Sustainability, Corona back

Mareike Ulman: „Es werden jeden Tag mehr, das ist Wahnsinn“

Mareike Ulman: „Es werden jeden Tag mehr, das ist Wahnsinn“
Photo: © wearetrouva

Sido hatte sie, Henry Maske nicht: eine Maske. Jetzt werden sie in Berlin im öffentlichen Nahverkehr coronabedingt Pflicht. Das Modelabel Format aus Berlin bedient die hohe Nachfrage nach Masken und stellt sie nach nachhaltigen Standards her. Wie sehen solche Masken aus? Wie werden sie produziert? Und hilft der Maskenkonsum sogar aus der Krise? Ein Gespräch mit der Gründerin Mareike Ulman. 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS  

 

CCB Magazin: Hallo Mareike, die Corona-Krise legt ganze Branchen lahm. Ihr produziert nachhaltige Schutzmasken. Ist die Krise eure Chance? 

Mareike Ulman: Teilweise schon. Wir hätten zum Beispiel nicht gedacht, dass wir in wenigen Tagen über 100 Masken verkaufen würden. In diesem Sinne: Ja, es ist eine Chance. Es werden auch jeden Tag mehr. Wahnsinn.

CCB Magazin: Ihr seid nicht nur ein nachhaltiges Modelabel, ihr habt auch einen Laden, der nun zu ist. Die Modeindustrie verbucht aktuell einen Einbruch von 35 Prozent. Laut Umfrage des Fashion Council Germany sind sogar im laufenden Jahr mit Umsatzeinbußen von 50 Prozent zu rechnen. Wie sehr seid ihr von der Corona-Krise betroffen? Musstet ihr Soforthilfen beantragen oder wurden Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt? 

Mareike Ulman: Ja, wir mussten Soforthilfen beantragen. Ende März mussten meine Mitarbeiter auch in Kurzarbeit gehen. Seit fünf Wochen ist unser Laden WESEN jetzt schon geschlossen, die Umsätze aus dem Ladenverkauf sind darum alle flöten gegangen. Das wird sich auch in Zukunft nicht vollständig beheben lassen – Touristen werden dieses Jahr wohl weniger zu uns finden. Das Gute ist: Wir haben seit Jahren einen Webshop und kooperieren mit verschiedenen Plattformen, so zum Beispiel mit dem Avocadostore. Das gleicht alles etwas aus, rettet aber die Situation nicht. Die Masken kommen uns da ganz gelegen. Sie sind auch einer der Gründe, warum wir den Mai wieder ohne Kurzarbeit angehen können.

 

CCB Magazin: Wie genau stellt ihr die Masken her? Achtet ihr bei der Maskenproduktion weiterhin auf klare Nachhaltigkeitsstandards? Oder gilt jetzt: Schneller, weiter, die Masse macht's – raus damit? 

Mareike Ulman: Nein, auf keinen Fall! Wir achten nach wie vor auf unsere Nachhaltigkeitsstandards. Alle Stoffe, die wir verwenden, sind aus kontrolliert biologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung. Die allermeisten Stoffe sind auch aus Betrieben, die GOTS-zertifiziert sind. Und nicht nur unsere Kleidung ist ökologisch und fair produziert. Wir erheben bei unseren Designs generell den Anspruch an saisonüberdauernde Aktualität – das gilt auch für die Masken. Unsere Kleidung soll auch über lange Zeit verfügbar sein, nicht nur für eine Saison. Die Masken produzieren wir alle nach diesen Standards. 

Das Interessante ist ja, dass gerade jetzt, in der Corona-Krise, der Wunsch nach nachhaltigen Produkten nicht zum Erliegen kommt. Und wir stellen Masken nach Nachhaltigkeitsstandards her

CCB Magazin: Muss man da bestimmte Sachen in Bezug auf Hygienevorschriften oder Virenschutz beachten? Oder hält Bio einfach Viren fern?

Mareike Ulman: In punkto Virenschutz gilt für Bio das Gleiche wie für Nicht-Bio. Die Masken sind ja auch keine medizinische Schutzkleidung. Sie schützen einfach nur bei richtiger Handhabung: regelmäßige Reinigung über 70 Grad, die Hände so wenig wie möglich in Kontakt mit der Maske kommen lassen. Bio ist natürlich auch gut für die Haut, weil so Pestizide und Gifte von der Pflanze bis zur fertig konfektionierten Maske vermieden werden. Die Menschen, die an der Masken-Herstellung beteiligt sind, werden – zumindest in unserem Falle – auch nicht ausgebeutet wie das oft bei konventionellen Textilproduktionen der Fall ist. 

So wird bei format hergstellt: Foto 1: © wearetrouva. Foto 2 und 3: © shoplocalday

CCB Magazin: Außerhalb von Corona: Was macht Format als Label und Wesen als Laden sonst? 

Mareike Ulman: Wir sind aus Berlin-Neukölln und stellen seit 2008 nachhaltige Kleidung her. Wir verwenden Öko-Materialien und produzieren lokal unter fairen Bedingungen.  Unsere Designs haben eine klare Sprache und einen gewissen Wiedererkennungswert: Sie sind unabhängig von Trends, vielseitig und minimalistisch mit originellen Details. Wir produzieren keine Massenware, sondern in Kleinserien. Wir sind finanziell auch unabhängig, das heißt, es gibt keinen Dritten, der über Unternehmensanteile verfügt und an uns verdient. Darum können und wollen wir unsere Produkte auch nicht im Niedrigpreissegment anbieten: Wir haben hohe Qualitätsansprüche an unsere Produkte und wollen den KundInnen vielseitige Lieblingsteile bieten, die nicht nach einer Saison aus dem Sortiment genommen werden. Das ist unser Ansatz von Slow-Fashion. Es geht uns um einen bewussten Konsum. Und wir selbst leben nach diesen Standards: Wir recyceln ständig und versuchen Abfälle zu vermeiden. Außerdem verwenden wir Öko-Strom und Öko-Gas und mittags wird abwechselnd für alle gekocht – meistens Bio und immer vegetarisch oder vegan. Ganz undogmatisch.

CCB Magazin: Marte Hentschel von Sqetch nimmt an, dass die Corona-Krise eine Marktbereinigung zur Folge hat. Sie glaubt aber auch, dass sich gerade diejenigen auf dem Markt halten werden, die schon jetzt nachhaltig sind und sich dem digitalen Markt angepasst haben. Wie ist eure Einschätzung dazu? 

Mareike Ulman: Da gehe ich komplett mit. Das Interessante ist ja, dass gerade jetzt, in der Corona-Krise, der Wunsch nach nachhaltigen Produkten nicht zum Erliegen kommt. Er ist nach wie vor hoch. Wir können darum auch nach unseren Standards weiterarbeiten: So haben wir zum Beispiel unsere Webshopverkäufe und den Slow-Fashion-Hintergrund, das heißt, die meisten Teile sind so gestaltet und verarbeitet, dass sie auch im nächsten Jahr problemlos in jedes Ladensortiment und auch jeden Kleiderschrank passen werden. Wir haben auch keine schnellen Kollektionswechsel, die bedeuten würden, dass wir eigentlich schon jetzt mit dem Schlussverkauf starten müssten, um nicht Gefahr zu laufen auf der ganzen Ware sitzen zu bleiben. Der Nachhaltigkeitsmarkt wird Corona überstehen. Das macht uns Hoffnung. 

CCB Magazin: Wie wird die Krise aber euch als Unternehmen, wie die lokale Industrie und die Berliner Modewirtschaft insgesamt verändern? 

Mareike Ulman: Das kommt ganz drauf an, wann das Ganze denn endlich mal ein Ende hat. Ich denke, die Anbieter für Kleidung werden wohl mit einem blauen Auge davonkommen, wenn wir jetzt offen bleiben können. Reine Labels und Produktionsbetriebe werden kreativ werden müssen. Viele Betriebe, die vorher schon finanziell am Limit waren, werden wohl oder übel den Corona-Crash nicht überleben. Ich würde mich freuen, wenn sich viele kleine Läden halten können. Das macht diese Stadt erst so besonders. Sorgen bereiten mir eher die Kultur-, Klub- und Kneipenlandschaft, ohne die ich mir Berlin gar nicht erst vorstellen möchte. Und ich hoffe, dass auch wir die Corona-Krise überleben werden. Wenn die Nachfrage nach Masken nicht einbricht und unser Laden wieder aufmachen kann, haben wir eine Chance. 


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