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Qualität von Kunst (und kultureller Bildung)


Inwieweit lassen sich künstlerische Prozesse bewerten? Liegt der Wert von Kunst per se nicht darin, dass er nicht klassisch rationalen Bewertungskategorien messbar ist, die zum Beispiel mathematisch greifbar oder in richtig und falsch unterscheidbar sind? Geht es vielmehr nicht darum, zuzulassen und einmal nicht zu bewerten? Allein der Bewertungsdruck steigt überall. Formulare müssen ausgefüllt und Ziele erreicht werden. Schließlich und berechtigterweise möchten die FördergeberInnen wissen, was mit den bereitgestellten finanziellen Mitteln passiert.

Von Malah Helman

Eine Anfrage von „Kinder zum Olymp“ war der Anlass darüber nachzudenken, über die besonderen Energien von Kunst nachzudenken und zu überlegen, was für mich die Qualität eines Kunstprojekts ausmacht.

Kunst ist experimentieren
Die Prozesshaftigkeit ist ein grundlegender Aspekt. Künstlerische Prozesse bieten die Möglichkeit sich mit einem Thema intensiv und offen auseinanderzusetzen.

Freiheit und Fantasie: Spielzone
Dabei gibt es keine Beschränkung der Mittel oder Form. Es sind vielmehr gerade die Herangehensweisen gefragt, die sonst eher eine kleine Rolle spielen, zum Beispiel die Freiheit, etwas auszuprobieren, intuitiv zu handeln oder die Fantasie spielen zu lassen. Während über das Spiel aus kultureller und psychologischer Sicht bereits viel geschrieben wurde, so ist die Bedeutung der Imagination für die Persönlichkeitsfindung und soziale Interaktion erst relativ neu im Fokus der Entwicklungspsychologie. Jedoch sind die genannten Merkmale mehr als ein Überlebens- oder Kreativtraining, sondern vielmehr essentiell in der Entwicklung zum Menschsein.

Vielschichtigkeit
Auch die Mannigfaltigkeit der künstlerischen Mittel oder Ebenen spielt eine Rolle. Möglicherweise kann gesagt werden, dass sich die Gegenwart durch eine Vielzahl vielschichtiger Erkenntnisse in verschiedenen Bereichen auszeichnet. Vielschichtigkeit ob durch Einsatz und Kombination verschiedener Medien oder die Vielfalt möglicher Interpretationen im Wechselspiel von Schärfe und Unschärfe sind schon immer Merkmale von (guter) Kunst gewesen. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ (Paul Klee).

Vibrieren
Ich versuche nun zu beschreiben, was passiert, was in einem guten Kunstwerk passiert oder was dieses auslöst. In der populären Musik gibt es den Begriff des Groovens. Damit ist gemeint, dass man von der Musik erfasst und in Schwingungen versetzt wird. Verschmelzen oder Fließen sind weitere Begriffe, die diesen angenehmen körperlichen Zustand umfassen. Ich meine, dass dieses Vibrieren keineswegs nur auf den Körper beschränkt ist, sondern sich damit auch die Denkvorgänge beschreiben lassen, die einsetzen, wenn uns etwas berührt. Wir sind engagiert und eigentlich immer ganzheitlich erfasst. Kunst, der künstlerische Prozess bewegt.

Das körperlich-sinnliche Element
Eine sehr eigene Qualität sind ihre sinnlichen Reize, die vom akustischen, über das visuelle bis hin zum Körperlichen reichen. In der Betrachtung oder dem künstlerischen Tätigsein fühlen wir, werden berührt.

Vernetzt – bringing body and brain together
Das Zusammengehen geistiger und körperlicher Prozesse ermöglicht eine subtile, komplexe (ganzheitliche) und vernetzte Erfahrung. Beispielsweise bedeutet, Sehen lernen, die Umwelt nicht nur optisch zu erfassen, sondern auch „mit dem Herzen sehen“ (Antoine de Saint Exupéry). Insofern kommt die Wesenhaftigkeit von Kunst auch den aktuellen Erkenntnissen aus der Wissenschaft entgegen- das „Netz des Lebens“ (Fritjof Capra), das den Planet aufbaut, muss erkannt und respektiert werden.

Kunst will erfahren werden
Entdeckungen oder Erkenntnisse sind auf ganz unterschiedliche Art und Weise möglich. Sie sind individuell.

Individualität versus Funktionalität
Auch der künstlerische Schaffensprozess selbst ist prinzipiell individuell und das Ergebnis als solches zu sehen. Dabei gibt es keine Norm. Auch das Primat der Funktionalität, wie in anderen Bereichen oft gesetzt, ist hier kein Thema. Dies ist insofern ein wesentliches Qualitätsmerkmal, als das Individuum als solches in unserer vermeintlich individualisierten Gesellschaft keine Rolle spielt. Aber: ohne den Einsatz des Individuums und der Vielfalt von Inhalten wird es keine Zukunft geben.

Der Begriff des Interesses
Kunst muss interessant sein. Damit meine ich, sie soll Interesse wecken und uns aufmerksam und wach machen- gegenüber (ganz allgemein formuliert) der Umwelt oder uns selbst.

Bewußstsein
Kunst ist ein Medium, ein Mittel, das Sein zum Bewusstsein zu bringen  und gleichzeitig für mehr Selbtbewusstheit zu sorgen. Kunst vibriert in der Reflektion über dem Moment hinaus.
Im besten Fall erweitert oder verändert sie auch den Handlungsmodus.

Spaßfaktor
Zwischen alltäglichen Pflichten, gesellschaftlicher Tristesse und vorgegebener Unterhaltung von Fernseh-Shows bleibt kaum Raum für die persönliche Spaß-Entfaltung. Insofern werden weitere Orte des Spaß-Habens dringend benötigt. Spaß kann sehr unterschiedlich sein. In einem Projekt machte es einem Kind Bewegung durch Kontaktimprovisation sehr viel Spaß. Eine Erzieherin meinte, sie habe den nicht-sprechenden autistischen Jungen noch nie so laut lachen hören. Kunstgenuss ist ein weiteres wichtiges Merkmal.

Kunst als Soziale Plastik
Nach Joseph Beuys ist die Kunst keinesfalls auf die Schaffung materieller Artefakte beschränkt. Ihr eigentliches Anliegen ist die gesellschaftliche Veränderung. Mit Mitteln der Kunst, die den Einzelnen zum umfassenden schöpferischen Handeln auffordert, wird die Gesellschaft lebendig und kann neue Strukturen entwickeln.

Kritik am gesellschaftlichen Ist-Zustand / Wir müssen umdenken, wenn wir überleben wollen (Albert Einstein)
In der Kunst nimmt auch die Gesellschaftskritik einen wichtigen Platz ein. Kunst muss zur Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen auffordern. Sie sensibilisiert und ist daher ein geeignetes Mittel um über Veränderung nachzudenken.

Und noch einmal: Bedeutung der Kunst
„Die ersten drei Schuljahre brachten sie einen dazu, sich alles Mögliche auszudenken und in den restlichen Jahren gaben sie einem genau dafür schlechte Noten.“ (Margaret Atwood, Oryx und Crake). Dieses Zitat beschreibt das Dilemma der Kunst, nämlich den Ruf des letztendlich Unseriösen. Dabei muss es eigentlich im Sinne von Community Arts heißen: mehr Kunst für alle.

Und doch: Kunst/kulturelle Bildung ist evaluierbar
Kunst mag sich den klassischen Bewertungs- und Evaluierungsschemen entziehen. Es wäre dennoch falsch, außerhalb des Kunstmarkts eine Wertlosigkeit abzuleiten. Bis jetzt fehlen geeignete Messparameter. Als Beispiel möchte ich das Phänomen der zunehmenden Probleme der Sprachentwicklung und Lesekompentenz bei Kindern heranziehen. Offensichtlich reichen hier Therapien und Schreib- und Leseförderprogramm nicht aus. Ich habe 2012 ein Mimeprojekt (Schau mich an und hör mir zu) entwickelt, hier geht es ganz essentiell um die Körperlichkeit von Kommunikation, Vielfalt von Ausdruck und die Metaebene von Sprache. Das Projekt ist inklusiv und wendet sich an die Vielheit der Kinder. Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, der Schulbehörde klar zu machen, dass dies mehr als ein zusätzliches Kunstprojekt ist. Dies liegt vor allem daran, dass außerhalb der schulischen Fächer kein Raum ist, von den begrenzten finanziellen Möglichkeiten einmal abgesehen. Dies ist insofern schade, dass die wissenschaftliche Erkenntnis die Fachgrenzen schon gelöst hat. Schulen tun gut daran, fachübergreifende Projekte zuzulassen. Über einen zeitlichen Rahmen und mit erweiterten Parametern können auch die Ergebnisse eines solchen Projekts erfasst werden.

Zurück im Alltag: Grenzen kultureller Bildung
Auch ein Kunstprojekt hat Grenzen, nicht nur weil es zeitlich begrenzt ist, sondern auch weil es natürlich politische Fehlentwicklungen nicht kompensieren kann. Kunst ist also kein Programm gegen Armut, soziale Benachteiligung oder für einen besseren Umgang mit der Umwelt. Auch der Nutzen der Bildung ist hier eine deutliche Grenze gesetzt; mehr Bildung führt nicht zu weniger Armut, wenn die Politik nicht gute Arbeitsplätze schafft, soziale Benachteilung wird nicht aufhören, bis die Politik mit Maßnahmen zur Inklusion, Frauenquote, MigrantInnenintegration, etc. eine grundsätzliche Gleichheit schafft und mit Gesetzen für vernünftige Umweltstandards sorgt. Die Aufgabe von Kunst ist vielmehr, solche Probleme zu thematisieren und (die Politik) zu fragen: wie viel Armut und Benachteiligung verträgt eine Demokratie, wie viel Umweltschäden kann ein politisches System verkraften?

Und die KünstlerInnen?
2012 initiierte das Bundesministerium für Bildung das mehrjährige Programm „Kultur macht stark- Bündnisse für Bildung“. Gerade die einzelnen Kunstschaffenden auf deren Kreativität und Erfahrungen künstlerischer Projekte beruht sind von den großen Fördertöpfen ausgeschlossen und selbst die kleineren Fördermaßnahmen werden inzwischen von Institutionen in Anspruch genommen, die durchaus schon über eine anderweitige staatliche Unterstützung verfügen. Als Künstler oder Künstlerin eigene Förderungen zu erhalten ist auch in diesem Bereich sehr schwer, was m. E. ein gravierender Fehler ist. Zudem ist die Honorarsituation sehr unbefriedigend. Qualität hat allerdings einen Preis.

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