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Maja Stark: „Wir schaffen die Basis“

Maja Stark: „Wir schaffen die Basis“
Photo: © Xavier Bonnin Apropos Foto

Maja Stark ist Koordinatorin des INKA-Projekts AURORA an der HTW Berlin. Mit ihrem Team vermittelt sie Künstlerinnen und Kulturschaffenden, wie sie die Technologie Augmented Reality (AR) für ihre Zwecke einsetzen können – und füllt damit eine Lücke im Kulturbereich. Aber wie genau funktioniert das? Was ist an AR so besonders?


Interview: Boris Messing

 

CCB Magazin:Bonjour Maja. Ça va?

Maja Stark:Bonjour, ça va bien. Et toi?

CCB Magazin:Du hast Kunstgeschichte mit den Nebenfächern Französisch und Italienisch in Berlin und Paris studiert und koordinierst jetzt das INKA-Projekt AURORA School for ARtists an der HTW Berlin. Erzähl doch mal, was fasziniert dich an Augmented Reality und wie kam das Projekt AURORA zustande?

Maja Stark:An Augmented Reality fasziniert mich, dass man die analoge mit der virtuellen Welt kombinieren kann – im Unterschied zur Virtual Reality, wo man ganz in die virtuelle Welt eintaucht. Man hat immer noch die Referenz zur analogen Welt, kann damit spielen und interessante Synergien bilden, die überraschen und eine zusätzliche Dimension eröffnen. Das Projekt AURORA kam durch die Erfahrung der Forschungsgruppe INKA an der HTW zustande, in der ich arbeite. INKA ist wiederum Teil des Forschungszentrums für Kultur und Informatik, das sich an der Schnittstelle von Kultur und Informatik bewegt. Unser Forschungsgruppenleiter, Jürgen Sieck, hatte die zündende Idee, die sonst eher großen Akteuren vorbehaltene AR-Technologie Kulturschaffenden zu vermitteln, weil er das als eine Lücke an Angeboten für die freie Kreativszene erkannte. Mit der EFRE-Förderung konnten wir das dann umsetzen.

CCB Magazin:Und für was steht INKA, Maja?

Maja Stark:INKA steht für Informations- und Kommunikationsanwendungen – und momentan vor allem für drei interdisziplinäre Projekte (APOLLO, AURORA und ab September XR_Unites), in denen mobile Anwendungen für den Kultur- und Kreativbereich entwickelt werden. 

CCB Magazin:Ihr zeigt Künstlerinnen und Künstlern wie sie AR für ihre Kunst benutzen und integrieren können. Gibt es ein Projekt, das dich besonders beeindruckt hat?

Maja Stark:Ich finde es toll, wenn es in die Gesellschaftskritik reingeht, zum Beispiel bei Dani Ploegers Projekt Smart Fence oder bei Theresa Reiwers Arbeit TOVIAS. Ich finde auch großartig, wenn aus Projekten potenzielle Geschäftsmodelle entstehen. Da fällt mir Anke von der Heide ein mit ihrer Planungsapp MIRAR für Fassadenprojektionen. Als HTW-Projekt versuchen wir auch immer eine Brücke zur Wirtschaft zu schlagen. Aus Sicht der Kunstgeschichte liebe ich aber auch Werke wie die von Bianca Kennedy oder Felix Kraus, die Gemälde durch AR um eine zusätzliche Dimension erweitern.

AR wird sich immer weiterverbreiten. Ich sehe vor allem Potenzial im industriellen und medizinischen Bereich. Aber auch Kulturinstitutionen und freie Kreative werden von neuen Experimentierfeldern, Ausdrucks- und Vermittlungsmöglichkeiten profitieren

CCB Magazin:Du bist auch Dozentin für die Kunst- und Kulturgeschichte von AR. Seit wann gibt es diese Technologie überhaupt und wer hat sie entwickelt?

Maja Stark:Die Technologie wurde schon seit den 1950er/60er Jahren entwickelt. Der Kreativbereich hat dabei von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt. So hat Morton Heilig in den 1950ern das Sensorama entwickelt, das als Kino der Zukunft alle Sinne erweitern sollte. Das berühmteste und erste Beispiel aus der Forschung ist Ivan Sutherlands Head Mounted Display von 1968. Das war eine massive, an die Decke montierte Brillen-Konstruktion. Mobiler wurde es erst in den 1990er Jahren mit den ersten Laptops und dann natürlich mit den Smartphones als kleinen Minicomputern. Die ursprüngliche Intention der technologischen Entwicklung lag im Bereich Industrie und Produktion: Bei Boeing wurde schon in den 1990er Jahren mit AR zur Unterstützung der manuellen Fertigung experimentiert.

CCB Magazin:Glaubst du, dass AR einmal zum Massenmedium werden wird? Wo siehst du das größte Potenzial?

Maja Stark:Auf jeden Fall. Ein großer Haken im Moment sind die vielen kleinen Apps, die man sich erst runterladen muss und die teilweise sehr viel Speicherplatz verbrauchen. Ich denke, sobald es mehr Weblösungen gibt, wird sich AR immer weiterverbreiten. Ich sehe vor allem Potenzial im industriellen und medizinischen Bereich, wo AR ja schon bereits vermehrt eingesetzt wird. Auch Kulturinstitutionen und freie Kreative profitieren von neuen Experimentierfeldern, Ausdrucks- und Vermittlungsmöglichkeiten. In Form einer erschwinglichen AR-Brille oder -Kontaktlinse könnte das Medium eines Tages das Smartphone ablösen. Ich finde es in diesem Zusammenhang aber sehr wichtig, dass AR kritisch diskutiert und mitbegleitet wird – gerade auch durch Kunst- und Kulturschaffende. Dafür bietet AURORA eine gute Grundlage.

CCB Magazin:Die AR-Projekte, die bei euch entstehen, funktionieren durch Apps auf verschiedenen Endgeräten. Wie viel Programmierkenntnisse sind nötig, um so ein AR-Projekt zu realisieren? Ist das überhaupt möglich zu meistern in nur so wenigen Monaten?

Maja Stark:Das stimmt, teilweise muss man programmieren können. Das kommt halt auch immer auf die Komplexität der App an. Bei AURORA können wir in der Kürze der Zeit natürlich nur eine Basis schaffen und nicht vermitteln, wofür andere drei Jahre studieren. Aber die Leute können reinschnuppern und sich im Anschluss selbst weiter damit beschäftigen. Oder sie bewerben sich im Anschluss an die Kurse auf einen Arbeitsplatz in unserem Produktionslabor. Wer ein starkes Konzept hat und eine technische Aufgabe lösen konnte, erhält über einen Zeitraum von drei bis zu sechs Monaten Unterstützung bei der Umsetzung der eigenen App.

CCB Magazin:Apropos Leute. Wie viele bewerben sich bei euch für einen Kurs, ist der Andrang groß?

Maja Stark:Durch die EFRE-Förderung müssen die Kursteilnehmer ja nur 20 Euro fürs Catering bezahlen, daher ist der Andrang tatsächlich groß. Die Kurse sind inzwischen immer voll, wir führen Wartelisten. Ich habe den Eindruck, dass da ein großer Bedarf herrscht und das Angebot auch sehr dankbar angenommen wird. 

CCB Magazin:Offiziell endet das AURORA-Projekt 2021. Wegen Corona fallen aber die Kurse im September aus. Wird es dafür einen Ersatztermin geben? Wird AURORA über 2021 weitergeführt werden?

Maja Stark:AURORA läuft bis Ende März 2021, womit wir vorerst keine weiteren Kurse anbieten können. Das Produktionslabor und die AR-Sprechstunde laufen aber weiter. Und für Ende September 2020 planen wir kurze Lehrvideos zum ersten und zweiten Kurs. Eine Verlängerung bis Ende 2021 ist denkbar, dazu sind wir mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa im Gespräch. Zum 1. September 2020 startet jetzt aber erstmal unser neues EFRE-Projekt, ebenfalls im Programm INP-II, mit dem Titel XR_Unites – Kollaborative Kulturangebote mit Extended Reality! 

CCB Magazin:Na dann, bonne chance.

Category: Specials

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