Digitalisation, Corona back

Lutz Leichsenring: „Ein Live-Erlebnis kann man einfach nicht digitalisieren“

Lutz Leichsenring: „Ein Live-Erlebnis kann man einfach nicht digitalisieren“
Photo: © Clubcomission

Berlin hat mehr als 280 Clubs, und alle sind derzeit geschlossen. Keine Branche trifft die Corona-Krise so hart wie die Clubszene. Neben staatlichen Hilfen läuft seit Wochen die Crowdfunding-Kampagne United We Stream auf betterplace.org. Kann das die Clubs retten? Werden wir bald alle mit Masken tanzen? Ein Gespräch mit Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission.
 

INTERVIEW   Jens Thomas 

 

CCB Magazin: Lutz, du bist Sprecher der Clubcommission, wie ist die Stimmung in der Club-Szene?

Lutz Leichsenring: Ach, bei uns ist die Stimmung ganz gut. Unsere Kampagne hat ja viele elektrisiert, das hebt die Laune etwas. Jetzt muss man mal schauen, wie sich das die nächsten Wochen und Monate weiterentwickelt. Für die Club-Szene insgesamt ist die Lage natürlich sehr beunruhigend.

CCB Magazin:Keine Branche trifft die Corona-Krise so hart wie die Clubszene. Ihr lenkt die Aufmerksamkeit seit Wochen über eine Crowdfunding-Kampagne auf die desolate Lage. Das kann doch die Clubszene in der Stadt nicht retten. 

Lutz Leichsenring:Auf keinen Fall. Hier geht es vor allem auch um Aufmerksamkeit. Manch ein Club bräuchte allein pro Jahr schon in etwa so viel, wie wir durch die ganze Crowdfunding-Kampagne bislang eingenommen haben – rund 500.000 Euro. Deshalb sind wir auch angewiesen auf Zuschussprogramme von Land und Bund. Bisher konnten kleinere Clubs mit bis zu 10 Mitarbeiter*innen die Soforthilfe II beantragen – ein einmaliger Zuschuss in Höhe von maximal 15.000 Euro. Betriebe mit mehr als 10 Mitarbeiter*innen konnten zudem Zuschüsse aus dem Soforthilfeprogramm IV, einem Kulturhilfsprogramm, bekommen. Bei vielen Betreiber*innen reichen die Gelder aber nicht einmal für die Überbrückung von drei Monaten. Darum setzen wir auch auf die anvisierten Bundeshilfen, die hoffentlich  bald passgenau umgesetzt werden, nur so kann die Clubszene überleben. Kreditangebote sind im Übrigen auch nicht sonderlich empfehlenswert, weil die Clubs oft gar nicht in der Lage sind, sie zurückzuzahlen oder schon so lange existieren, dass sie erst gar keine erhalten: Einige Clubs, die kürzlich Kredite beantragt haben, wurden von den Banken aufgrund von Kreditunwürdigkeit abgelehnt. 

Manch ein Club bräuchte allein pro Jahr schon in etwa so viel, wie wir durch die ganze Crowdfunding-Kampagne bislang eingenommen haben – rund 500.000 Euro. Darum sind wir zusätzlich angewiesen auf die Zuschussprogramme von Land und Bund

CCB Magazin:Ihr sprecht auf eurer Homepage von „sozialen Fällen“. Welche Clubs sind besonders hart betroffen? 

Lutz Leichsenring:Im Grunde trifft es alle Kulturproduzenten der Stadt, die kleinen mit wenig Rücklagen natürlich umso mehr. Wir erfragen gerade, wie viele Rücklagen die Clubs überhaupt noch haben, das kommunizieren wir dann gegenüber dem Senat. Man muss einfach wissen, was diese Clubs für diese Stadt bedeuten: Laut einer Studie, die wir herausgebracht haben, kommt ein Viertel aller Touristen wegen der Clubs nach Berlin. Jährlich erwirtschaften die Clubs einen Umsatz von rund 170 Millionen. Und mindestens genauso wichtig: Ohne unsere Orte haben die Künstler*innen keine Bühnen. Das bricht jetzt alles zusammen. Und das Schlimme für die Clubs ist ja, dass sie immer noch nicht öffnen können – jetzt wo die Lockerungen kommen. 

From you never walk alone to you always streame alone (in a club) - Fotos: Jascha Müller-Guthof

CCB Magazin:Ihr fordert eine Lockerung dahingehend, dass man ab sofort mit Masken in die Clubs kann.  Tanzen mit Maske, ist das nicht fürchterlich? 

Lutz Leichsenring:Das ist keine Ideallösung, aber die Clubs werden die letzten sein, die öffnen dürfen. Wir müssen uns darum etwas einfallen lassen. Momentan experimentieren wir mit Veranstaltungen in den großflächigen Außenbereichen einiger Clubs: Einlass nur mit Mund-Nasen-Bedeckung, der Zugang erfolgt über ein personalisiertes Online Ticketsystem. Bei eventuellen Warteschlangen wird ebenfalls auf 1,5m Abstand geachtet. Ebenso wird in geeigneter Weise auf das Abstandsgebot für Personen geachtet, die nicht in einem Haushalt leben. Bei Betreten müssen alle Personen sich gründlich die Hände waschen und das Betreten und Verlassen wird jeweils gescannt, damit eine Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter für 30 Tage möglich bleibt. Das gesamte Personal arbeitet zudem mit Mund-Nasen-Bedeckung. Und für das Booking werden in erster Linie auch in Berlin lebende Künstler*innen bevorzugt. Nur so geht es. Betreiber*innen von Musikspielstätten, die zudem über keine geeignete Flächen verfügen, sollen bei den bezirklichen Straßen- und Grünflächenämtern in einem vereinfachten Verfahren Sondernutzungsgenehmigungen für geeignete Straßen bzw. Plätze erhalten. Auch müssen eventuell erforderliche Genehmigungs- und Sondernutzungsgebühren für die Musikspielstätten wegfallen. Ich weiß, das klingt alles gruselig, aber wir haben keine andere Wahl, wenn es um Existenzen geht. Andererseits ist auch jetzt schon klar, dass so was teilweise weder für Betreiber*innen noch für Gäste in Frage kommt, weil es eben nicht der Clubkultur entspricht, die nämlich von Nähe und Freiheit lebt. Ein Dilemma.

Ein Viertel aller Touristen kommt wegen der Clubs nach Berlin. Jährlich erwirtschaften die Clubs einen Umsatz von rund 170 Millionen. Das sollten wir einfach nicht aufs Spiel setzen

CCB Magazin:Eure Crowdfunding-Kampagne läuft seit Wochen auf Betterplace. Betterplace bietet das sogenannte donation-based Crowdfunding an. Rein rechtlich handelt es ich hierbei um Spenden. In Deutschland muss eine Spende aber „der Förderung mildtätiger, kirchlicher, religiöser, wissenschaftlicher und als besonders förderungswürdig anerkannter gemeinnütziger Zwecke dienen“. Ein Club ist bekanntlich weder eine Kirche noch ein Wissenschaftsbetrieb. Wie passen Clubs rechtlich in dieses Raster? Und wie wird das steuerrechtlich bei den Clubs zum Schluss verrechnet? 

Lutz Leichsenring:Wir haben einen gemeinnützigen Verein, den Berlin Worx e.V. Damit verfolgen wir seit Jahren gemeinnützige Ziele, zum Beispiel im kulturellen Austausch mit der elektronischen Musikszene Detroit. Darum sind wir auch auf Betterplace, weil sich die Plattform an gemeinnützige Projekte richtet. Wir nehmen das Geld über die Plattform ein und produzieren damit das Streaming-Programm in den Clubs. Aktuell stehen wir bei rund 500.000 Euro. Ziel ist aber eine Million!

CCB Magazin:Und wie läuft der Prozess der Verteilung danach ab? Ihr bekommt das Geld als Spende und spendet es dann weiter an die Clubs? Nach welchem Schlüssel wird das Geld verteilt? 

Lutz Leichsenring:Der Verteilerschlüssel ist etwas kompliziert: 20 Prozent der Einnahmen werden direkt als eine Art Miete ausgeschüttet. Acht Prozent, das sind bis jetzt bereits über 70.000 Euro, gehen an einen sozialen Zweck – an die Stiftung Zivile Seenotrettung. Wir haben kürzlich erst die ersten 300.000 Euro an die Antragsteller ausgezahlt. Die Vergabe erfolgt dann unter Aufsicht eines 10-köpfigen Jury-Beirats auf Basis eines Verteilungsschlüssels, der einen fairen Vergabeprozess gewährleisten soll. Die Clubs stellen dann eine entsprechende Rechnung. Aber wie gesagt, retten tut das die Clublandschaft nicht. Dafür braucht es die angesprochenen Fördertöpfe. 

CCB Magazin:Aber das heißt doch, dass man die Töpfe so lange auffüllen muss, bis die Clubs wieder aufmachen. 

Lutz Leichsenring:Genau so ist es. Allein ein Club wie das Watergate hat 70 bis 80 feste Mitarbeiter und monatliche Kosten in Höhe von etwa 120 000 Euro. Das Berghain hat um die 350 Mitarbeiter. Es gibt aber natürlich auch viele kleinere Spielstätten mit niedrigeren Kosten.

CCB Magazin:Du hast die Soforthilfe 2 und 4 bereits angesprochen. Wie wird das Geld aus der Crowdfunding-Kampagne mit den Mitteln aus der Soforthilfe des Landes Berlin bzw. des Bunds zum Schluss verrechnet? Müssen die Clubs das am Ende sogar wieder zurückzahlen, sollte der Fall eintreten, dass sie wieder aufmachen? 

Lutz Leichsenring:Nein, das glaube ich nicht. Das Geld ist unabhängig von der Unterstützung durch Crowdfunding. Die finanziellen Verpflichtungen, die ein Club hat, gehen auch weit über das hinaus, was durch ein Wirtschafts- oder Kulturförderprogramm aktuell aufgebracht wird. Das Problem ist doch, dass vielen Clubs viele Ausgaben nicht wiedererstattet werden können,  weil sie durch das Raster der Programme fallen. Und es gibt ja auch Rahmenverträge, die bereits abgeschlossen wurden, die kann man jetzt nicht einfach mal so kurzfristig kündigen. Diese Verträge laufen teilweise für ein Jahr. Die Mieten müssen genauso aufgebracht werden, die bei den Berliner Clubs zwischen 5.000 und 15.000 Euro pro Monat liegen. An den Clubs hängen 9000 Berliner Beschäftigte, das ist ein richtiges Ökosystem. Für all die Clubs setzen wir uns ein: Wir wollen, dass sie überleben. 

CCB Magazin:Lutz, wir fragen in den Interviews hier oft, ob man der Corona-Krise irgendwas Positives abgewinnen kann. Wie lautet deine Antwort? 

Lutz Leichsenring:Schwierig. Aktuell verlegen ja fast alle den Offline-Betrieb ins Netz. Das ist eine gute Sache. Aber kein Streaming ersetzt einen Club. Keine 3D-Brille kann das Gefühl ersetzen, neben einer Bass-Box zu stehen und den Vibe zu spüren. Der Künstler hautnah, die Menge im Raum – aber auch die Vibration und das tropfende Kondenswasser von der Decke – das sind die Dinge, die ein Live-Erlebnis ausmachen die man einfach nicht digitalisieren kann.


Profil der Clubcommission Berlin auf Creative City Berlin 

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