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Coworking Spaces in Berlin: Sie sind gekommen, um zu bleiben

Coworking Spaces in Berlin: Sie sind gekommen, um zu bleiben
Photo: © Jan Siefke

San Francisco im Jahr 2005. Als erster offizieller Coworking Space öffnet das „Spiral Muse“ seine Pforten. Fünfzehn Jahre später ist das Modell des kollektiv geteilten Arbeitsraumes weltweit etabliert und Berlin hat sich zu einem Magneten für Coworking entwickelt – bis das Coronavirus dem einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Was passiert jetzt mit den Coworking Spaces - kommen sie durch die Krise? Wie finanzieren und organisieren sich Räume der Nähe und Zusammenarbeit in Zeiten des Abstands? Ein Hausbesuch bei zwei Berliner Coworking Spaces der besonderen Art.
 

Text Fabian Haas

 

Es ist ein strahlend sonniger Vormittag, als die Tram mitten durchs Gründerviertel von Weißensee rauscht. Mein Ziel ist nur einen Steinwurf von der Tramstation entfernt. Auf der anderen Straßenseite erblicke ich ein weit geöffnetes, mit Graffiti besprühtes Eisentor, das zu einem Innenhof führt, wo ein grau zerbeulter Toyota Yaris einsam Wache hält. Die Glasscheiben sind zersplittert, Pflanzen wuchern aus dem Wageninneren, als ob Corona hier bereits seit Jahrzehnten gewütet und alles Leben ausgelöscht hätte. Ich passiere das kaputte Auto und stehe nun mitten auf dem Innenhof von C*SPACE, einem Berliner Coworking Space der ganz besonderen Art. C*SPACE, das steht für „Curiosity, Creativity, Community“, man könnte es aber auch als Synonym für die internationale chinesische Community verstehen, denn das C*SPACE ist Treffpunkt und Austauschort für Künstler und Kreative aus China aber auch für die Berliner internationale Kreativ-Szene. Betrieben wird es von Katja Hellkötter und Jan Siefke, die mich bereits erwarten und freundlich hereinbitten. Sie haben beide 16 Jahre in Shanghai gelebt.

Ich bin hier, weil ich in Erfahrung bringen will, ob und wie die Coworking Spaces durch die Corona-Krise kommen: Wie organisieren und finanzieren sie sich in Zeiten des Abstands und strikter Hygienevorschriften? Seit Wochen hat Corona die komplette Berliner Kultur zum Erliegen gebracht. Museen, Galerien und eben auch die Coworking Spaces hat das finanziell sehr hart getroffen. Nun haben sie wieder geöffnet, aber können sie sich von der Krise erholen? Katja und Jan führen mich ins Innere von C*SPACE, das sich auf zwei Etagen einer ehemaligen Möbelfabrik erstreckt. Der eigentliche Coworking Space liegt in der oberen Etage. Klare Vorschriften diktieren den Umgang miteinander. Man habe Schilder mit Hinweisen wie „Hände desinfizieren“, „Abstand halten“ oder „Maske aufsetzen“ aufgestellt und sichtbar für alle platziert. Dies schreibe der Bezirk so vor. „Das Konzept haben wir während des Pankower Artspring Festival entworfen“, ergänzt Jan. Vollends geschlossen war der Raum aber nie. Während des Lockdowns habe man zwei Künstlern aus Peking, die auf Einladung der Agentur “Agency &” in Deutschland waren, den Raum als Kreativ-Klausur-Ort” angeboten. Jetzt habe man wieder eröffnet, ein erster Testlauf mit 20 Personen sei gut über die Bühne gegangen. Vertrauen zur Community sei dabei momentan enorm wichtig, Angst sei grundsätzlich ein schlechter Ratgeber. “Choosing Trust over FEAR” prangert als bunter Schriftzug an einer kahlen weißen Wand. "Uns geht es hier um die Frage, was Neues entstehen kann", unterstreicht Katja. Dass sich dabei jeder auch an Hygieneregeln halten müsse, sei ebenso klar: „Die Kontaktdaten müssen feinsäuberlich in eine Liste eingetragen werden, um mögliche Infektionsketten nachzuvollziehen“. Kein Händeschütteln, Maske ist Pflicht.

Für uns ist der Coworking Space nicht nur ein Raum. Er ist ein Ort der internationalen Begegnung. Und die Frage ist, was hier Neues entstehen kann

Zu Besuch bei: C*SPACE Berlin. Fotos:  Jan Siefke


Zumindest heute ist es noch still bei C*SPACE. Hier und da kramt mal jemand Papier aus dem Drucker, irgendwo sitzt jemand konzentriert am Rechner. „Wir haben hier noch keinen regulären Betrieb wie früher, aber zumindest gibt es jetzt wieder vereinzelte Termine“, sagt Katja. Eine, die an diesem Tag hier ist, ist Isabell Weber, Präsidentin von SP China Alumni e.V.. Sie sucht im C*SPACE eine Verbindung zu China. „Das, was mich an China so fasziniert, habe ich hier sofort wiederentdeckt“, sagt sie. Ein anderer, der kürzlich da war, ist der Kalligraph Qian Geng. Er hat hier einen Raum während des Ausnahmezustandes gestaltet, der künftig für Coworking genutzt werden soll. Eigentlich war er zusammen mit Sound-Artist Wang Ziheng im März aus China angereist, um an einem Event teilzunehmen. Aufgrund des Lockdowns wurden aus drei Tagen Aufenthalt jedoch ganze sechs Wochen. Der Raum wurde als Notunterkunft genutzt und Qian Geng malte über Wochen chinesische Schriftzeichen auf die Wände: Das Werk: “Common Space - Everything Flows 一 且支流 ”– Gedichte und Zitate, die die Corona-Zeit dokumentieren. Der Raum wirkt jetzt wie ein märchenhaftes Bilderbuch der Krise. 

Die Anzahl der Coworking Spaces hat sich in nur zwei Jahren in Deutschland vervierfacht. Allerdings müssen sich die vielen kleinen Coworking-Betreiber in Berlin immer stärker gegen die prosperierenden Coworking-Ketten wie WeWork oder Unicorn behaupten

Wie es aber weitergeht, das steht noch in den Corona-Sternen. Katja zieht ein erstes Fazit: „Der Umsatzanteil für Events mit externen Kunden ist komplett zum Erliegen gekommen.“ Die Events machten in etwa die Hälfte aller Einnahmen aus. Man könne sich aber glücklich schätzen, dass eines der Flaggschiff-Programme, das CITYMAKERS China-Europe, ein Programm zur internationalen Verständigung zu Fragen einer lebenswerten Stadt, mit einer sattelfesten Förderung der Robert Bosch Stiftung ausgestattet ist. Dieses Programm läuft weiter, aktuell mit neuen Online-Formaten. Immerhin kämen jetzt auch wieder erste Gäste. „Wir verstehen uns aber nicht nur als physischen Raum“, fügt Jan hinzu. Das C*SPACE sei wie ein familiärer Ort, es ginge um internationale Beziehungen und persönliche Weiterbildung. Und Ziel sei es, „etwas mit diesem Kiez zu machen“. Das Konzept Coworking lebe ja von Nähe auf engem Raum, was sich aktuell freilich als schwierig erweise. 

Zwei der Coworker, die an diesem Tag da sind, sitzen am anderen Ende des Tisches. Der eine ist Song Yuzhe, ein schlanker Mann in bordeauxrotem Farah-Hemd und mit leicht graumeliertem Haar, dessen Tochter wild auf seinem Schoß herumtollt. Song Yuzhe ist Musiker, am liebsten spielt er auf einer Fretless Banjo, vor acht Jahren kam er „eher spontan“ nach Berlin – am Prenzlauer Berg ist er jetzt sesshaft geworden. Er plane aktuell mit Jan und Katja ein Festival, um Musiker aus Bejing, Edinburgh und Berlin zu vereinen. Der andere Coworker im C*SPACE ist Wang Keyao, ein Fotograf und Architekt mit Brille und Dutt, der über ein Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung nach Berlin kam. Neben der Renovierung von historischen Gebäuden im urbanen Raum bereite er mit Katja und Jan eine kleine Ausstellung zu Fotografie vor. Keyao ist überzeugt, dass das Coronavirus einen starken Einfluss darauf haben wird, wie wir in Zukunft freie Räume in Städten nutzen werden. „Nichts wird so sein wie vorher“, ist er sich sicher. Da sich für Künstler mittlerweile vieles auf dem digitalen Weg lösen lasse, werde es auch zu einer größeren Zahl von leerstehenden Gebäuden kommen. 

Das wird sich zeigen, denke ich. Denn zumindest Tobias Kollewe, Vorstandsmitglied des Bundesverband Coworking Deutschland, gibt einigermaßen grünes Licht für die Coworking Spaces in Berlin. Im Gegensatz zu den Clubs, die immer noch geschlossen sind, ist der Einlass dort jetzt wieder erlaubt. Kollewe gibt zwar zu verstehen, dass nicht alle Spaces die Krise überstehen werden. "Es wird eine ungewollte Marktbereinigung geben". Ihm sei bislang aber kein Coworking Space in Berlin bekannt, der wegen Corona in eine finanzielle Schieflage geraten ist. Betreiber in Berlin und anderen großen Metropolen seien vergleichsweise gut aufgestellt, da die Spaces oft schon seit Jahren bestehen und sich ein großes Publikum aufgebaut haben. Man muss wissen: In Berlin gibt es derzeit zwischen 100 und 200 Coworking-Spaces. Eine genaue Zahl existiert zwar nicht, weil es auch keine klare Definition gibt, was ein Coworking Space ist. Klar ist aber: Die Anzahl der Coworking Spaces hat sich in nur zwei Jahren in Deutschland vervierfacht, bundesweit gibt es gegenwärtig über 1.260 Spaces – so das Ergebnis einer Markterhebung des Bundesverbandes Coworking Spaces Deutschland (BVCS). Der globale Immobiliendienstleister JLL schätzt sogar, dass 2030 bereits 30 Prozent aller Büroflächen auf flexible Konzepte wie Coworking entfallen könnten. Und doch scheint die Krise – unabhängig von Corona – seit längerem auf dem Coworking-Markt angekommen zu sein. Nach Thomas Beyerle, Chefresearcher der internationalen Immobilienberatungsgesellschaft Catella, der die Entwicklung der Spaces in einer Studie analysiert hat, ist der jahrelange Boom im Coworking-Segment schon wieder vorbei. Ohnehin müssen sich die vielen kleinen Coworking-Betreiber in Berlin mittlerweile neben den prosperierenden Coworking-Ketten wie WeWork oder Unicorn behaupten, die überall am laufenden Band eröffnen – und die meist profitabler sind. Andererseits geht seit Jahren der Trend in Richtung Nachhaltigkeit und das Bedienen der Nischen – letzteres könnte den kleinen Anbietern in die Karten spielen. 

Im CoWomen geht's voran - oben auf dem Bild die drei Gründerinnen, darunter die Arbeitsräume - Fotos: Ana Torres

Eine solche Nische bedient auch das CoWomen, mein zweiter Besuch an diesem Tag. CoWomen liegt in Berlin-Mitte. Der Coworking Space wurde von Sara-Marie Wiechmann, Hannah Dahl und Kat Brendel 2018 gegründet, um Frauen in der Arbeitswelt zu stärken. Zugleich ist CoWomen ein Ort, an dem man sich auch privat austauscht. „Dieser Space hat ein klares Thema, er hat eine Vision. Wir wollen die Arbeitswelt für Frauen inklusiver und diverser machen“, unterstreicht Sara-Marie gleich zu Beginn. Von außen ist das Haus buttermilchgelb. Im Inneren befindet sich ein gemütlich eingerichteter Raum, der eine Art Fusion von Küche und Wohnzimmer darstellt. Auf einem kleinen Abstelltisch neben dem Eingang stehen ein eingeschaltetes Notebook und eine Flasche Desinfektionsmittel. Sara-Marie Wiechmann, langes blondes Haar, nimmt Platz. Sie erzählt, dass hier nun häufiger geputzt und desinfiziert wird als sonst. Das mit dem Mindestabstand sei aber kein Problem, es sei auch vor Corona kein Problem gewesen, weil die Arbeitstische schon immer eine Distanz von über 1,5 Metern gehabt hätten. Im Schnitt würden hier pro Tag fünf bis sieben Menschen gleichzeitig arbeiten. Ein- und ausgecheckt werde mit der Coworking Software Nexudus. 

Der Trend bei den Coworking-Spaces geht seit Jahren in Richtung Nachhaltigkeit und zum Bedienen von Nischen

Und wie sieht’s bei CoWomen mit den Finanzen aus? „Wir tun alles dafür, um durch die Krise zu kommen“, sagt Sara-Marie. Die Gründung von CoWomen wurde anfänglich mit einem klassischen Unternehmenskredit finanziert. Während des Corona-Lockdowns habe man dann aufgrund der hohen Mietkosten und sonstigen Ausgaben die Corona-Soforthilfe beantragt. „Ans Aufgeben haben wir aber nie gedacht. Wir mussten jedoch schnell reagieren und viel umdisponieren“, stellt Sara-Marie klar. Man habe sonst keine weiteren staatlichen Hilfen in Anspruch genommen. Das Konzept sei so ausgerichtet, dass 90 Prozent der Gesamteinnahmen durch die langfristigen Mitglieder*innen abgedeckt werden. Jetzt hoffe man eben, dass der Motor wieder zum Laufen gebracht wird. CoWomen-Chefin Sara-Marie gibt sich zuversichtlich: „Wir haben bislang nur wenige Mitglieder verloren.“ Und die meisten seien wegen der Community geblieben. „Bei uns ist das Investment weniger eines in die physischen Räume, es ist eins in die Community. Coworking Spaces sind Orte der Begegnung, des Zusammenschlusses“, fährt sie fort. „Und wir sind gekommen, um zu bleiben.“ 

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, auch ich würde gerne bleiben, muss aber los. Die aufmunternden Worte von Sara-Marie bleiben mir noch im Ohr, und ich denke: So wie Coworking Spaces 2008 in der damaligen globalen Finanzkrise erst groß wurden, könnte jetzt aus der weltweiten Corona-Krise etwas Neues entstehen. Sowohl im C*SPACE als auch im CoWomen sind die ersten schon wieder am Werkeln – und es werden nicht die letzten sein.

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