einem Video blickt die Künstlerin Keeley Haftner mit unbewegter Mimik in die Kamera. Sie nimmt eine Wasserflasche in die Hand und befüllt sie mit farbigem Glitzer, schüttelt sie kräftig und trinkt. Die ersten Schlucke des dunkel glitzernden Gesöffs flößt sie noch tapfer in sich ein. Dann muss sie aufstoßen, setzt ab, trinkt erneut. Der Kampf mit dem Glitzer zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, der Märtyrerin entgleist die Mimik. Heroisch trinkt sie immer weiter bis zum bitteren Ende. Nach 5-minütiger Selbstfolter hält sie eine leere 1-Liter-Flasche in die Kamera. Geschafft. „Das Video visualisiert die Dominanz von Mikroplastik in unseren Ozeanen, wie es Lebewesen konsumieren und es so über die Nahrungskette in unseren Körper gelangt“, interpretiert Tom das Video, das in Dauerschleife läuft.

Der aktuelle Diskurs stellt die ökologische Dimension in den Mittelpunkt, aber es geht auch um die Lebenswirklichkeit der Menschen: um soziale Nachhaltigkeit. Projekträume sind hierfür Türöffner 

Wir gehen weiter durch die Galerie. Tom redet wie an einem Pult stehend, die Vermittlung von Wissen scheint ihm vertraut. Ursprünglich kommt er aus Düsseldorf, aufgewachsen sei er in unmittelbarer Nachbarschaft zu Joseph Beuys – Beuys ist sein großes Künstler-Idol. Er selbst hat Maschinenbau studiert und später noch ein Studium der Sozialwissenschaften abgeschlossen. Kunst hat er immer nur nebenher gemacht. „Bis heute bereue ich es, nicht Kunst studiert zu haben. Dennoch kann ich Künstler sein, ohne es auf einem Zertifikat vorweisen zu müssen – das hat mich Beuys gelehrt“, sagt Tom. Heute bediene er sich der Objekte, Installationen, Fotografien, Videos, Wörter und Aktionen, um seinen Ideen Ausdruck zu verleihen. Projekträume im Team geführt – wie seine Galerie – verkörperten für ihn den Inbegriff der sozialen Plastik. Nach dem Kunstbegriff von Beuys verfolgten sie den Anspruch, durch Kunst formend und neugestaltend auf die Gesellschaft einzuwirken. Man könnte es auch soziale Nachhaltigkeit nennen.

Kunst. In der Mitte: "Goldfolienmenschen, 2019,  Sissy Schneider". Der Brief an Angela Merkel:  "Life Letters (Ausschnitt), 2019, Alexa Helbig". Fotos: Jens Thomas 


Der Projektraum „Galerie für nachhaltige Kunst“ ist ein Novum in der Stadt. Galerien gibt es heute wie Sand am Meer, in Berlin sind es 450. Auch gibt es bis zu 150 Projekträume, die wegen der Raumnot seit Jahren ums Überleben kämpfen. Es gibt aber keinen, der sich ausschließlich mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Warum bloß, frage ich Tom. Und was kann Kunst dem aktuellen Klimadiskurs überhaupt noch beisteuern, was Fridays for Future nicht schafft? „Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist an vielen Stellen einfach zu faktenüberladen“, sagt Tom, „es fehlen Begegnung und Bilder“. Die „Galerie für nachhaltige Kunst“ führe in der Begegnung der Besucher Fakten und Bilder zusammen. „Denn um die Menschen zu erreichen, braucht es Diskurse und kraftvolle Bilder. Und die Kunst erschafft solche Bilder.“ Umweltaktivisten wie Extinction Rebellion beispielsweise hätten von der Perfomance Art viel gelernt. Bei Kunst ginge es auch um Inszenierung, das würden die Umweltaktivistinnen geschickt für sich nutzen. „Der aktuelle Diskurs stellt die ökologische Dimension in den Mittelpunkt“, sagt Tom. In der Galerie gehe es um die Lebenswirklichkeit der Menschen: um soziale Nachhaltigkeit.

Wir kennen die Fakten und trotzdem kaufen wir uns einen SUV und fliegen zwei Mal im Jahr nach Thailand oder Malle. Das ist für mich ein typisches Suchtverhalten

Die Sucht nach fossilen Leckerlis

Das Logo der Galerie, das zwei schräg hintereinander abgebildete Globusse zeigt, demonstriert ironisch das Allumfassende seiner Worte. Der Name „Group Global 3000“, kurz GG3, ist zwar eine „Anspielung auf weltumspannende Firmen mit großem Namen“. Aber ernst gemeint ist das schon: „Wir leben, als ob wir eine zweite Welt hätten.“ Es geht bei „Group Global 3000“ nicht primär um den Verkauf von Kunstobjekten. Es geht um künstlerische Begegnung und das performative Machen. Als gemeinnütziger Verein und nicht-kommerzielle Galerie, finanziert durch Spenden, käme er selbst jeden Monat für die Miete auf, sagt Tom. Er selbst sei mittlerweile Rentner. Die Galerie könnte er in der Intensität sonst gar nicht betreiben, wenn er noch zusätzlich arbeiten müsste. Eine wichtige Finanzspritze sei außerdem der 2016 gewonnene Projektraumpreis von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa Berlin gewesen. „Noch bin ich froh, den Raum mieten zu können. Aber es gibt Begehrlichkeiten, die immer lauter werden“, sagt Tom. Ein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite reiche aus, um zu sehen, was sich neben dem lärmendem Verkehr noch alles verändert hat: viele Neubauten mit gläsernen Balkongeländern. Er selbst wohnt über der Galerie im Altbau.

Kunst und Verbindungen schaffen, den Wahnsinn des Wachstums kommentieren, Kunst mit Wissenschaft verketten und die Nachbarschaft zum Gespräch einladen – darum geht es Tom Albrecht. Sein nächstes Thema, das er beackert, ist die ‚Fossile Sucht‘. Er sagt: „Wir kennen die Fakten, wir wissen um unser schädliches Verhalten und trotzdem kaufen wir uns einen SUV und fliegen zwei Mal im Jahr nach Thailand oder Malle. Das ist für mich ein typisches Suchtverhalten. Die Lunge beißt, aber hey, was soll’s.“ Tom analysiert das nüchtern, und man kann sich gut vorstellen, wie er einmal an der TU Berlin arbeitete. Wie alle Ausstellungen der GG3 basiert auch diese auf vier Events: Vernissage, Finissage, Künstlergespräch sowie themenbezogene Fachvorträge von Wissenschaftlern. „Diesmal kommen Professor Dr. Hermann Ott, Geschäftsführer von ClientEarth, und der Suchtmediziner Professor Dr. med. Tom Bschor, Chefarzt der Schlossparkklinik, die über unsere fossile Sucht in der Gesellschaft erzählen werden“, sagt Tom. Seit der Gründung hätten hier schon über 200 Künstlerinnen und Künstler ausgestellt, die Adressendatenbank führe über 1000 Kontakte.

Zukunft. Das wird in der „Galerie für nachhaltige Kunst“ großgeschrieben, ob Projekträume in Berlin eine langfristige Zukunft in der Stadt haben? „Das wird sich zeigen“, sagt Tom. Dass die Existenz der Projekträume in Berlin bedroht ist, zeigte schon die Studie „Projekträume: Vitales, aber fragiles Herz der Kunstszene“ der Soziologin Séverine Marguin vor einigen Jahren. Mit weniger als 5.000 Euro jährlich müsse ein Projekt im Schnitt in Berlin auskommen, so das Ergebnis. Nachhaltig ist das nicht. Aktuell werden auch immer mehr Projekträume zu so genannten „ortlosen“ Räumen, weil es weniger freie Räume gibt oder sie schlichtweg zu teuer sind. Um die Zukunft der Galerie macht Tom sich dennoch Sorgen. Obwohl er thematisch alle Trümpfe in der Hand hat. Das Thema Ökologie mit all seinen sozialen und wirtschaftlichen Implikationen ist noch lange nicht ausgeschöpft. Und eine Galerie for Future, das hat dieser Stadt gerade noch gefehlt.


 

 

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