Facilities, Corona back

„Gerade jetzt könnten verloren geglaubte Zwischenräume und Nischen wieder entdeckt werden“

„Gerade jetzt könnten verloren geglaubte Zwischenräume und Nischen wieder entdeckt werden“
Photo: © Ralph Bergel

Die Superbooth hat's getan, die re:publica macht's teilweise und auch das Pankower Kunstfestival artspring berlin geht in diesem Jahr coronabedingt komplett online: Über 230 beteiligte Künstler und Künstlerinnen werden ihre Arbeiten vom 09. Mai bis 07. Juni im Netz zeigen. Was da genau passiert, was durch die Verlagerung ins Netz verloren geht aber auch gewonnen werden kann, darüber haben wir mit den beiden Organisatoren Julia Brodauf und Jan Gottschalk gesprochen. 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS 

 

CCB Magazin: Hallo Julia und Jan, das artspring berlin Kunstfestival findet in diesem Jahr komplett im Netz statt. Wie kann man sich das vorstellen? Was genau passiert da? 

Jan Gottschalk:Ehrlich gesagt sind wir auch gespannt. Wir werden online Filmbeiträge über die Veranstaltungen und Ausstellungen erstellen. Die Künstler*innen erhalten dazu jeweils einen Raum auf der Webseite, um einen Einblick in ihr Atelier zu geben. Geplant sind außerdem digitale Lesungen, Performances, Postcasts und mindestens ein Online-Konzert. Das Filmfestival, die artspring nale, die ursprünglich im Lichtblickkino veranstaltet werden sollte, wird als Videostream zu sehen sein. Wir gehen aber nicht nur online, wir erweitern auch unsere Print-Präsenz erheblich und verteilen unsere Festivalzeitschrift an 100.000 Pankower Haushalte. Und vermutlich werden wir wohl auch die Möglichkeit haben, einige Ausstellungsformate offline stattfinden zu lassen, wenn auch ohne Eröffnungsveranstaltung. Nicht zuletzt haben wir momentan noch die Hoffnung, dass die offenen Ateliers – jeweils einzelne Besucher*innen an vielen einzelnen Orten anstelle von vielen Besucher*innen an einem einzigen Ort – am ersten Juni-Wochenende nicht nur möglich sein werden, sondern vielleicht sogar eine ideale Form der Kulturveranstaltung in Zeiten des Social Dinstancing sein können. 

CCB Magazin: Mal Hand aufs digitale Herz: Kann online offline ersetzen? Da geht doch was verloren. 

Julia Brodauf:Online kann offline nicht vollständig ersetzen, das ist klar. Gerade was Kunstwerke angeht ist die räumliche Präsenz oft ein wesentlicher Punkt in der Wahrnehmung. Und die grundlegende Idee der offenen Ateliers und der Veranstaltungen im Festivalmonat und auch des artspring popup-shops ist ja, erstmals ins Gespräch zu kommen und persönliche Kontakte herzustellen. Aber Grund für artspring ist auch das Anliegen, Öffentlichkeit herzustellen für die Künstler*innen in Pankow und da kann der diesjährige Auftritt schon eine gute Vorbereitung auf die Veranstaltungen im nächsten Jahr sein, die wir ja auch bereits planen. Es ist toll, dass man durch die online-Auftritte anderer Kulturveranstalter jetzt Dinge sehen kann, die man ansonsten nicht wahrnimmt, zum Beispiel durch die DJ-Auftrittte bei „united we stream“. Oder beim rbb gab's Carmen in der Staatsoper. Oder ein Kurzfilmfestival, das ins Netz gewandert ist. Eigentlich wäre es großartig, wenn uns diese Möglichkeiten auch nach der Krise erhalten bleiben würden. Wir wünschen uns natürlich auch, dass es anderen Zuschauer*innen ebenso ergeht – dass sie Zugang zu den Pankower Künstler*innen finden. 

Wir wollen mit artspring berlin eine Öffentlichkeit für die Künstler und Künstlerinnen in Pankow herstellen. Und es ist toll, dass man durch die online-Auftritte jetzt Dinge sehen kann, die man ansonsten nicht wahrnimmt. Es wäre schön, wenn uns das auch nach Corona erhalten bleibt 

Im Gespräch mit Creative City Berlin: die beiden Organisatoren Julia Brodauf und Jan Gottschalk. Foto: André Wunstorf

Das Atelier Marc Groeszer. Foto: André Wunstorf

Die KEP_Kunst-Etagen-Pankow. Foto: Kerstin Karge


CCB Magazin: Egal ob jetzt online oder offline: Was ist das Besondere an einem solchen Festival? Warum braucht Berlin so etwas? 

Jan Gottschalk:Unser Anliegen ist die Standortwahrung, die Vernetzung und Selbständigkeit. artspring ist entstanden aus dem Bedürfnis heraus, die Kunstschaffenden und ihre Arbeitsorte im Bezirk sichtbar zu machen, damit wir hier nicht sang- und klanglos untergehen, Stichwort Gentrifizierung. Und das Besondere ist, dass es aus der Gruppe der Kunstschaffenden selbst entstanden ist, mit der Ateliergemeinschaft Milchhof als Basis. Dass der Bezirk das gebraucht hat, meinen wir daran ablesen zu können, dass die Akteure aus Politik, Wirtschaft und kommunalen Einrichtungen uns in ihre Netzwerke mit aufgenommen haben. Wir haben den Eindruck, dass zumindest in Pankow ein großes Bedürfnis besteht, mit Kunstschaffenden zusammenzuarbeiten. artspring kann hier als Plattform funktionieren, um diesen Austausch zu ermöglichen. Festivals wie 48 Stunden Neukölln oder der Ortstermin in Moabit, die es schon viel länger gibt, haben ja bewiesen, dass solche Veranstaltungen wichtige Rollen in den Bezirken übernehmen können, was das kulturelle Leben angeht. 

Unser Anliegen ist die Standortwahrung, die Vernetzung und Selbständigkeit. artspring ist entstanden aus dem Bedürfnis heraus, die Kunstschaffenden und ihre Arbeitsorte im Bezirk sichtbar zu machen, damit wir hier nicht sang- und klanglos untergehen

CCB Magazin: Euer Schwerpunkt liegt auf Pankow. Warum Pankow? Was macht den Stadtteil besonders? Und kommen hier vor Ort auch Kunstaktivisten und die lokale Bevölkerung zusammen? 

Jan Gottschalk:Pankow war und ist nun einmal unser Stadtteil! In Sachen Milchhof ist das eine Wahrnehmungsfrage, denn genau genommen ist der Milchhof in Mitte. Aber auch in der Vergangenheit waren die Künstler*innen hier mit den Einrichtungen im Prenzlauer Berg verbandelt. Uns fiel bei unserer ersten Bewerbung um finanzielle Mittel beim Kulturamt Pankow erst durch die Ablehnung durch eine Sachbearbeiterin auf, dass der Milchhof auf der „falschen“ Straßenseite der Schwedter Straße steht – und in der Straßenmitte die Bezirksgrenze verläuft. Wir wollten ursprünglich offene Ateliers mit vielen machen, also war der Stadtteil eine gute Größe. Der Großbezirk Pankow ist flächenmäßig sehr groß und natürlich konzentrieren sich unsere Aktivitäten in Prenzlauer Berg und in den jeweils südlicheren Gebieten von Pankow und Weißensee – wobei wir schon wirklich abgelegene Satelliten hatten. Eine weitere Besonderheit ist sicherlich die Koexistenz der verschiedenen künstlerischen Biotope – die Kunstszene, die schon vor der Wende hier groß war, die Leute, die in den Neunzigern und Nullerjahren das geschaffen haben, was einen großen Teil der Berliner Anziehungskraft ausgemacht hat und dann die Gegenwart, in der wir mit den wirtschaftlichen Folgen dieser Attraktivität leben müssen – für den künstlerischen Mittelstand ist das ja bekanntlich ein Bumerang, denn der Erfolg hat die Orte seiner Entstehung unbezahlbar gemacht und damit die meisten vernichtet. Mit der Möglichkeit im Rücken, artspring zu veranstalten, geht der Wunsch einher, Stadt wieder selbst mitzugestalten. Und dies eben auch, indem wir die Türen öffnen und der lokalen Bevölkerung zeigen, dass wir da sind. Mangels Projekträume ist das ja sonst schwer feststellbar. Wir waren in den letzten Jahren aber eben auch im Museum Pankow, in den Bibliotheken, im Planetarium und im Einkaufszentrum präsent – nicht immer klassische Kunstorte, aber alles Orte, an denen wir Menschen in absichtslosen Situationen begegnen konnten. 

CCB Magazin: In die Zukunft geblickt: Könnten solche Festivals im Netz Schule machen? Auch andere Veranstaltungen wie die Superbooth oder die re:publica gehen ganz oder teilweise ins Netz. Sind das Modelle aus der Not geboren oder Formate für die Zukunft? 

Julia Brodauf:Der Auftritt im Netz kann sicherlich weitere Türen öffnen, als die bloße Anwesenheit an einzelnen Orten. Natürlich hat die aktuelle Situation vorhandene Ansätze da jetzt sehr beschleunigt. Und dennoch schaffen sie gerade in ihrer zeitlichen Flexibilität und in ihrer Omnipräsenz eine Erleichterung in der Zugänglichkeit der Angebote. Gerade Kulturveranstaltungen werden noch sehr lange von Einschränkungen betroffen sein, insofern kann man davon ausgehen, dass die kreativen Köpfe mit den „neuen“ Medien in der Zwischenzeit auch neue Selbstverständlichkeiten etablieren werden. Wir glauben nicht, dass Corona an und für sich Berlin als Kunststandort verändern wird. Die Pandemie ist eine Krise, die wirtschaftliche Schwankungen verursacht. Aber in Berlin hat sich schon vorher abgezeichnet, dass eine weitere Kunstmesse gescheitert ist, dass also der klassische Kunstmarkt hier schwer um die Kundschaft kämpft, weil das passende Publikum eher von außerhalb herangeschafft werden muss. Während gleichzeitig die freie Szene durch Einmischung an vielen unterschiedlichen Stellen laut und umtriebig bleibt – und das sind die Menschen, die auch hier leben und arbeiten, und das selbstverständlich auch nach Corona noch genauso tun werden. Vielleicht ist es sogar so, dass schon verloren geglaubte Zwischenräume und Nischen wieder entdeckt und belebt werden.


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