Sustainability, Digitalisation, New Work, Corona back

Jeannine Koch: "Wir brauchen neue Konjunkturprogramme und ein Home-Office-Gesetz, das gut durchdacht ist"

Jeannine Koch: "Wir brauchen neue Konjunkturprogramme und ein Home-Office-Gesetz, das gut durchdacht ist"
Photo: © Emely Timm - Die Hoffotografen

Drei Jahre lang war Jeannine Koch Direktorin der re:publica. Seit Anfang des Jahres ist sie das neue Gesicht vom media:net berlinbrandenburg. Wie will sie ein Netzwerk wie das media:net neu aufstellen? Welche Impulse will sie für die Kreativwirtschaft in Berlin setzen? Ein Gespräch über die Corona-Krise, den Ist-Zustand der Kultur und die Zukunft der Kreativbranche in Berlin.
 

INTERVIEW   Jens THOMAS

 

CCB Magazin:Hallo Jeannine, du bist Anfang des Jahres von der re:publica zum media:net gewechselt. Das media:net ist seit Gründung 2001 das Netzwerk der Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft in Berlin und Brandenburg. Jetzt, wo alles digital wird, macht da ein Begriff wie Digitalwirtschaft überhaupt noch Sinn?

Jeannine Koch:Ja und nein. Die Digitalisierung ist natürlich ein horizontales Thema, das heißt, es betrifft uns alle, ob wir wollen oder nicht. Gerade deshalb muss man sich fragen, wofür die Digitalisierung eigentlich steht: Was verändert sie im Ganzen? Vor welchen Herausforderungen stehen wir? Was bedeutet sie für die Kreativwirtschaft und die Unternehmen?

CCB Magazin:Wie lautet deine Antwort?

Jeannine Koch:Wir sehen doch gerade, dass sich durch die Digitalisierung alles verändert: wie wir arbeiten, kommunizieren, dass wir aber auch nicht alles digitalisieren können. Die physischen Begegnungen, das Miteinander, das lässt sich nicht so einfach digitalisieren. Zugleich erfahren gerade die Geschäftsfelder der Kreativwirtschaft durch die Digitalisierung eine neue Aufmerksamkeit. Das, was es zuvor schon gab, wird auf neue Weise zugänglich: Ausstellungen lassen sich digitalisieren. Anwendungen wie VR oder AR verändern Arbeit und Darstellungsformen von Kunst und Kultur. Die Digitalisierung ist ein Möglichmacher.

Mein Ziel ist es, die Digitalbranche in Berlin und in der Metropolregion zu stärken. Ich werde mich für die Schaffung neuer digitaler und analoger Plattformen einsetzen. Ich will neue Formate und interdisziplinäre Vernetzungsmöglichkeiten schaffen

CCB Magazin:Du sitzt jetzt an der Spitze vom media:net, dem Branchennetzwerk mit über 450 Mitgliedern. Ihr vertretet und vernetzt die Akteure auf Landes- und Bundesebene, bietet Fortbildungen an und setzt euch für die Verbesserung der Rahmenbedingungen am Standort Berlin-Brandenburg ein. Was genau ist dein Ziel mit media:net? Was willst du verändern und voranbringen?

Jeannine Koch:Mein Ziel ist es, die Digitalbranche in Berlin und in der Metropolregion zu stärken. Dabei wird mein Fokus zunächst einmal auf der Stärkung und Erweiterung des Netzwerkes liegen, insbesondere aus der in Berlin-Brandenburg stetig wachsenden Digitalwirtschaft. Ich werde mich für die Schaffung neuer digitaler und analoger Plattformen einsetzen. Ich will neue Formate und interdisziplinäre Vernetzungsmöglichkeiten schaffen, sowohl innerhalb des Netzwerkes als auch darüber hinaus. Nicht zuletzt versteht sich das media:net auch als Sprachrohr der Mitglieder-Branchen in die Politik.

CCB Magazin:Gerade ist das neue medien.barometer 2020/21 zu den Folgen der Corona-Pandemie erschienen: Der Anteil der mit dem Geschäftsverlauf zufriedenen und sehr zufriedenen Unternehmen hat sich während des ersten Lockdowns von 79 auf 35 Prozent mehr als halbiert. 59 Prozent erschließen sich zudem neue Geschäftsfelder. Auf der anderen Seite wird das Arbeiten im Mobile- oder Home-Office überaus geschätzt. Welche Forderungen gilt es an die Politik zu adressieren?

Jeannine Koch:Eine ganze Menge. Die Ergebnisse zeigen ja: Die Fördertöpfe wurden intensiv genutzt. Über die Hälfte der befragten Unternehmen hat staatliche Unterstützungsprogramme in Anspruch genommen. Für den Weg aus der Krise bedarf es für 43 Prozent der Unternehmen aber einer Investitionsförderung, gefolgt von steuerlichen Anreizen mit 41 Prozent und dem Ausbau bestehender Fördermaßnahmen mit 39 Prozent. Hier müssen wir ansetzen und das heißt: Wir brauchen mehr Investitionsförderungen. Es muss neue und stärkere steuerliche Anreize geben. Wir müssen neue Konjunkturprogramme auf den Weg bringen, die auch nach der Krise helfen. Jetzt muss es aber erst einmal darum gehen, die Krise zu überstehen. Und das Interessante an den Ergebnissen ist ja: Alle Unternehmen, die wir zwischen Ende August und Ende Oktober befragt haben, sehen in der Situation  zugleich eine enorme Chance.

Wir brauchen mehr Investitionsförderungen. Es muss neue und stärkere steuerliche Anreize geben. Wir müssen neue Konjunkturprogramme auf den Weg bringen, die auch nach der Krise helfen

CCB Magazin:Laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Landesmusikrates Berlin sehen 29 Prozent der Musikschaffenden durch die Corona-Krise keine berufliche Perspektive mehr. Sie planen darum einen Berufswechsel oder haben ihn bereits vollzogen. Nur ein Fünftel blickt positiv in die Zukunft. Ist das nicht dramatisch?

Jeannine Koch:Das ist es. Gerade die Musikwirtschaft und der ganze Veranstaltungsbereich hat besonders großen Unterstützungsbedarf. Da ist alles eingebrochen. Auch die Filmwirtschaft liegt brach, speziell die Kinos, die komplett ohne Einnahmen sind. Dieser Branche geht es schlecht, das kann man auch nicht schönreden, hier muss der Staat einspringen. Die andere Seite ist: Ein Viertel der befragten Unternehmen gibt an, dass Home-Office zu einer Steigerung der Produktivität geführt hat. Das Ermöglichen von mobilem Arbeiten und Home-Office wird überaus geschätzt. Hier können wir aus der Krise eine Menge mitnehmen. Prozesse von Work-Life-Balance, über die wir seit Jahren reden, lassen sich neu denken. Zugleich heißt das, die Risiken im Blick zu haben, die durch Home-Office ebenso entstehen können, Stichwort permanente Erreichbarkeit und die Aufweichung der Trennung von Beruflichem und Privatem. Es braucht neben neuen Konjunkturprogrammen für die Kreativwirtschaft darum ein Home-Office-Gesetz, das gut durchdacht und ausgearbeitet ist – und auch Rechtssicherheit für den Arbeitgeber gewährleistet. Stichwort: Arbeitsschutz, Datenschutz, Arbeitszeitregelungen.

CCB Magazin:Eine kürzlich erschienene Studie von Greenpeace zeigt, dass das Home-Office auch ressourcenschonend ist: Über 5,4 Millionen Tonnen CO2 lassen sich pro Jahr einsparen. Das entspricht 0,6 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen in Deutschland. Der Ökologiegedanke wird in den Kreativwirtschaftssektoren immer wichtiger. Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen?

Jeannine Koch:Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn man nicht mehr dauerhaft pendeln muss, reduziert das nicht nur den CO2-Ausstoß. Es reduziert auch den Stress, der durch das Pendeln entsteht. Wir haben jetzt die Chance, Dinge grundlegend anzugehen. Wenn Menschen vermehrt von zu Hause arbeiten können, kann das Umland auch attraktiver werden – was den angespannten Wohnungsmarkt in Berlin entlasten kann. Das sind wichtige Effekte, auf die wir in der Zukunft setzen sollten.

Wir haben jetzt die Chance, Dinge grundlegend anzugehen. Prozesse von Work-Life-Balance, über die wir seit Jahren reden, lassen sich über ein neues Home-Office-Gesetz neu denken. Die Veranstaltungen der Zukunft könnten sogenannte Hybrid-Formate sein - analog, digital, nachhaltig. Zugleich können wir nicht alles digitalisieren. Eine digitale Konferenz ersetzt keine zwischenmenschlichen Begegnungen

CCB Magazin:Stichwort steuerliche Anreize für die Kreativwirtschaft: Wie genau sollen die aussehen? Inwiefern lassen sie sich auch mit dem ökologischen Gedanken verbinden? Seit dem 1. Januar gilt in Deutschland für die Automobilindustrie der sogenannte CO2-Preis: Wer fossile Brennstoffe wie Benzin, Kohle oder Erdgas in Umlauf bringt, zahlt dafür, wer sie vermeidet, wird steuerlich entlastet. Braucht es ein solches Gesetz für die Kultur- und Kreativwirtschaft?

Jeannine Koch:Das sind die richtigen Ansätze, ja. Man muss aktuell aber sagen: Für viele geht es jetzt erst einmal ums nackte Überleben. Wir müssen steuerliche Anreize also erst einmal für die schaffen, die wieder auf die Beine kommen müssen. Zugleich lernen wir aus der Krise: Der Verzicht auf Konsum, die Eindämmung von Flugreisen, das ist seit Monaten gelebte Praxis, vieles kann man beibehalten und man kann die steuerlich entlasten, die ökologisch und sozialverträglich arbeiten. Man muss zum Händeschütteln auch nicht nach NRW fliegen. Das geht auch digital sehr gut. Das bedeutet auch kein Qualitätsverlust an Kommunikation. Es entlastet Mensch und Umwelt.

CCB Magazin:Du bist gebürtige Berlinerin, Diplom-Medienberaterin und hast dich über Jahre in der Veranstaltungsbranche verwurzelt. Eingangs sagtest du, dass das Miteinander und Zusammenkommen sich nicht digitalisieren lassen. Inwiefern lässt sich aber gerade der Veranstaltungssektor neu ausrichten? Veranstaltungen sind mit einem hohen Aufwand an Kosten verbunden. Die Materialen werden danach oft nicht mehr gebraucht und verramscht. Wie sehen die Veranstaltungen der Zukunft aus, die sowohl analog, digital als auch nachhaltig sind?

Jeannine Koch:Die Veranstaltungen der Zukunft könnten sogenannte Hybrid-Formate sein. Nur digital, das wird nicht funktionieren. Eine Konferenz kann noch so gut digitalisiert sein, mit noch so tollen Tools, sie ersetzt keine zwischenmenschlichen Begegnungen. Zugleich sehen wir gerade: Vieles geht eben doch digital. Das Thema Beyond-Entertainment wird an Gewicht gewinnen. Formen des immersiven Erlebens bieten neue Begegnungsmöglichkeiten, diese Entwicklung steht auch erst am Anfang. Die Teilnehmerzahlen können sich über digitale Zugänge steigern lassen, es gibt kein Platzproblem und die Grenze nach oben ist offen. Auch Kosten und Material lassen sich einsparen. Zugleich gilt: Viele sind schon jetzt müde, was all diese Online-Formate angeht. Wir dürfen den Bogen auch nicht überspannen. Die gesunde Mischung macht's.  

CCB Magazin:Letzte Frage: Deine Vorgängerin Andrea Peters sagte im CCB Magazin, dass ihr im Büro bei media:net immer noch mit Excel arbeitet. Jetzt bist du als Digitalexpertin an vorderster Front. Gibst du Excel eine Chance?

Jeannine Koch:(Lacht) Hier versuchen wir natürlich neue Wege zu gehen. Ich muss auch meine Aussage im Tagesspiegel zu „Man kann nicht alles wegdigitalisieren“ dazu etwas korrigieren. Bei uns wird intern in Zukunft alles durchdigitalisiert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das heißt nicht, dass wir den Druck auf die Arbeitskräfte erhöhen. Wir wollen Prozesse erleichtern, verschlanken und dadurch neue Zugänge schaffen, gerade was das Thema Kollaboration angeht. Und wir müssen Daten doch nicht 17 Mal an verschiedenen Orten ablegen. Einmal reicht auch aus.

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