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Ein Festival für ZEBRA-Streifen

Ein Festival für ZEBRA-Streifen
Photo: © Frieder Unselt

Kurzfilm und Poesie - auf dem ZEBRA Poetry Film Festival gehen zwei Kunstgenres eine Symbiose ein, die sich zu einer ganz eigenen Kunstform verdichten: dem Poesiefilm. Gegründet 2002, war ZEBRA damals die erste und größte Plattform für Kurzfilme, die auf Gedichten basieren. Seither haben Filmemacher und Dichterinnen Tausende an Werken eingesandt, von denen die besten jedes Jahr ausgezeichnet werden. Dieses Jahr fand das Festival erstmals online statt – aber dadurch sind auch zum ersten Mal alle Poesiefilme im Netz zu sehen. Wir haben mal ein Auge drauf geworfen.
 

Text Boris Messing

 

Nein, ZEBRA ist kein Pferd, es ist ein Poetry-Filmfestival, das sogar schon 20 Jahre Berliner Historie auf dem Buckel hat - aber noch immer ein Exot unten den zahlreichen Filmfestivals ist, die sich weltweit etabliert haben. Es gibt nur wenige seinesgleichen. Denn das Festival verbindet zwei Kunstgenres, Gedicht und Kurzfilm, die sich zu einer neuen Kunstform verdichten: zum Poesiefilm. Diese Form der Symbiose erfreut sich seit der Gründung des Festivals 2002 immer größerer Beliebtheit – bei Künstlern wie beim Publikum. Auch in diesem Jahr wurden der Leitung des Festival-Teams wieder unzählige Werke aus über hundert Ländern zugesandt, von denen es 250 in die Endauswahl schafften und 34 im Wettbewerb vertreten waren. Wegen der Corona-Pandemie fand das ZEBRA Filmfestival diesmal vom 19. bis 22. November ausschließlich online statt und nicht wie sonst im Haus der Poesie in der Kulturbrauerei. Dadurch werden aber auch erstmals peu à peu alle Filme ins Netz gestellt, die teils umsonst teils über eine Paywall zu sehen sind.

Die Stärke eines Poesiefilms ist seine Komprimiertheit: Er schafft es, in kürzester Zeit eine komplexe Geschichte oder Aussage nachhaltig zu vermitteln (Thomas Zandegiacomo Del Bel)

Thomas Zandegiacomo Del Bel ist seit 2006 künstlerischer Leiter des ZEBRA und Teil der Jury der Wettbewerbsfilme. Er kennt viele Kollaborationen von Dichterinnen und Filmemachern, die bereits über viele Jahre hinweg gemeinsam Poesiefilme schaffen. Diese Kollaborationen ermöglichen eine breitere Rezeption der Werke. Poesie und in geringerem Maße auch der Kurzfilm sind im Vergleich zu ihren größeren Geschwistern Prosa und Langspielfilm noch immer Nischenkunstprodukte. Eine Symbiose beider potenziert ihre Ausstrahlkraft und Reichweite. Dabei ist diese Symbiose, weiß Zandegiacomo Del Bel, so neu eigentlich nicht. Seit es den Film gibt habe es eigentlich immer schon Gedichtverfilmungen gegeben. Eines der prominentesten Beispiele sind die Faustverfilmungen, aber auch surrealistische Klassiker wie Luis Buñuels „Ein andalusischer Hund“ von 1929 sind davon beeinflusst. Der Film habe sich einiges von der Erzählkonstruktion von Gedichten abgeschaut. Plötzliche Ortswechsel, Zeitsprünge, Ellipsen, Rückschauen, an solche Brüche und Wechsel sei ein heutiger Filmrezipient gewohnt, das alles habe sich aber erst allmählich entwickelt. Wie auch das Gedicht müsse der Kurzfilm stark verdichten, Brüche einbauen, Schnitte machen. Die Stärke der Poesiefilme sieht Zandegiacomo Del Bel gerade in ihrer verdichteten Prägnanz: wie bei einem guten Song blieben Szenen, Zeilen, Eindrücke im Gedächtnis haften.

Sie nehmen uns unsere Jobs und Häuser weg; sie verführen unsere Frauen; sie bringen Krankheiten mit sich und ihre Kultur und ihre Wertvorstellungen sind anders als die unsrigen; sie werden sich niemals integrieren - all diese rassistischen Aussagen über die syrischen Flüchtlinge hat es im gleichen Tonfall bereits auf der Konferenz von Évian über die Juden gegeben (Ghayath Almadhoun)

Auf welche Fragen der Zeit hat der Poesiefilm Antworten? Was wird thematisiert? Viele der Poesiefilme befassen sich mit großen Themen wie Menschenrechte, Flüchtlingskrise, Klimawandel oder Feminismus. Form und Inhalt der Poesiefilme sind dabei keine Grenzen gesetzt, weshalb ihre Realisierung auch bunte Formen annimmt. Jedes Jahr zeichnet die ZEBRA-Jury den besten Poesiefilm aus. In diesem Jahr besteht er aus nur zwei bewegten Bildern, die mit emotionsbetonter Musik untermalt sind. Über einem gewitterverhangenen, aufbrausenden Meer und den bedrückenden Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin ertönt die Stimme des palästinensisch-schwedischen Schriftstellers Ghayath Almadhoun, der in ruhigem Tonfall sein Gedicht „Évian“ aufsagt. Almadhoun spielt darin auf die Konferenz von Évian im Jahr 1938 an, bei der über das Schicksal der deutschen und österreichischen Juden beraten wurde. Mit Rückblick auf die damalige Unwilligkeit der Länder, Juden vor der Bedrohung durch das Nazi-Regime aufzunehmen, zieht Almadhoun einen direkten roten Faden zum Ertrinken syrischer Flüchtlinge im Mittelmeer. Es ist Almadhouns siebter Poesiefilm, seit er 2009 von der schwedischen Poetin Marie Silkeberg in das Genre eingeführt wurde. „Évian“ ist schwere Kost, umrahmt von einer kraftvollen Bildsprache.

 

Ganz anders und viel verspielter zeigt sich der Gewinner des von Ritter Sport gesponserten Filmpreises: „The Opposites Game“ von Anna Samo und Lisa LaBracio, der auf dem gleichnamigen Gedicht von Brendan Constantine beruht, ist die Geschichte einer Schulklasse, die sich leidenschaftlich darüber streitet, was das Gegenteil einer Pistole sei. Ist es ein Buch, eine Blume oder doch eher eine Umarmung? Mit Bleistift gezeichnet und comicartig arrangiert entwickelt der Poesiefilm seine ganz eigene Komik, ein Minidrama mit Diskurstiefe. Die Unterschiede von „Évian“ und „The Opposites Game“ lassen erahnen, wieviel künstlerische Möglichkeiten und Ausdruckskraft in diesen Filmen steckt. Ob sie wirklich so eindrücklich im Gedächtnis haften bleiben wie ein guter Song mag dahingestellt sein. Aber eines sind sie garantiert: unterhaltsam-anspruchsvoll und ästhetisch bis ins kleinste Detail durchdacht.

 

Category: Specials

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